1967: Diesseits und jenseits der Geschichte

von Reiner Bernstein 

In diesen Tagen, in denen sich die Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern wieder zuspitzt, soll erneut darauf aufmerksam gemacht werden, dass diesem Konflikt der tiefe Streit um die Essenz des religiösen Judentums in der Politik Israels zugrunde liegt. Der einzige deutsche Politiker, der dies verstanden hat, ist der damalige Außenminister Sigmar Gabriel, der am 31. Januar 2018 vor dem Tel Aviver „Institute for National Security" (vergleichbar der Münchner Sicherheitskonferenz) der israelischen Politik die kritische Frage nach ihrer Strategie vorgelegt hat. Kapituliert diese vor dem Einfluss der religiösen Orthodoxie, die den Staat von der Kultur der liberalen Moderne abzukoppeln sucht? Erweist sich ihr spekulativer Messianismus für viele jüdische Israelis als Rettungsanker vor den global ausgreifenden Verwerfungen der Gegenwart?      

Die Kontroverse eine lange Vorgeschichte. 1930 warf der erste Kanzler der Hebräischen Universität in Jerusalem Judah L. Magnes (1877 – 1948) in seiner Broschüre „Wie alle Völker…?“ die folgende Frage auf: Wolle der Zionismus aufgrund der jüdischen Bindung an Gott ein Gemeinwesen schaffen, das jenseits der Geschichte ein Volk sei, das gemäß der Prophezeiung des biblischen Bileam „allein wohnt und sich nicht zu den anderen Völkern rechnet“, oder ob der künftige Staat gedenke, sich als Teil der Völkergemeinschaft zu verstehen. Magnes gehörte zu den prägenden Persönlichkeiten des „Brit Shalom“ („Friedensbund“), der 1929 beschloss:

„Dem Brith Schalom schwebt ein binationales Palästina vor, in welchem beide Völker in völliger Gleichberechtigung leben, beide als gleich starke Faktoren das Schicksal des Landes bestimmend, ohne Rücksicht darauf, welches der beiden Völker an Zahl überragt. Ebenso wie die wohlerworbenen Rechte der Araber nicht um Haaresbreite verkürzt werden dürfen, ebenso muss das Recht der Juden anerkannt werden, sich in ihrem alten Heimatlande ungestört nach ihrer nationalen Eigenart zu entwickeln und eine möglichst große Zahl ihrer Brüder an dieser Entwicklung teilnehmen zu lassen.“ 

Ein Jahr später bestätigte Magnes in einem Beitrag für die „New York Times“, dass er der Autor dieses Programms sei. Seit dem Junikrieg 1967 ist die vermeintliche jüdische Einsamkeit zum nationalen Statussymbol geworden. An ihm scheitern Regelungsangebote der internationalen Diplomatie.

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Die Diskussion um die von Magnes angestoßene Debatte entschied sich 1967. Die Unterscheidung zwischen den „kleinzionistischen“ Interessen – der Gründung 1948 – und den „großzionistischen“ Bindungen war erledigt. Der Gewinn Ost-Jerusalems, der Westbank, des Gazastreifens und der Golanhöhen prägte sich im israelischen Bewusstsein nachhaltiger ein als die Bedrohung im Oktoberkrieg 1973 mit seinen 2.700 toten Soldaten. Der Zionismus erfuhr endgültig eine spirituelle Definition: „Heimwärts führte Gott die Gefangenen Zions. Uns war, als geschah es im Traum[1].“ Eine neue Epoche in der Geschichte Israels und des jüdischen Volkes habe begonnen, befand der Theologe und Diplomat Yaacov Herzog, nachdem Gott Sein Volk nach der Zerstörung des Zweiten Tempels ins Exil geschickt habe.

Als die Soldaten am 06./07. Juni 1967 die westliche Umfassung des ehemaligen Tempelberg-Areals erreichten, feierten sie die Lebendigkeit der Prophezeiung des Propheten: In den Tagen der Einkehr des Messias in die Stadt „wird Juda Heil erfahren, und Israel wird in Sicherheit wohnen. Und das ist sein Name, den man ihm geben wird: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit“. Für den späteren Außenminister Shlomo Ben-Ami wurde der Zionismus „durch die Begegnung der Israelis mit den biblischen Landen und durch die Vernarrtheit in die neuen Territorien“ gefährlich neu definiert. Israel stand für den Generalsekretär der Arbeitspartei Arie Lova Eliav (1921 - 2010) an einer schicksalhaften Wegscheide“ mit dem Ergebnis, „dass wir unsere wahre Natur und unseren zionistischen Weg verleugnen“. Nach Auffassung des Historikers Shlomo Avineri mutierte der Zionismus mit der Sakralisierung „Judäas und Samarias“ von einer Bewegung zur „Befreiung von Menschen” in einen Deismus zur „Befreiung von Bäumen oder Steinen, von schönen Tälern und Hügeln” im biblischen Land. In seinen Essays „Counterlife” zitierte der Schriftsteller Philip Roth ironisch einen Siedler: „Sehen Sie jenen Baum? Ein jüdischer Baum. Sehen Sie jenen Vogel? Das ist ein jüdischer Vogel. Sehen Sie dort oben? Eine jüdische Wolke. Es gibt kein anderes Land für Juden als dieses.”

