Flucht in pädagogische Reparaturbetriebe

von Reiner Bernstein

In Göttingen verhindern Studierende die Lesung von Thomas de Maizière aus seinem Buch „Regieren. Innenansichten der Politik“, in Hamburg legen Studierende dem AfD-Gründer Bernd Lucke die Vorlesung über Makroökonomie lahm, in Berlin und anderswo werden Parteibüros demoliert und Abgeordnete bedroht. In Halle will ein Mörder die Synagoge stürmen und erschießt zwei Passanten auf offener Straße.

Die Aufregung ist groß, die Proteste lassen nichts zu wünschen übrig. Bundes- und Landesregierungen rufen zur Rettung der liberalen Demokratie auf, fordern die Justiz zu strafrechtlichen Konsequenzen auf und sagen den besseren Schutz von Synagogen, Moscheen und religiös getragene Einrichtungen wie Kindergärten und Altenheime zu.

Vor allem jedoch wird eine bessere Bildungsarbeit beschworen, um rechte und linke Extremisten zu isolieren und die „Mitte der Gesellschaft“ zu immunisieren. Dabei vergeht kaum ein Tag, an dem Schulen, Universitäten und Medien der Fremdenfeindlichkeit und dem Rassismus nicht gegenzusteuern versuchen. Kontrafaktisch lässt der Jüdische Weltkongress wissen, dass „Eliten“ vom Antisemitismus und von antijüdischen Ressentiments befallen seien. Überfordertes Lehrpersonal, Überfütterung durch Schreckensszenarien aus der Zeit des „Dritten Reichs“ in Europa?

Drei Berichte im „Spiegel“ im Juli und am 26. Oktober könnten der Behauptung Nahrung geben, dass jüdische Repräsentanten mit arroganten Auftritten in Berlin israelischen Regierungsinteressen aufhelfen wollen. Andere vermuten, dass die „Bewältigung der Vergangenheit“ unvollständig geblieben sei, weil der Wohlstand das politische Gewissen überlagere. Dritte heben hervor, dass sich sozial und kulturell „Abgehängte“ durch die technologischen Umbrüche mit den Konsequenzen für die Gestaltung ihres Lebens überfordert sehen. Solche Begründungen können nicht in Gänze erklären, warum sich gerade in jüngster Zeit Gewalt, Terror und Hass dermaßen häufen.

Der legitime politische Diskurs und Respekt vor dem Unbequemen bleiben auf der Strecke. Sie sind der Überschwemmung durch Bilder und Nachrichten in den sozialen Medien gewichen. Für ihre materielle Überprüfung und ihre intellektuelle Verarbeitung bleibt keine Zeit. Ihr Gegenpol des „Nie wieder!“, der Appell an verstärkte Wachsamkeit, die allfällige Beschwörung des gesellschaftlichen Friedens und die Berufung von Beauftragten gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit nehmen sich ritualisiert aus. Der Besuch von einstigen Konzentrations- und Vernichtungsstätten berührt nur jene, die das Bedürfnis des Innehaltens spüren, alles in allem eine aussterbende Spezies.

Wenn antijüdische Dispositionen von einer Generation zur nächsten weitergereicht werden, können vermehrte Kenntnisse Ignoranz und Gewalt nicht beheben. Stimmt diese These, richtet Pädagogik als Reparaturbetrieb eines fast gesamtgesellschaftlich gewordenen Phänomens wenig aus. 20, 30 oder gar 40 Prozent lassen sich nicht zur psychotherapeutischen Behandlung auf die Couch zwingen. Vom vermeintlich sicheren Port lässt sich’s gemächlich raten, will man jenen befremdlich argumentierenden Beobachtern in Israel zurufen, die sich die Kommentierung der Gewaltspirale im eigenen Land versagen und stattdessen Nichtjuden und Juden in der Bundesrepublik verhöhnen, die sich öffentlich gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit verwahren.