"Das Maß ist voll"

von Reiner Bernstein

Ja, das Maß ist voll. Da empfiehlt die Pressesprecherin des Jüdischen Museums Berlin in einem Tweet den Beitrag in der „taz“ über den Appell von 240 jüdischen und israelischen Intellektuellen und Wissenschaftlern, in dem die pauschale Unterstellung zurückgewiesen worden ist, BDS sei von Grund auf antisemitisch – und die Frau wird mit sofortiger Wirkung „freigestellt“, weil sie einen zentralen Satz nicht mit Gänsefüßchen versehen hat.

Darauf melden sich der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und der israelische Botschafter zu Wort und verlangen den Rücktritt Peter Schäfers, weil dieser als Museumsdirektor seiner Aufgabe nicht gewachsen sei, und Andreas Kilb sekundiert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Schäfer tritt zurück, um weiteren Schaden vom Museum abzuwenden, wie er vieldeutig schreibt.

Wie wäre es, wenn alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses ihren Dienst zur Disposition stellen, um ein Zeichen gegen Interventionen zu setzen, welche die Unabhängigkeit des Museums beschädigen? Worauf zielt die Forderung, nun solle eine „junge jüdische Frau“ an die Stelle Schäfers treten, wie die Süddeutsche Zeitung eine Mitarbeiterin zitiert hat? Soll in Zukunft die fachliche Kompetenz für die Leitung des Hauses hintanstehen, das Jahr für Jahr Zehntausende Besucherinnen und Besucher magnetisch anzieht? Soll eine politisch gefügige Chefin her, und soll auch sie erleben, zwischen den Fronten zerrieben zu werden?

Wie wäre es, wenn sich die Bundesregierung, vertreten durch Staatsministerin Monika Grütters, gegen Eingriffe in die Autonomie des Museums entschieden verwahrt? Wo bleibt der Protest jener Stimmen im Bundestag, welche die Anti-BDS-Resolution am 17. Mai nicht mitgetragen haben? Zielen die israelische Politik und ihre Hintersassen erneut darauf ab, sich jede Kritik als antisemitisch zu verbitten?

Man mag Peter Schäfer nicht immer eine glückliche Hand vorwerfen, worüber der Stiftungsrat des Museums das letzte Wort haben muss. Was aber nicht geht, ist der ehrenvolle Empfang israelischer Staatsgäste in Berlin, die zu Hause Rechtsstaat und Demokratie systematisch untergraben. Diese Sorgen stehen im Israel im Mittelpunkt und keine Absonderlichkeiten im deutschen Kulturbetrieb.

Man darf gespannt sein, ob als nächstes die Dauerausstellung „This Place“ mit Fotos über den Alltag in Israel und in der Westbank im Jüdischen Museum dran ist. Da mag schon eine „missverständliche“ Formulierung im Begleitband genügen.