Abba Ebans (1915 - 2002) frühe Ermahnung, „unsere unzweifelhaften historischen Rechte … in eine tragfähige Balance mit den Rechten anderer (zu) bringen und damit unserem eigenen Recht auf einen endgültigen Frieden“ den Pfad zu ebnen, blieb ungehört. Chaim Weizmanns Neffe Ezer Weizman, Verteidigungsminister, Außenminister und Staatspräsident, war „– geboren aus den Nachkommen Abrahams im Lande Abrahams – (...) überall mit dabei”. Avraham Burg, Präsident der Knesset zwischen 1999 und 2002, gedachte seiner Vorfahren: „… wenn mein Ur-Ur-Ur-Großvater in [Osteuropa] vom Land Israel träumte, träumte er nicht von Afeka [bei Tel Aviv]. Auch bin ich nicht so sicher, dass Ein Harod [im Norden Israels] in seinen Sehnsüchten eine entscheidende Rolle spielte.“ Mit der Befreiung Judäas und Samaria hatte Gott dem jüdischen Volk ein größeres Zeichen seiner Liebe als 1948 gegeben.

An die Stelle des von Menschen verhandelten Friedens solle der Friede Gottes treten, der höher sei als alle menschliche Vernunft – eine Befreiungstheologie zur Aufhebung der Zwei-Reiche-Lehre zugunsten eines sakralen Volksgedächtnisses. Den Mord an einen 11 Jahre alten religiösen Jungen in der Siedlung Itamar (bei Nablus) im März 2011 – vermutlich begangen von einem Wanderarbeiter aus Asien – würdigte der amtierende Rabbiner als Erfüllung des göttlichen Willens. Das Wohnen im Lande Israel wiege alle anderen Gebote der Thora auf, heißt es in einem „Midrash“, den Deutungen und Stellungnahmen zu Texten des rabbinischen Judentums[2].

Als Shlomo Goren (1917 - 1994), oberster Militärrabbiner im Generalsrang, gemeinsam mit der 55. Fallschirmjäger-Brigade die Altstadt betrat, entfaltete er auf dem Tempelberg („Har Ha-Bait“) die Thora-Rolle und blies in das Widderhorn („Shofar“). Er schlug vor, den Felsendom („Omar-Moschee“) zu sprengen, weil sie der jüdisch-sakralen Überzeitlichkeit zuwiderlaufe, worauf der Chef des Zentralkommandos ihn ins Gefängnis zu werfen drohte. Von den fünf Faktoren der göttlichen Vorsehung hatten sich für den seit 1973 amtierenden Oberrabbiner Goren immerhin drei erfüllt:

– Der Krieg hatte die Erlösung des Landes Israel von fremder Herrschaft bewirkt,

– eine souveräne jüdische Regierung war in allen seinen Teilen etabliert und

– der Krieg hatte eine jüdische Mehrheit konstituiert, weil die Solidarität eine beträchtliche Zahl Neueinwanderer ins Land brachte.

Nur noch die Wiedererrichtung des Obersten Gerichtshofs, des „Sanhedrin“ in talmudischer Zeit, und der Bau des Dritten Tempels standen aus. Mitte der 1980er Jahren plädierten die Repräsentanten des „jüdischen Untergrunds“ („Machteret Yehudit“) noch einmal für den Abriss der Moscheen. Als wichtigster „Neubauentwickler“ zu Lasten palästinensischer Eigentümer und Bewohner im Ostteil Jerusalems wiederholte Arye King, der Beauftragte des US-amerikanischen Spielkasino-Moguls Irving Moskowitz 2017 die Parole, den Felsendom („Qubbat Al-Sakhra“) zu zerstören.

Fortan verbat sich eine „elastische Geographie“, kritisierte der politische Geograph Eyal Weizman, jede Kompromissbereitschaft als das Werk einer exilischen Mentalität. Ein weltläufiges Judentum laufe auf die Eigenliquidierung des Staates Israel hinaus, so wie der Aufstand der Sadduzäer gegen die Römer zur Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer im Jahr 71 n.d.Z. geführt habe. Ein Verzicht auf das Land komme der Verlegung des Shabbat als Ruhetag Gottes auf den muslimischen Feiertag. Die Auflösung einer Siedlung in der Westbank bedeute die Profanisierung des göttlichen Gebots. Die Suche des Herzlschen Zionismus nach dem „neuen Juden" hatte sich verkehrt. 

