Grenzenlose Hysterie

von Reiner Bernstein

Wer seit nunmehr achtzig Jahren in Deutschland mit dem Familiennamen Bernstein herumläuft, bedarf keiner Belehrungen über das Ausmaß antijüdischer Ressentiments. Schon vor Jahren wurden wir aufgefordert, auf einem Formblatt den „Arier-Nachweis" zu erbringen. Dennoch folgen wir nicht dem geradezu hysterisch auftretenden Antisemitismus-Verdacht, auch wenn mich ein gewisser Arye Sharuz Shalicar mit finanzieller Unterstützung des Bundesinnenministeriums als Antisemiten ausmacht, der sogar die Münchner Elite infiziert habe, und meine Frau Judith als „Alibi-Jüdin“ beschimpft. Shalicar ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als das deutschsprachige Rädchen im Netz eines professionell gesteuerten Betriebssystems. Merke: Seine Ehefrau arbeitet in der deutschen Botschaft in Tel Aviv, seine Schwester kontrolliert im Bildungsministerium die aus Deutschland geförderten Programme.   

Es fällt auf, dass die Berliner Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel im Deutschlandfunk-Kultur keinen blassen Schimmer von der israelischen Regierungspolitik erkennen lässt oder sich von ihrer Kenntnis fernhält, um ihre überwölbende These vom Israel-bezogenen Antisemitismus zu behaupten. Der Blick in die einschlägige Literatur scheint ihr nicht der Mühe wert zu sein. Stattdessen gibt sie sich der Kritik an Eva Illouz, an Moshe Zimmermann und an Amos Goldberg hin. Gerade sind in Beit Sahur bei Jerusalem 16 palästinensische Wohneinheiten niedergerissen worden. Shalicar hat ohne Umschweife den deutschen Botschafter Christoph Heusgen der Doppelmoral und der Scheinheiligkeit beschuldigt, weil dieser im UN-Sicherheitsrat die Zerstörungen kritisierte.  

Geradezu realitätsverweigernd nimmt sich die Rede der Berliner Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesels von der durchgängigen Gleichberechtigung der arabisch-palästinensischen Staatsbürger aus. Vom Eingeständnis „Israel ist krank“, von Staatspräsident Reuven Rivlin vorgetragen, will sie nichts wissen. Die Forderung von Politikern und Intellektuellen selbst aus dem rechten Lager, die Diskriminierung dieser Staatsbürger müsse endlich aufhören, hat sie nicht gelesen. Oder stimmt Schwarz-Friesel dem Nahost-Sonderbeauftragten Donald Trumps zu, der sich gegen die Bezeichnungen „Besatzung“ und „Siedlungen“ verwahrt hat und somit die Westbank als integralen Bestandteil des Staates Israel einreiht? Sind die BDS-Kampagnen antisemitisch, weil sie die Zwei-Staaten-Lösung in Zweifel ziehen, gegen die Menachem Begin schon 1978 zu Felde zog?  

Geflissentlich wird verdrängt, dass hierzulande immer größere Teile der öffentlichen Meinung Israel abgeschrieben haben. Schwarz-Friesel möge sich im Bundestag umhören, warum der Anti-BDS-Beschluss vom 17. Mai zustande kam, nämlich um dem Vorwurf einer antisemitischen Gesinnung zu entgehen. Soweit ist es gekommen, dass sich Parlamentarier dem massiven Druck bestimmter israelischer Interessen und ihrer deutschen Trabanten beugen.  

Idealistische Hoffnungen glaubten einst an die Überwindung des Antisemitismus unter den nachwachsenden Generationen. Diese Erwartungen haben sich durch die israelische Politik gründlich erledigt. Denn wenn sich die nationalreligiöse Ideologie durchsetzt, Gott sei Zionist, der dem jüdischen Volk das ganze Land Israel bedingungslos zugesprochen habe, hat sich die Geltung des Völkerrechts erledigt. Es gehört zu den geradezu dramatischen Fehleinschätzungen der westlichen Diplomatie, die religiöse Logik im Zionismus von heute auszublenden. 

Gegen Benjamin Netanjahus politisch durchsichtige Absichten beharrt Berlin auf ernsten Ermahnungen und tiefen Besorgnissen, die das israelische Kabinett regelmäßig mit Warnungen vor der Einmischung in innere Angelegenheiten quittiert.