Welches Israel?

von Reiner Bernstein

Die Berliner Literaturwissenschaftlerin Elvira Groezinger hat am 31. August in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Leserbrief geschrieben, den die Redaktion mit der Überschrift „Falscher Ton gegenüber den Freunden Israels“ versehen hat. Ungeachtet ihrer berechtigten scharfen Kritik am „israelbezogenen Antisemitismus“ verwahrt sich Groezinger im Namen der deutschen Sektion einer internationalen Wissenschaftsorganisation „Scholars for Peace in the Middle East“ gegen den „Boykott des Staates Israel“ und setzt Appelle, keine „israelischen“ Erzeugnisse zu kaufen, mit dem infamen 01. April 1933 „Kauft nicht bei Juden!“ gleich.

Man mag ein solche Meinungsäußerung als weiteren Beleg dafür hinnehmen, dass in den aufgeheizten Israel-Palästina-Debatten Urteile häufig hinter der politischen Fachkompetenz zurückbleiben – würde sie nicht am selben Tag und an gleicher Stelle von Jochen Stahnkes Bericht über Israels „Politik der schleichenden Annexion“ zurechtgerückt werden, der sich selbst der Oberste Gerichtshof beugt.

Die Angelegenheit ist über den Tag hinaus ernst. Denn Groezinger will darüber entscheiden, wer die „Freunde Israels“ und wer „in Wahrheit Judenfeinde im neuen Gewand“ seien, und führt damit den innerzionistischen Streit aus den 1920er Jahren gegen Hugo Bergmann, Martin Buber, Hans Kohn, Judah L. Magnes, Arthur Ruppin, Gershom Scholem, Ernst Simon, Henrietta Szold und Robert Weltsch fort, die für den „anderen Zionismus“ – den notwendigen Ausgleich mit der Mehrheitsbevölkerung – eintraten.

Will Groezinger jene jüdischen und arabischen Israelis, die an dieser humanistischen Tradition festhalten, wie Yehuda Bauer, Abraham Burg, Naomi Chazan, Mohammad Darawshe, Galia Golan, David Grossman, Etgar Keret, Dov Khenin, Mordechai Kremnitzer, David Kretzmer, Ayman Odeh, Amos Oz, Ze‘ev Sternhell, Achmed Tibi und A.B. Yehoshua zu den Verderbern Israels zählen, weil sie sich gegen Naftali Bennett, Avigdor Lieberman, Benjamin Netanjahu, Miri Regev und Ayelet Shaked stellen, um den Namen Israels vor der moralischen Zerrüttung zu retten? Glaubt sie, dass unter den Anhängern von BDS-Kampagnen (zu denen ich nicht gehöre) nicht längst aufgefallen ist, dass seit 1978 die „Grüne Linie“ des israelisch-jordanischen Waffenstillstandsvertrages aus allen amtlichen Dokumenten entfernt wurde und die Westbank als „Judäa und Samaria“ ausgewiesen wird?

Es ist fatal, dass Groezinger aufs letzte ideologische Gefecht einschwenkt, nachdem selbst der Zentralrat der Juden in Deutschland zum „Nationalstaatsgesetz“ des 19. Juli (ansonsten um keine Stellungnahme verlegen) schweigt, weil es der arabisch-palästinensischen Bevölkerung endgültig den staatsbürgerlichen Sekundärstatus zuschreibt. Die Autorin möge sich vorstellen, welche öffentliche Entrüstung hierzulande losbräche, würde der Bundestag ein Gesetz gegen eine Minderheit wie die jüdische verabschieden.