Es ist zum Heulen

von Reiner Bernstein

Während die israelische Regierung die Rechtsstaatlichkeit ihres Handelns in der Westbank und im einstig arabischen Ostteil Jerusalems betont, entluden sich am 07. Mai Hassparolen seitens Dutzender Israelis auf dem Messegelände in Tel Aviv.

In einer der Hallen hatten sich Tausende jüdische und arabische Israelis sowie 181 Palästinenser aus den besetzten Gebieten versammelt - gegen den Widerstand des Verteidigungsministers Benjamin Netanjahu hatte der Oberste Gerichtshof ihre Teilnahme durchgesetzt -, um in Reden und Liedern der Todesopfer und Schwerverletzten auf beiden Seiten zu gedenken. An dem auch bei uns über Live Stream zu erlebenden Abend attackierte die aufgeheizte Menge unter der blauweißen Staatsfahne mit dem “Schild Davids” (“Magen David”) die Teilnehmenden mit Rufen wie “Nazis”, “Kapos”, “Terroristen”, “schmutzige Linke”, “Du linke Hure sollst sterben” und “Der Araber, der an der Zeremonie mitmacht, stellt Deiner Tochter nach”. Vor zwei Jahren wurde “Ab mit euch Verrätern in die Gaskammer!” gebrüllt.

Nur gut, dass fast zur selben Stunde die FDP-Spitzenkandidatin für die Europawahl Nicola Beer in Bielefeld von der Start-up-Szene in Tel Aviv schwärmte. Da dort “alle so wie wir” seien, fahre sie gern in diese Stadt, wenn es ihr in der Bundesrepublik zu eng werde. So also sollen Hoffnungen nach dem 26. Mai auf mehr lebendige Demokratie in Europa aussehen. Es ist zum Heulen.

Derweil wächst die Zahl der Teilnehmenden seit 2005 an der Gedenkveranstaltung des “Parents Circle” unter Führung der israelisch-palästinensischen “Combatants for Peace” - Religiöse wie Säkulare und besonders viele junge Menschen. Wurden sie früher als “yeffej nefesh” (“schöne Seelen”) verlacht, sieht sich Netanjahu heute gezwungen, den Obersten Gerichtshof für seine Entscheidung zu rügen. Es stimmt, dass auch diesmal überwiegend aschkenasische, also europäisch-amerikanische, Juden gekommen waren, und es stimmt auch, dass das Ergebnis der Parlamentswahlen am 09. April die Fortsetzung der bisherigen Politik der Unversöhnlichkeit gegenüber den Palästinensern zu garantieren scheint.

Einer der angesehensten Publizisten (keineswegs ein “Linker”) hat gleichwohl die Frage aufgeworfen, ob der jüngste Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen stattgefunden hätte, wenn die Regierung in Jerusalem die Nutzung der Erdölfelder vor der Küste, den Bau eines Flughafens und einer Entsalzungsanlage genehmigt hätte. Auf meine Anfrage hin antwortete mir das Bundeskanzleramt vor wenigen Tagen: Es bestehe “selbstverständlich der allgemeine Wunsch, mit der künftigen israelischen Regierung eng, freundschaftlich und vertrauensvoll zusammenzuarbeiten”. Es ist zum Heulen.