In ihr Wahlmanifest für 1977, als nicht mehr als dreitausend Juden in der Westbank wohnten, bestand die Arbeitspartei auf dem ewigen „Recht des jüdischen Volkes auf das Land Israel“. Keine Regierung könne sich darauf festlegen, dauerhaft Juden aus irgendeinem Teil des Heiligen Landes zu verbannen, schrieb Golda Meir in ihrer Biographie. Das Programm nahm die Überzeugung der von Natan Sharanski 1996 aus russischen Einwanderern gegründeten Partei „Israel im Aufstieg“ („Israel b’Aliyah“) voraus, die ihren „tiefen Glauben an das historische und uneingeschränkte Recht des jüdischen Volkes auf alle Teile des Landes unserer Väter“ bekundete. Dennoch war der Kampf gegen den nationalen Defätismus noch nicht gewonnen, so dass sich der Netanjahu-Intimus Yoram Hazony gegen den „systematischen Angriff des kulturellen und intellektuellen Establishments“ verwahrte, damit der „Drang zum Selbstmord“ ein Ende finde. 

Zu den frühen Vertretern der spekulativen Theologie gehörte der Autor Nathan Alterman (1910 – 1970). In einem Beitrag für das damalige Massenblatt „Maariv“ schrieb er am 16. Juni 1967:

„Dies ist die Bedeutung unseres Sieges: Er tilgte gegen alle praktischen Absichten die Unterscheidung zwischen dem Staat Israel und dem Land Israel. Zum ersten Mal seit der Zerstörung des Zweiten Tempels ist das Land Israel in unserer Hand. Seither sind der Staat und das Land eine Einheit...[3]

Alterman sei die Stimme und wir ihr Echo, urteilte Moshe Dayan (1915 - 1981). Für Shimon Peres (1923 - 2016) identifizierte sich Dayan „ebenso mit unseren Ahnen, die noch Sandalen und wehende Gewänder trugen, wie mit unseren Zeitgenossen, die in den Cockpits der Düsenjäger saßen“. Am 22. September erschien in den Zeitungen „Davar“, „Yediot Achronot“, „Maariv“ und „Haaretz“ das Manifest „Für das ganze Land Israel“:

„Das Land Israel befindet sich nunmehr in den Händen des jüdischen Volkes... Wir sind verpflichtet, der Unversehrtheit unseres Landes die Treue zu bewahren – verpflichtet gleichermaßen gegenüber der Vergangenheit wie der Zukunft des jüdischen Volkes –, und keine Regierung hat das Recht, auf diese Vollkommenheit des Landes zu verzichten.“

Für den Literaturwissenschaftler Dan Meron war das Manifest eines der wichtigsten Zeugnisse, die je in Israel geschrieben wurden. Zu den Unterzeichnern gehörten außer Nathan Alterman der Dichter Chaim Guri (1923 – 2018) – nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatte er in Europa die Traumata der Holocaust-Überlebenden erlebt und dann in seinem Gedicht „Bab El-Wad“ / „Sha’ar Hagai“ („Tor zum Tal“) an die israelischen Soldaten erinnert, die dort für den Durchbruch nach Jerusalem sorgen sollten –, der Schriftsteller Moshe Shamir (1921 – 2004) – 1955 Bialik-Preisträger und bis 1967 zur „Mapam“, zog er 1977 für den „Likud“ in die Knesset ein und verließ die Partei gemeinsam mit Geula Cohen nach dem Friedensvertrag mit Ägypten 1978 –, der Nobelpreisträger „Shai” Agnon (1888 – 1970), Haim Hazzaz (1898 – 1973) – in seiner Novelle „Ha-Drasha“ („Die Forderung“) hatte er unterstellt, wer kein Jude in der von schrecklichen Leiden getränkten jüdischen Geschichte mehr sein wolle und könne, dem bleibe nur die Rückkehr nach Zion –, die Dichter Uri Zvi Greenberg (1886 – 1981) und der einst zum linken Flügel der Gewerkschaft gehörende Yitzhak Tabenkin (1888 – 1971) – er war wie David Ben-Gurion in Warschau Mitglied bei den linkszionistischen „Arbeitern Zions“ („Poalei Zion“) und später Gründungsmitglied der „Mapai“ –, der Jurist und frühere Jabotinsky-Sekretär Chaim Yachil sowie Mitglieder aus der Kibbutz- und Moshav-Bewegung.

