Washingtoner Zeichen an der Wand

von Reiner Bernstein

Schon als sich am 04. März im Washingtoner „Renaissance Hotel“ die Delegierten des „American Israel Public Affairs Committee“ zum vorabendlichen Cocktail trafen, kündigte sich eine Überraschung an: Nicht nur die Spitzen von AIPAC ließen neue politische Töne vernehmen, sondern Angehörige israelischer und amerikanisch-jüdischer Friedensgruppen hatten zum ersten Mal die Gelegenheit, ihre Vorstellungen von der friedlichen Koexistenz zwischen Juden und Arabern im Nahen Osten öffentlich vorzutragen. Während sich die AIPAC-Honoratioren bemühten, den notorischen Eindruck der Israel-Hörigkeit zu verwischen, und sich im Gegensatz zu Benjamin Netanjahu offen zur Zwei-Staaten-Lösung bekannten, durften die Friedensaktivisten diesmal ihre Überzeugung „Juden (in den USA) sind nicht frei, solange die Palästinenser unfrei sind“ nicht nur vor dem Hotel vortragen.

Viele Teilnehmer, so wurde berichtet, seien von Donald Trump angewidert. Seine blinde Unterstützung der israelischen Regierung vertiefe den Riss innerhalb der jüdischen Gemeinden. Darauf müsse endlich eine Antwort gefunden werden. Innerhalb der Lobby-Organisation sei ein kritischer Dialog dringend erforderlich. Der Staat Israel habe ein Recht auf Existenz, doch auch die Palästinenser hätten Menschen- und politische Rechte. Selbst der neue Vorsitzende von AIPAC Mort Fridman kam um das Eingeständnis nicht herum, dass „die Menschen zornig und verletzt und frustriert sind und genug haben“. Das progressive Narrativ zugunsten Israels sei ebenso legitim wie das konservative. AIPAC müsse von seiner zweischneidigen Ideologie runter.

Man darf auf Netanjahus Auftritt am 06. März gespannt sein. Im Gespräch mit Trump hatte er auf die Revision des Nuklearvertrags mit dem Iran gedrungen und dem Präsidenten nochmals für seine Ankündigung gedankt, im 70. Jahr der Gründung des Staates Israel die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen.