Zeit für die Kehrtwende

von Reiner Bernstein

Es ist verrückt: Immer mehr jüdische Israelis suchen das Weite, reisen durch die Welt, Soldaten genehmigen sich nach dem Wehrdienst einen bisweilen mehrjährigen Erholungsaufenthalt in Asien und in den beiden Amerikas – und die Regierung in Jerusalem drückt in der Knesset mit dem „Nationalstaatsgesetz“ einen ethnoreligiösen Rechtsrahmen durch, der das erste Gebot der Menschenrechtscharta außer Kraft setzen soll: Alle Menschen sind frei und haben Anspruch auf Anerkennung ihrer Würde in der individuellen Lebensführung.

Hat der Staat Israel endgültig und unwiderruflich den Weg eingeschlagen, sich aus der Geschichte verabschieden zu wollen, wie das vor fast hundert Jahren Martin Buber, Chaim Margolis Kalvarisky, Hans Kohn, Georg Landauer, Judah L. Magnes, Arthur Ruppin, Gershom Scholem, Ernst Simon, Henrietta Szold und Robert Weltsch als Spitzen des „alternativen Zionismus“ schon befürchteten?

Sind mehr als zweitausend Jahre „unter den Völkern“ vergessen? Ist es gerechtfertigt, das Leben von Millionen Juden außerhalb des Staates Israel als Exil und Verbannung („Galut“) abzuqualifizieren, obwohl sie großartige Leistungen auf den Feldern der Kultur, der Wissenschaften, der Wirtschaft und der Politik erbringen, ohne deren Kraft das nunmehr monolithisch aufgezäumte Gemeinwesen im Nahen Osten ziemlich bescheiden daherkommt? Israels Nationalhymne begann mit dem Ruf „Noch ist unsere Hoffnung nicht verloren“. Das neue Gesetz soll ihm den Garaus machen, indem es den Glauben an die Zukunft einer Deutung unterwerfen soll, die Scholem als eine „tödliche Gefahr“ witterte, „den Untergang, in den hier vor sich gehenden Prozessen“.

Haben wir damit nichts zu tun? Angela Merkels Beschwichtigungen dürfen nicht das letzte Wort bleiben, sie verfolge die innerisraelischen Diskussionen „sehr, sehr aufmerksam“, doch verbiete sich die politische Einmischung. Ist diese Zurückhaltung die Antwort auf die deutsch-jüdische Katastrophe in Europa?

Benjamin Netanjahus „Nationalstaatsgesetz“ muss die Kehrtwende zur Weltoffenheit Israels einleiten, damit die Hymne nicht untergeht. Wenn nicht jetzt, wann dann?