Das Land Israel war nunmehr vom fremden Joch erlöst, durch die Präsenz des jüdischen Volkes in seiner exklusiven und kollektiven Bindung an Gottes Gebote geheiligt und sein Boden von seiner Unreinheit („Adama t’meah“) befreit, nachdem seine spirituelle Qualität unter fremder Herrschaft nur derjenigen anderer Territorien geglichen habe und durch einen dem geschichtsfernen Naturalismus verhafteten „Götzendienst“ („Avoda zara“) entstellt worden sei. Dagegen half keine Warnung Emmanuel Levinas, gelobtes Land sei nicht nur erlaubtes Land, sondern speie seine Bewohner wieder aus, wenn es nicht gerecht zugehe.

Der Zionismus solle sich nicht länger schämen, wenn er Siedlungen errichte, Araber evakuiere, Böden enteigne und Flächen einzäune, ließ sich ein Kolumnist in der Tageszeitung „Yediot Achronot“ („Letzte Nachrichten") im Juli 1972 vernehmen. Der Leiter der für religiöse Soldaten eingerichteten„Yeshiva“ in Ma’ale Adumim verglich eine Regierung, die eine Siedlung „auflösen“ und ihre Bewohner „vertreiben“ wolle, mit Anordnungen, die genauso wie Nazibefehle zu missachten seien. Zum 40. Staatsjubiläum 1988 schrieb Shlomo Goren:

„Der Zionismus war nicht zur Erlösung des jüdischen Problems durch die Schaffung eines jüdischen Staates angetreten, sondern als Werkzeug der heiligen Erlösung. Der essentielle Auftrag ist nicht die Normalisierung des Volkes Israel, damit es ein Volk unter allen Völkern werde, sondern dass es ein heiliges Volk werde, ein Volk, das in Gott lebt und dessen Grundlage Jerusalem und ein königlicher Tempel in seiner Mitte sind.“

Der damalige Parlamentspräsident Reuven Rivlin empfand tiefe Trauer, dass 1948 die Westbank nicht eingenommen werden konnte: „Wo war unser Hebron? Wo war Sh’chem [Nablus], unser Jericho: Weg? Vergessen? Und ganz Transjordanien, das uns gehört? In diesem Zustand, zerrüttet bis aufs Mark, ist mein ganzer Körper wund und in Bruchstücke zerfetzt. Ich konnte nicht mitfeiern.“ Kurz vor dem Junikrieg hatte Zvi Yehuda Hacohen Kook (1891 – 1982), der Leiter der nach seinem Vater benannten orthodoxen Rabbinerausbildungsstätte „Yeshivat Merkaz Ha-Rav Kook“ die unvollständigen Ergebnisse des Unabhängigkeitskrieges beklagt.

 

Weder rechts noch links auf dem Königspfad

Im März 1974 wurde „Gush Emunim“ („Block der Glaubenstreuen“) im Kibbutz Kfar Etzion südlich Jerusalems unter Beteiligung von Rabbinern um Chaim Druckman, Shlomo Aviner und Moshe Levinger (1935 - 2015), Zöglinge aus dem Hause Kooks, gegründet. Für Levinger wurde der Prozess der Erlösung des Volkes Israel „wichtiger als hypothetischer [d.h. politischer] Frieden”. Der sefardische Oberrabbiner Ovadia Yosef (1920 – 2013) rief seiner großen Gemeinde zur Bekräftigung des ideologischen Durstes nach den „befreiten Gebiete“ ein kultisches Argument zu: „Wenn nur ein Buchstabe auf einer Thora-Rolle fehlt, ist die ganze Rolle nicht koscher. Dasselbe gilt für das Land Israel, dem kein Zipfel abhandenkommen darf.“ Dem „Gush“ gelang es innerhalb kurzer Zeit, vor allem junge Leute an sich zu ziehen, die wider die vermeintlich maßvolle Nationalreligiöse Partei unter Leitung des 1909 in Dresden geborenen Joseph Burg (1909 - 1999) revoltierten.

Ohne zunächst der Einnahme des Tempelbergs zentrale Bedeutsamkeit beizumessen, wurde „Gush Emunim“ zur größten und wichtigsten messianischen Bewegung in der jüdischen Geschichte, urteilte der Religionswissenschaftler Tomer Persico. Dayan und Peres lernten ihn schätzen. Allein zwischen 2012 und 2015 sollen fast sechs Millionen US-Dollar an Siedlungen ausgezahlt worden sein, hinzu kamen Hilfen für dort lebende Juden. Der Geschäftsführende Direktor der „Jewish Federations of North America“ (JFNA) begründete die Spenden damit, dass „(w)ir glauben, dass Juden Juden sind, wo immer sie leben, und wenn sie für soziale Dienste und für Bildungsaufgaben Hilfe brauchen, tun wir das“. Ohne die auswärtige Spendenökonomie lässt sich der israelische Haushalt nicht in der Balance halten.

