Israel: Bündelung aller Energien

von Reiner Bernstein

Am 12. Juni berichtete „Haaretz“ von Gesprächen zwischen Gilad Erdan, Minister für Strategische Angelegenheiten, und dem Chef des Auslandsgeheimdienstes „Mossad“ („Einrichtung“) Yossi Cohen, die Energien gegen die BDS-Kampagnen weltweit zu koordinieren. Dazu seien die Regionalräte für Samaria und die Hebron-Berge, führende Politiker und Diplomaten im Ausland sowie jüdische Organisationen in den USA und in Europa eingeschaltet worden.

Einen Tag zuvor, am 11. Juni, informierte „Spiegel-online“ vom scharfen Protest des Zentralrats der Juden in Deutschland gegen das Jüdische Museum Berlin, weil dieses die Lektüre des Appells der 240 jüdischen und israelischen Akademikern in der „taz“ empfohlen hatte. Darin hatten sie sich gegen die Unterstellung verwahrt, BDS sei insgesamt antisemitisch. Der Zentralrat schrieb unter der Schlagzeile „Das Maß ist voll“: „Das Jüdische Museum Berlin scheint gänzlich außer Kontrolle geraten zu sein. Unter diesen Umständen muss man darüber nachdenken, ob die Bezeichnung ‚jüdisch‘ noch angemessen ist.“ Anfang des Jahres hatte der Direktor des Museums Peter Schäfer den Feldzug abwehren können, die Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ abzusetzen, weil darin auch die muslimische und christliche Sicht auf die Stadt dokumentiert wurde.

Bereits am 28. Mai hatte die „Jerusalem Post“ die Überschrift „From gangster to peacemaker“ gewählt, um Arye Sharuz Shalicar vorzustellen. Als Kleinkrimineller im Berliner Bezirk Wedding sei Shalicar, dessen Eltern aus dem Iran stammen, von muslimischen Jugendlichen mit antijüdischen Parolen angegriffen worden. 2001 sei er nach Israel ausgewandert und leite nach seiner Funktion als einer der Sprecher des Militärs heute die Abteilung für Auswärtige Beziehungen im Ministerium für Geheimdienstangelegenheiten und Transport unter Israel Katz, dem scharfen Gegner einer Zweistaatenregelung.

In wenigen Tagen stellt Shalicar in Berlins Jüdischer Gemeinde und an der Humboldt-Universität erneut sein Buch „Der neu-deutsche Antisemit“ vor. Seine Reihe wird von Felix Klein finanziell gefördert, dem Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben. In seinem Buch hat mich Shalicar beschuldigt, ich hätte in München die Bürgerinitiative Stolpersteine aufgebaut, weil ich tote Juden liebe, und mit lebendigen Juden in Israel hätte ich Probleme. Wegen Rufmords und Verleumdung habe ich gegen Shalicar und den Verlag Hentrich & Hentrich Klage einreichen lassen.

Die Beispiele zeigen, dass die israelische Regierung alle Hebel in Bewegung setzt, um Kritiker ihrer Politik mundtot zu machen. Noch scheint die Bundesregierung nicht gewillt zu sein, die mit Mehrheit beschlossene Anti-BDS-Resolution des Bundestages vom 17. Mai in einen Gesetzentwurf umzusetzen. Wird sie sich dem israelischen Druck beugen?