Nun mal langsam

von Reiner Bernstein

Ich entsinne mich, dass einst ein prominentes Mitglied der Münchner jüdischen Kultusgemeinde meiner Auffassung heftig widersprach, es gebe in der Stadt Ausformungen des Antisemitismus. Nein, das könne er nicht bestätigen. Inzwischen hat der mit der Beauftragung zum Antisemitismus-Experten abgefundene frühere bayerische Bildungsminister Ludwig Spaenle öffentliche Einrichtungen wie Schulen und Universitäten aufgefordert, in ihren Lehrveranstaltungen das wahre Israel zu zeigen. Würden sie diesem Rat folgen, würden die selbsternannten Israel-Freunde zumindest ins Grübeln geraten – sollten sie einer solchen Empfindung fähig sein.

Schon in den 1980er Jahren hatte der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer festgestellt, dass der Antisemitismus in die Mitte der Gesellschaft eingewandert sei. Heute vergeht kein Tag, in dem nicht von Übergriffen gegen Juden berichtet wird, wobei sich bisweilen der Eindruck einer Hysterie einstellt. Denn eines fällt auf: Die viel häufigeren Schmähungen und physischen Angriffe auf Musliminnen mit Kopftuch finden kaum den Weg in die Öffentlichkeit. Hat sich hier wie weiland in den Debatten um die Ermordeten des Naziregimes eine Hierarchisierung eingestellt? Soll es Opfer erster und zweiter Klasse geben? Richtet sich das Urteil nach der Zahl der Toten und Erniedrigten, obwohl gemäß einer talmudischen Feststellung jeder Mensch eine ganze Welt ist? Oder soll der Talmudist nur Juden gemeint haben?

Dass antisemitische Ressentiments unter Zuwanderern aus arabischen und muslimischen Staaten eine schwer erträgliche Bürde darstellen, ist eindeutig. Dass sie auch unter Jugendlichen der zweiten und dritten Generation der in Deutschland Aufgewachsenen vorhanden sind, wird üblicherweise auf Rassismus, Entfremdung und Unterprivilegierung zurückgeführt. Tatsächlich haben sich in bestimmten Stadtvierteln Parallelgemeinschaften eingerichtet, die dem Rechtsstaat kriminellen Trotz bieten.

Fast verschämt wird hingegen der Transport des Hasses auf die Juden (bitte nicht der „Judenhass“!) unter dem Deckmantel einer überzogenen Kritik an Israel beklagt. Doch:

 – Was käme heraus, wenn – um Spaenle noch einmal zu zitieren – die deutsche Verfassung mit dem „Nationalstaatsgesetz für das jüdische Volk“ vom Juli 2018 verglichen würde? Delegitimiert und dämonisiert die BDS-Kampagne, so die Ko-Vorsitzende der bayerischen „Grünen“ Katharina Schulze, „die einzige rechtsstaatliche Demokratie“ im Nahen Osten? Warum schreckt sie nicht davor zurück, die Parole „Kauft nicht bei Juden!“ am 01. April 1933 herbeizuziehen?

 – Machen sich soziale Medien des Antisemitismus schuldig, wenn sie Landkarten Israels ohne „Judäa und Samaria“ abbilden?

 – Wie kommt es, dass die Ausstellung „Sag Schibolet“ im Münchner Jüdischen Museum über sichtbare und unsichtbare Grenzen und Mauern ohne jeglichen Bezug auf die „Trennungsmauern“ mit mehr als 700 Kilometern in der Westbank und um Jerusalem auskommt?

 In der vom damaligen Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier initiierten Veröffentlichung „Review 2014 – Außenpolitik weiterdenken“ sind „schwierige Abwägungen“ angemerkt worden. Auf Israel scheinen sie nicht anwendbar zu sein. Uns fehle – zitierte der Bericht einen Diplomaten – „ein Kanal zu sagen, was falsch läuft“. Andere Mitarbeiter beklagten sogar eine ausgeprägte „Gehorsamskultur“. Jürgen Trittin hat jüngst die Vermutung geäußert, dass die Zustimmung vieler Abgeordneter zur Resolution gegen die BDS-Kampagne von einem „Klima der Einschüchterung“ getragen werde und „von dem Motiv geleitet“ sei, „sich nicht selber dem unberechtigten Vorwurf des Antisemitismus auszusetzen“. Die Unterwerfung unter die Angst hat Zwangsvorstellungen hervorgebracht, welche das eigene Denken verhindern und Bekenntnisse zur „Verantwortung“ inflationieren. Dass sie die Glaubwürdigkeit beschädigen – sei’s drum. „Bibi“ lacht sich ins Fäustchen.