Der „Gush“ verband religiöse Bindungen mit dem Elan des zionistischen Aufbaus in der britischen Mandatszeit. Ihre Anhänger gehörten zu keiner Randgruppe, sondern in ihm fanden sich Offiziere, Wissenschaftler, Ärzte und Rechtsanwälte, Literaten und Journalisten zusammen, womit die Gruppe zum Brückenkopf in die bürgerliche Mitte der Gesellschaft aufstieg. Der „Block" wurde politisch-ideologisch zum Selbstläufer. Die Zusammenarbeit von Rechten und Linken, von Religiösen und Säkularen sei der einzigartige historische und grundlegende Beitrag für die Groß-Israel-Bewegung gewesen, erinnerte sich Geula Cohen. Das biblische Gebot war bestimmend: „Auf dem Königspfad wollen wir dahinziehen, ohne nach rechts und links abzubiegen, bis wir Dein Gebiet durchzogen haben[4].“

Der Soziologe Sammy Smooha ermittelte als Trend, eine gut organisierte religiöse Minderheit könne das gesamte politische System nachhaltig stören. Jeder Minister habe inzwischen einen „Gush“-Helfer in seinem Haus, erlebte Amnon Rubinstein in seiner Zeit als Minister nach 1973. Die nationalistischen und die religiösen Siedler verbuchten mit ihren Sympathisanten einen donnernden „Knock out“-Sieg. Der Oberste Gerichtshof befand, dass die Sicherheitsbelange den politischen und ideologischen Gründen des „Gush Emunim“ nachzuordnen seien. Die „Narren in klerikaler Kleidung“ (Albert Einstein 1942 in einem Brief an Kurt Blumenfeld) entwickelten die außerordentliche Tüchtigkeit, Machtpositionen zu erobern sowie Politik und Gesellschaft zu unterwandern.

Nach seinem Regierungsantritt 1977 wies Menachem Begin (1913 - 1993) alle Vertretungen im Ausland an, fortan in Verlautbarungen statt „verwaltete Gebiete“ die Westbank als Judäa und Samaria zu bezeichnen. Der Vorwurf war nicht weit, dass sich die Gegner der Siedlungstätigkeit im jüdischen Selbsthass gefielen und zu Opfern skrupelloser Anpassung an die westliche Welt geworden seien, nachdem der Sinngehalt des göttlichen Gebots nicht mehr von Generation zu Generation weitererzählt wurde. Die Veteranin der Siedlerbewegung Daniella Weiss bezeichnete die Gegner als „Brüder, die nicht richtig im Kopf sind“, und machte sich über die „greinenden Linken“ lustig: Die „Araber dürfen nur hier leben, weil sie unsere absolute Herrschaft akzeptieren“. Für Justizministerin Ayelet Shaked, die Heiko Maas zu ihren guten persönlichen Freunden rechnet, „haben die Juden (zwar) das Recht auf den ganzen Staat Israel“ (sic), doch beschränkte sie ihre Annexionspläne auf die Zone C, in der die dort lebenden hunderttausend Palästinenser wie schon die dort lebende halbe Million Juden die israelische Staatsbürgerschaft erhalten sollten; ob darin das Recht der politischen Mitwirkung eingeschlossen ist, ließ die Justizministerin offen. Die Behauptung von der Einheit Gottes und Seinem Volk in dem ihm zugeteilten Land[5] setzte sich auch bei jenen durch, die wie Shaked nicht religiös sind. Der Sänger und Schauspieler Uri Zohar war der erste Künstler, der seinen öffentlich zur Schau gestellten Glamour zugunsten tiefer Religiosität aufgab.

 

Kein Frieden ohne Jerusalem

Hatte die israelische Regierung 1949 zugestimmt, dass die Altstadt – sie machte weniger als einen Quadratkilometer aus – in jordanischer Hand bleibe und dafür der Zugang zu den heiligen Stätten und zum Skopus als Standort der Hebräischen Universität sowie die Nutzung des jüdischen Friedhofs auf dem Ölberg gewährleistet sein müssten, so gründeten, um die Altstadt von Muslimen und Christen zu „erlösen“, im Dezember 1978 acht junge orthodoxe Juden eine „Yeshiva“ unter dem Namen „Ateret Cohanim“ („Krone der Hohepriester“) – einer nationalreligiösen Einrichtung, im Staat New York als der Wohltätigkeit dienende steuerbegünstigte Stiftung registriert, unter Leitung des in Bet El amtierenden Rabbiner Shlomo Aviner.

Als UN-Botschafter Benjamin Netanjahu 1988 zum „Fund Raising“-Dinner zugunsten „Ateret Cohanim“ die Festansprache hielt, schickte der demokratische Senator Daniel Patrick Moynihan (1927 – 2003) ein Glückwunschschreiben, in dem er die Gruppe ein leuchtendes Beispiel von „Juden und Arabern, die in der ganzen Altstadt Jerusalems friedlich zusammenleben“, lobte. New Yorks Bürgermeister Ed Koch (1924 – 2013) nannte die Gruppe fanatisch, aber nicht schrecklich: „Sie sind Zeloten. Allgemein finde ich, dass Zeloten – auf allen Gebieten – nette Leute sind.“ 1978 untersagte Moynihan „Ateret Cohanim“, seinen Namen für Werbezwecke zu verwenden.

