"Wie alle Völker...?"

von Reiner Bernstein

1930 hat der erste Rektor der Hebräischen Universität Judah L. Magnes in englischer und deutscher Sprache die Broschüre “Wie alle Völker…? Aufsätze zur zionistischen Politik” vorgelegt. Darin diskutierte Magnes die Alternative, ob das jüdische Volk im künftigen nationalen Gemeinwesen lediglich an den Geboten Gottes als einziger Überlebensgarantie festhalten oder ein Volk wie jedes andere werden wolle. Diese Debatte zieht sich mit allen innen- und außenpolitischen Konsequenzen durch die Geschichte des Staates Israel. Die Palästinenser jenseits der Spaltung zwischen Ramallah und Gaza haben ihr wenig entgegenzusetzen.

In Auswertung der einschlägigen Fachliteratur und biblischer Exegesen ist jetzt in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt mein Buch “Wie alle Völker…? Israel und Palästina als Problem der internationalen Diplomatie” erschienen. In meiner Einleitung weise ich auf die Vorhersage André Malraux’ hin, das 21. Jahrhundert werde das Jahrhundert der Religion sein, oder es werde gar nicht sein. Welche Regierung kein “tieferes Verständnis für die religiösen und philosophischen Vorstellungen anderer Zivilisationen” mitbringe - so der frühere EU-Kommissionspräsident Jacques Delors -, wird politisch am israelisch-palästinensischen Konflikt scheitern. Sigmar Gabriel hat ergänzt: “Vor allem werden wir uns künftig mehr Mühe geben müssen, bevor wir selbst handeln und uns ihnen (anderen Regierungen) moralisch überlegen fühlen.” In Donald Trumps “Friedensplan” spielen die Palästinenser wie bei Benjamin Netanjahu keine Rolle. Auch die internationale Diplomatie gibt sich überzeugt, dass mit ausgiebigen Wirtschaftshilfen den Palästinensern der nationale Schneid abgekauft werden könne. Auch arabische Staaten, allen voran die Golf-Emirate, teilen mittlerweile diese Strategie und haben einen Annäherungsprozess an Israel in Gang gesetzt. Nur die zentrale Frage nach der politischen Zukunft Ost-Jerusalems bleibt strittig.

Mein Buch, dem zahlreiche Dokumente und ein ausführlich begleitendes Literaturverzeichnis beigegeben sind, schließt mit dem Vorschlag an die Adresse des Berliner Auswärtigen Amtes, nach dem Scheitern der Zwei-Staaten-Lösung im Benehmen mit der EU-Kommission einen Konvent palästinensischer und israelischer Experten zur Entwicklung von Verfassungsmodellen für das Territorium zwischen Mittelmeer und Jordan zu fördern:

https://www.wbg-wissenverbindet.de/14782/wie-alle-voelker...?number=1022051

Die Debatte hat auch den israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin, einen entschiedenen Gegner eines Staates Palästina, erreicht. Das Vorwort hat Prof.Dr. Moshe Zimmermann (Jerusalem) beigesteuert.