Martin Buber in den Wind geschlagen?

von Reiner Bernstein

Ein Theologe muss nicht gleichzeitig Nahost-Historiker sein. Wenn Hans-Jürgen Abromeit, evangelischer Bischof in Mecklenburg und Pommern, auf der Jahreskonferenz der Deutschen Evangelischen Allianz (EAD) in Bad Blankenburg das Märchen wiederholt, die frühen Zionisten hätten geglaubt, in ein Land ohne ein Volk zu kommen – eine Behauptung, die gemeinhin Max Nordau, dem Vertrauten Theodor Herzls, zugeschrieben wird –, übersieht er die zahlreichen Gegenbelege in jener Zeit.  

Wenn Abromeit auf Martin Bubers Buch „Ein Land und zwei Völker“ zurückgreift, entfällt auch die ethnozentrisch getränkte Sorge vor dem „demographischen Faktor“, dem sich beide Seiten bedienen. Dass der Bischof die theologisch hochkonservative EAD als Forum nutzt, um seine Ablehnung der deutschen Israel-Diplomatie vorzutragen, mag zwar unglücklich sein, demonstriert aber die Breite der Abkehr von der israelischen Politik, die nicht davor zurückschreckt, Kritik in Bausch und Bogen als antisemitisch zu orchestrieren.  

Denn der Bischof spricht etwas an, was sich in einem Satz zusammenfassen lässt: „Kein Frieden für Israel ohne Frieden für die Palästinenser und umgekehrt.“ Zwei Umstände benennt er dazu: Die deutsche Hintansetzung der politischen Belange des palästinensischen Volkes läuft darauf hinaus, den Staat Israel als jüdischen Staat anzuerkennen, mithin die Konversion des Zionismus in die Vorherrschaft der nationalreligiösen Ideologie zu leugnen und die arabisch-palästinensischen Staatsbürger als ein illegitimes Beiwerk abzutun. Zum anderen unterstellt die von ihm ins Feld geführte deutsche „Überidentifikation“, dass dem Staat Israel die Souveränität des eigenen Handelns fehle, er also ohnmächtig fremden Entscheidungen ausgeliefert sei.  

Dass ein hoher Offizier des israelischen Militärs, der sich als Mitarbeiter des Außenministeriums und des Nachrichtendienstes bester Kontakte nach Berlin brüstet, mit deutscher Finanzierung jenseits der ewig Gestrigen antijüdische Ressentiments schürt, sollte die Initiatoren von geschichtsrevisionistischen „Antisemitismus-Berichten“ endlich zum Nachdenken zwingen.  

Es ist doch bezeichnend, dass der gerade in Berlin angespuckte Rabbiner Yehuda Teichel darauf aufmerksam macht, immer mehr „jüdische Menschen“ (warum die Vermeidung des Wortes „Juden“, Herr Rabbiner? Soll es als Schimpfwort fortgelten?) würden nach Deutschland kommen und hier ihren Glauben leben wollen. Allerdings, so fügte Teichel hinzu: „Damit der Hass nicht gewinnt, müssen wir (…) alle aufstehen, zusammenhalten und füreinander einstehen. Wir gehen nicht mehr weg, wir gehören dazu.“ Und in Erinnerung an den New Yorker Lubavitcher Rebbe Menachem Mendel Schneerson (1902 – 1994): „Wir müssen die Dunkelheit mit Licht bekämpfen.“  

Der Bundesregierung sei empfohlen, neben dem Beraterkreis gegen Antisemitismus einen gegen Islamophobie zu etablieren. Frieden ist nicht teilbar.

Ein Nachwort: Am 09. August warnten Yehuda Teichtal und der in Berlin geborene Sohn palästinensischer Eltern und heutige SPD-Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordneten Raed Saleh in der Kolumne „Fremde Federn“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor einer „Betroffenheitsfalle“: „Momentan kommt es in Deutschland täglich zu Angriffen auf Menschen, weil sie als anders wahrgenommen werden. Durch Antisemiten, Rassisten, Fremdenhasser, Homo- und Islamophobe. Wie die Juden werden auch Muslime permanent und überall angepöbelt, ausgegrenzt und beschimpft. Kippas werden vom Kopf geschlagen und Kopftücher vom Kopf gerissen. Wegen tief sitzender Vorurteile. Damit muss Schluss sein. Wir brauchen mehr als regelmäßig abgespulte Solidaritätsbekundungen, die ohne Konsequenzen bleiben.“ Beide Autoren fordern ein Umdenken durch ein größeres Miteinander, durch Begegnungen, Gespräche und Austausch.