Seit dem Junikrieg wurden gemäß einer Auflistung von Meir Margalit in Ost-Jerusalem folgende Siedlungen und Siedlungskerne geschaffen: Altstadt 1967; Ramat Eshkol, Ma’alot Dafna, French Hill und A-Tur am Fuße des Ölbergs 1968; Ramot Alon und Atarot 1970, Gilo 1971, Neve Ya’akov 1972; Ost-Talpiyot 1973; Pisgat Ze’ev 1980, Giv’at Ha-Matos 1991 sowie Har Homa 1997. Hinzugekommen sind danach Sheikh Jarrah (benannt nach einem Arzt von Sultan Saladin) unterhalb des „American Colony Hotel“, Nof Zion, Ramat Shlomo und Bet Orot (gegenüber dem Augusta-Viktoria-Krankenhaus). Die meisten arabischen Bewohner von Sheikh Jarrah waren 1948 Flüchtlinge aus Talpiyot. Für den Kauf einer Immobilie in Silwan wurde der Weissagung geworben: „Hier zu leben, ist ein riesiges Privileg! Es bedeutet, an einem Ort mit immensem Wert zu leben, nicht nur im archäologischen und historischen Sinne, sondern einem Ort von innerem spirituellem Wert, wahrlich im Heiligen Land. Hier zu leben, bedeutet, in ewige Werte eingebettet zu sein.“

Ende Oktober 2014 schoss ein palästinensischer Attentäter den „Likud“-Abgeordneten Yehuda Glick nieder, weil er sich als Koordinator aller Aktivisten betätigte, an die Stelle der beiden Moscheen den Dritten Tempel errichten zu wollen: „Errichte mir ein Heiligtum, damit ich darin wohnen kann[6].“ Bis dahin könnten rund 200 der 613 Gebote nicht erfüllt werden, sekundierte Rabbiner Israel Ariel: „Um Zions willen darf ich nicht schweigen, Jerusalem wegen nicht ruhen, bis wie ein Lichtglanz seine Gerechtigkeit hervorbricht und sein Heil brennt wie eine Fackel[7].“ Der aus einer 1811 eingewanderten Rabbinerfamilie stammende Gershon Salomon, der die Gruppe der „Tempelberg-Getreuen“ gründete und zu den Evangelikalen in den USA beste Kontakte pflegte, vertrat wie kaum ein zweiter den Vormarsch der nationalreligiösen Kraftzentren:

„Der Messias, Sohn Davids, wird nicht nach Washington, D.C., nicht nach London, Paris oder Rom kommen, nicht nach Kairo oder Damaskus, sondern an den Ort, den G-tt ausgewählt hat, Jerusalem. Deshalb rufe ich alle Nationen auf, auf Israel keinen Druck auszuüben, dass es einen gegen G-tt gerichteten sogenannten Frieden unterzeichne, welcher das Land, Jerusalem und den Tempelberg den grausamsten Feinden G‘ttes und seines Volkes in Israel aushändigt.“

Die Anerkennung der tiefen Bande von Christen und Muslimen hielten Teddy Kollek (1911 - 2007) als „ein objektiver Beobachter“ nicht von der Bekundung ab, dass die jüdischen Bindungen an Jerusalem älter und „extrem groß“ seien.  Mit Donald J. Trumps Anerkennung Jerusalems als alleiniger Hauptstadt Israels im Dezember 2017 sei der Stadt die Witwenschaft genommen worden, nachdem sie geweint habe[8], freute sich ein „Likud“-Abgeordneter.

Rabbiner Ariel berichtete, dass nach dem Sieg über die Jordanische Legion Soldaten Trümmer des Zweiten Tempels herantrugen, damit der Messias kommen könne. Als er auf sich warten ließ, interpretierte Ariel seine theologische Krise damit, dass der Messias erst nach der Errichtung des Dritten Tempels erscheinen werde und vertagt sei, bis das aktive Tun „des einzigartigen Volkes in der Welt“ dem Messias den Weg bereitet habe, auf dass sich der Staat Israel als Beginn der Erlösung der Welt erweise. In „jedem Weinberg, auf jedem Feld, auf jedem Olivenbaum und in jeder Blume (ist) die jüdische Geschichte tief eingepflanzt. … Alle Regierungen Israels seit dem Ende des Sechstagekrieges haben das vereinigte Jerusalem aufgebaut. Die Quellen sagen, ‚Jerusalem – Berge umgürten sie‘. Aber heute kann man nicht länger die Berge sehen, die Hügel aus Stein, die generationenlang Jerusalem einschlossen“, betonte Yitzhak Rabin (1922 - 1995) in seiner Regierungserklärung 1992.

