Allein auf dieser Welt

von Reiner Bernstein

                                                                

   "Ein Volk, das allein wohnt und sich nicht zu den Vökern rechnet"                                                                                                                                                         

Die Kontroverse um die Bedeutung der Religion im politischen Zionismus blickt auf hundert Jahre zurück. Die Idee eines säkularen Nationalstaates kam nur schwer zum Zuge. Zwar trugen die „niederen Seelen“ der Land- und Bauarbeiter keine Gebetsriemen, doch bewiesen sie, dass in ihrem Herzen die jüdische Heiligkeit verborgen liege, hat der erste, von der britischen Mandatsmacht eingesetzte aschkenasische Oberrabbiner in Palästina Abraham Issac Kook (1865 – 1935) ausgeführt. Inzwischen sind die ideologischen Schlachten geschlagen, Lebensentwürfe des einzelnen weichen der Sakralisierung des nationalen Kollektivs.

Den Herausforderungen hatte Judah L. Magnes (San Francisco 1877 – New York 1948), in der Aufbauphase Präsident und seit 1925 Kanzler der Hebräischen Universität, 1930 in seiner Broschüre „Wie alle Völker…?“ thematisiert und ihnen den biblischen Vers vorangestellt „Welch anderes Volk auf Erden ist wie Dein Volk in Israel[2]?“. Magnes wollte ermitteln, ob der Zionismus aufgrund der jüdischen Bindung an Gott ein Gemeinwesen jenseits der Realgeschichte schaffen wolle und daraus ein exklusives Eigentumsrecht auf das Land Israel ableite. Oder laute die Alternative, dass sich der künftige Staat als Teil der Völkergemeinschaft mit allen Rechten und Pflichten zu verstehen gedenke?

Golda Meir (1898 – 1978) wählte in ihrer Biographie den Zwischentitel „We are alone“. Der Theologe und Diplomat Yaacov Herzog (1921 – 1972) flankierte sie in seinem Essay- und Vortragsband „A People That Dwells Alone“. Die Erinnerung an die „Shoah“ hat Neigungen verstärkt, gegenüber der Welt „keine Wahl“ zu haben. „Wir sind Überlebende des Holocaust und sehen überall Gefahren. Israelis und Palästinenser – auch sie Überlebende zahlreicher Fremdherrschaften – kennen nur die Sprache der Gewalt“, hat David Grossman 1999 eingeräumt.

Die Schärfe der Wahrnehmungen überlagert das „Jüdische Nationalstaatsgesetz“ vom gestrigen 19. Juli 2018. In ihm ist Israel als jüdischer Staat definiert worden, die jüdischen Siedlungen werden als „nationaler Wert“ bezeichnet – was dem Kauf von Immobilien durch arabische Staatsbürger einen Riegel vorschieben soll –, der arabischen Sprache ist ein „spezieller Status“ zugewiesen, der die Gleichwertigkeit mit dem Hebräischen vermissen lässt, und das demokratische Selbstverständnis in der Unabhängigkeitserklärung von 1948 ist entfallen. Im Vorfeld hatte Bildungsminister Naftali Bennett gewarnt, die „israelischen Araber“ sollten „unsere Geduld nicht strapazieren“. Für Kommentatoren rückte die Trauer um die Zerstörung des ersten und zweiten Tempels am 9. Tag des Monats Av („Tisha b’Av“), der nach der christlichen Zeitrechnung gewöhnlich in den frühen August fällt, näher und mündete im „freien Hass“ („Sin’at Hinam“) gegen alles Fremde.

Konnte und wollte der „jüdische“ Staat ein egalitäres politisches und kulturelles Konzept garantieren, oder war er von vornherein auf die „res publica judaica“ als Leitkultur verpflichtet? Staatspräsident Reuven Rivlin klagte, das Gesetz werde die Juden in aller Welt und in Israel belasten. Es habe nichts mit dem Judentum zu tun, sondern sei Ausdruck eines extremen Nationalismus, wurde der Regierung vorgehalten. Benjamin Netanjahu – der am Rednerpult eine Kippa trug – pries Israel als den einzigen demokratischen Staat im Nahen Osten, „der das Recht respektiert“. Ob der Oberste Gerichtshof Korrekturen anbringen kann, ist aufgrund seiner Besetzung höchst ungewiss.

Dem Zentralrat der Juden in Deutschland, ansonsten zur affirmativen Begleitung der israelischen Politik stets bereits, scheint es die Sprache verschlagen zu haben.

[1]   So übersetzten Martin Buber und Franz Rosenzweig den Vers im 5. Buch Mose 23,9. Amos Funkenstein (1937 – 1995) hat auf die tägliche Danksagung in der Liturgie aufmerksam gemacht, dass der Schöpfer „uns nicht gleich den Völkern der Länder erschaffen und uns nicht den anderen Geschlechtern der Erde gleichgestaltet hat“.

 [2]   2. Samuel 7,23.

 

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