"Unser größter Schriftsteller" ist tot

von Reiner Bernstein

„Trauer senkt sich auf uns herab“, kondolierte Israels Staatspräsident Reuven Rivlin den Familienangehörigen: „Unser größter Schriftsteller“ sei von uns allen gegangen.

Amos Oz war ein Patriot in jenem Verständnis, das jegliche nationale Überheblichkeit ausschloss. Für ihn, dessen Eltern aus Litauen und Polen kamen, verband sich der Zionismus mit jenen Ideen, welche die Ebenbürtigkeit des palästinensischen Volkes zwischen Mittelmeer und Jordan einschloss. Wie Uri Avnery, der im August verstarb, hielt er bis zuletzt an der Zwei-Staaten-Lösung fest, obwohl sie von den israelischen Regierungen seit den 1970er Jahren regelrecht verbaut wurde. Welch schwere Anfeindungen er für seine politischen Überzeugungen ertragen musste, hat er früh in seinem Bericht „Im Lande Israel“ (Deutsch 1984) gründlich geschildert. Dass Rivlin, der einen Staat Palästina ablehnt, Oz als „einen Giganten des Geistes“ würdigte, belegt beider Beharren auf den Grundsätzen der Rechtstaatlichkeit, ohne einander die Glaubwürdigkeit abzusprechen .

Wenige Tage nach der Verabschiedung des „Nationalstaatsgesetzes für das jüdische Volk“ forderte Oz am 29. Juli gemeinsam mit seinen Kollegen David Grossman, Abraham B. Yehoshua, Etgar Keret und anderen Künstlern, Autoren und Intellektuellen die Knesset auf, das Gesetz zurückzuziehen:

„Das Nationalstaatsgesetz, wonach der Staat Israel nur der Nationalstaat der Juden sein soll, erlaubt ausdrücklich die rassistische und religiöse Diskriminierung, verneint Arabisch als eine offizielle Sprache neben dem Hebräischen, erwähnt nicht die Demokratie als die Grundlage des Landes und gibt nicht die Gleichberechtigung als Grundwert an. Deshalb widerspricht sie der Definition des Staates als eines demokratischen Staates und der Unabhängigkeitserklärung, auf deren Basis der Staat gegründet wurde.“

Justizministerin Ayelet Shaked warnte das Oberste Gerichtshof vor einem „Krieg der Verfassungsorgane“, sollte er das Gesetz kassieren, und hielt Donald Trump vor, mit einem Friedensplan lediglich Zeit zu verschwenden.

Sein Bekenntnis, Benjamin Netanjahu solle ob seiner Politik zur Hölle fahren, hielt Amos Oz nicht davon ab, den obsessiven Kritikern Israels die Grenzen aufzuzeigen:  

„Wenn Sie argumentieren, Israel begehe furchtbare Verbrechen in den besetzten Gebieten – dann werde ich Ihnen zustimmen. Wenn Sie dann weitermachen und sagen, Israel begehe die schlimmsten Verbrechen auf Erden heute, dann werde ich sagen, dass Sie übertreiben und wir einander nicht einig sind. Wenn Sie dann noch einen Schritt weitergehen und sagen, das, was Juden den Palästinensern antun, sei schlimmer als das, was die Nazis den Juden angetan haben, dann würde ich sagen, Sie gehören in die Psychiatrie.“

 Amos Oz wird uns in Erinnerung bleiben als herausragender Repräsentant des „anderen Israels“: eines Gemeinwesens der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Demokratie. Seine Bibelfestigkeit verband er mit der Hinwendung zu einem Judentum, das sich der Welt zuwandte und sich von der Prophezeiung löste, ein Volk zu sein, das allein wohnt und sich nicht zu den anderen Völkern rechnet (Num. 23,9).