Als Innenminister Chaim Moshe Shapira (1902 – 1970) am 28. Juni 1967 die kommunale Jurisdiktion und die Verwaltung auf den Ostteil Jerusalems verkündete, brachen die Anwesenden in Schluchzen aus, selbst laïzistische Juden spürten ein „mystisches Gefühl“ oder wurden vom einem „Tsunami des Enthusiasmus“ (Uzi Benziman) hinweggeschwemmt. Bürgermeister Rouhi Al-Khatib (1914 – 1994) erhielt seine Entlassung auf einer Papierserviette. Die Zeitung „Haaretz“ überschrieb ihren Kommentar: „Jubelt und jauchzet, du wirst in Zion wohnen.“ US-Botschafter Arthur J. Goldberg (1908 – 1990) protestierte scharf im UN-Sicherheitsrat, seine Regierung fürchtete unangenehme Reaktionen aus dem befreundeten Ausland. Amnon Rubinstein rief ein Lied aus der Zeit nach dem Junikrieg in Erinnerung:

„Wenn die ganze Welt gegen uns ist,

ist uns das völlig egal.

Wenn die ganze Welt wieder gegen uns ist,

dann lasst die ganze Welt zur Hölle fahren.“

Die Stadtgrenzen wurden von 38 auf 108 Quadratkilometer erweitert, für 28 arabische Gemeinden und Dörfer mit 70.000 Bewohnern erfolgte die kommunale Einbeziehung. Im September mussten 3.500 Palästinenser das Marokkanische Viertel in der Altstadt räumen, die meisten von ihnen 1948er Flüchtlinge. Unter Mitwirkung Kolleks wurde das Quartier – auch weil an „Shavuot“[9] viele tausend Pilger zu erwarten waren – bis auf zwei Straßen und einige kleine Häuser, die zur Renovierung anstanden, niedergerissen und machte dem Jüdischen Viertel und dem Vorraum der Klagemauer Platz. „Es war die größte Sache, die wir tun konnten, und es ist gut, dass wir es sofort taten“, verkündete Kollek stolz. Er war es auch, der die Sängerin Naomi Shemer (1930 – 2004) zum Lied „Jerusalem aus Gold“ motivierte, das drauf und dran war, die Nationalhymne, die „Ha-Tiqva“ („Die Hoffnung“) – sie wurde schon in Osteuropa als Zeichen des Widerstandes gegen Pogrome gesungen –, zu ersetzen: 

„Die Luft der Berge ist klar und rein,

und der Duft der Pinien schwebt im Abenddunst

und mit ihm der Klang der Glocken.

Im Schlummer von Bau und Stein,

gefangen in ihrem Traum,

liegt die vereinsamte Stadt

und in ihrem Herzen eine Mauer [„Klagemauer“].

Jerusalem aus Gold und Kupfer und aus Licht,

lass mich doch für all Deine Lieder die Harfe sein.

Wie ausgetrocknet die Brunnen sind 

und der Markt leer ist.

Niemand geht auf den Tempelberg in die Altstadt.

Und in den Höhlen des Berges heulen die Winde.

Und niemand geht hinunter ans Tote Meer auf dem Wege nach Jericho...

Ja, wir sind zurückgekehrt zu den Brunnen,

zum Markt und zu deinen Plätzen.

Der Klang des Shofars hallt über dem Berg [„Tempelberg“] dort in der Altstadt…“

 

"Wir waren wie Träumer"

Die funktionale Demarkationslinie wich der religiösen Hingabe. Auf diesen weniger als einen Quadratkilometer großen Terrain sollen die Juden aus aller Welt wieder zusammengeführt und aus ihrer Entfremdung vom Eigentümlichen gerettet werden. Der im Ausland hochgeschätzte Gideon Levy war hingerissen. Der frühere Generalstabschef Yig‘al Yadin (1917 – 1984), der die Ausgrabungen auf der Bergfestung Massada am Toten Meer geleitet hatte, stimmte der „Erlösung Jerusalems“ zu. Harkabi registrierte „eine allgemeine Tendenz zur Selbst-Begeisterung“. Auch Amos Oz – von Avraham Burg als „unbestrittener Sprecher der zionistischen Linken“ gewürdigt – konnte sich der Gefühle angesichts der „Rückkehr“ Jerusalems nicht erwehren. Der langjährige Chefredakteur der „Jerusalem Post“ David Landau, der in London eine orthodoxe Erziehung genossen hatte, von der er sich löste, ließ sich von der „neo-messianischen Erfahrung“ gefangen nehmen: „Wir fühlten uns, als ob die Vision der Propheten wahr geworden wäre und wir ihre Werkzeuge seien.“ „Wir waren wirklich blind, niemand sprach damals von Besatzung“, erinnerte sich die 90 Jahre alte Künstlerin und Designerin Ruth Kedar. Zwar erhoben einige Minister Einwände oder forderten eine Friedensinitiative, aber im Parlament lehnten nur die Parteien „Rakach” („Neue Kommunistische Liste“) und „Maki” („Kommunistische Partei“) die Vorlage des Justizministers ab. Als Thomas L. Friedman für die „New York Times“ kurz nach dem Krieg erstmals Israel besuchte, spürte er eine Veränderung in seinem Leben:

„Schon beim ersten Gang durch die von Mauern umgebene Altstadt von Jerusalem nahm ich ihre Düfte in mich auf, verlor ich mich im bunten Menschenstrom, der sich durch das engste Geflecht der Gassen wälzte – und fühlte mich zu Hause. In irgendeinem früheren Leben muß ich ein Basarhändler gewesen sein, ein fränkischer Soldat vielleicht, ein Pascha oder zumindest ein mittelalterlicher jüdischer Chronist. Auch wenn es meine erste Auslandsreise war – damals wurde mir mit einem Mal klar, daß mir der Nahe Osten näherstand als Minnesota.“

Im Abstand von 13 Jahren gestand Friedman verschämt, dass die Präsentation der Erlebnisse in seiner Schule „eine einzige große Feier des Sechstagekrieges“ gewesen sei. Zu seinen späteren Erfahrungen gehörte die „Erkenntnis, daß viele Leute beim Thema Nahost zeitweise ihren Verstand verlieren“. Dayan, der angeblich aller Mystik abholde Verteidigungsminister, dessen Rhetorik gleichwohl voller biblischer Anspielungen war, begründete den Anspruch auf Groß-Jerusalem mit dem Satz: „Wir sind nach Shilo[10] und Anatot[11] zurückgekehrt, um sie nie zu verlassen.“ Den Eigentumstitel unterstrich Dayan mit Gottes Wort „Fürchte dich nicht, mein Knecht Jakob“[12]:

„Ich weiß, dass es eine Resolution 242 des [UN-]-Sicherheitsrates gibt, einen [nach dem amerikanischen Außenminister benannten] Rogers-Plan, einen Dayan-Plan, einen Allon-Plan und noch andere Tableaus. Aber es gibt etwas Bedeutenderes und Größeres als alle diese [Pläne], und das ist das Volk Israel, das in seine Heimat zurückgekehrt ist.”

Die Palästinenser brauchen Freiheit in der Stadt und keine israelischen Erlaubnisscheine, klagte Hanan Ashrawi ein. „Der Konflikt beginnt in Jerusalem und kann in Jerusalem enden. Frieden kann in Jerusalem gemacht werden und kann in Jerusalem zerbrechen“, hat Dan Bitan vom „Jerusalem Committee of the Israeli Peace NGO Forum“ die zentrale Bedeutung der Stadt angezeigt. Bei den Feierlichkeiten zur Einweihung der amerikanischen Botschaft trug die Sängerin beim Vortrag von „Halleluja", dem Lobpreis auf Gott (Psalm 113), ein Kettchen um den Hals mit den Grenzen Israels zwischen Mittelmeer und Jordan. Netanjahu verband die „Anerkennung der Realität" mit dem Lob der USA als bestem Freund. Schließlich hatte Donald J. Trump die Zustimmung der USA im UN-Sicherheitsrat zur Ablehnung der Annexion Ost-Jerusalems unter der Präsidentschaft Ronald Reagans am 20. August 1980 aufgehoben.   

[1]   Psalm 126,1.

 [2]   Sifrei Dvarim 80.

 [3]   In der rabbinischen Exegese („Midrash“) biblischer (Ex. 12 ff.) und in talmudischen Texten heißt es: Gott begleite Sein Volk durch alle Exile und kehre mit dessen Befreiung in Sein Land heim.

 [4]   Num. 20,17.  

 [5]  Deut. 32,8. 

 [6]  Ex. 25,8.

 [7]  Jes. 62,1. 

 [8]  Klagelieder 1,1-2.

 [9]  „Wochenfest“: Ex. 34,22 & Deut. 16,10.

 [10]   Buch Josua 17,1 ff & 18 über die Versammlung der israelitischen Stämme in Shilo. Der Ort war die Hauptstadt Israels zur Zeit der Richter. Dort soll zu Zeiten Joshuas die Bundeslade gestanden haben.

 [11]   Buch Josua 13 über die Verteilung des Landes unter die israelitischen Stämme. Im Dorf Anatot soll der Prophet Jesaja geboren worden sein.

 [12]  Jes. 41,9.