Alles Antisemiten!

von Reiner Bernstein

Auch nach Fritz René Allemanns Frage im Jahr 1956, ob sich in Bonn die Wiederholung Weimars andeute, ist die dahinterstehende Befürchtung nicht aus der Welt zu schaffen. Im Gedenken an die ominösen Daten des 09. November 1918 und 1938 wird sie in diesen Tagen dramatisch thematisiert: Lässt man die einschlägigen Publikationen und Veranstaltungen landauf, landab Revue passieren, verstetigt sich der Eindruck, dass der Antisemitismus vor der Tür lauere, nur die sogenannten Eliten würden noch Sorge dafür tragen, dass der Abklatsch der Apokalypse nicht zur Staatsideologie aufsteigt.

Die Widersacher der BDS-Kampagnen haben dafür ein famoses Feld erobert: Auch wenn alle israelischen Regierungen dafür gesorgt haben, mit Hilfe der „facts on the ground“ in den palästinensischen Gebieten vollendete Tatsachen zu schaffen, welche die Forderungen nach der Zwei-Staaten-Lösung inzwischen ad absurdum führen, ist es ihnen gelungen, die israelische Politik gegenüber den Palästinensern aus allen politischen Debatten zu verdrängen. Angela Merkel will sich nicht in innerisraelische Debatten einmischen, während sie zu Syrien sehr wohl Position bezieht. Es fehlt nur noch, dass besagte Gegner die Berichte der Korrespondenten unserer Print- und TV-Medien als antisemitisch denunzieren. Da die deutsch-israelischen Beziehungen unter der Besonderheit der deutsch-jüdischen Katastrophe stehen, erledigt sich der Vorwurf, sie würden ein unangemessen großes Interesse finden.

Es ist für deutsche Stadträte und jene Vereine, die mit finanzieller Unterstützung den Monopolanspruch der „Freundschaft mit Israel“ erheben, mehr als angemessen, in Berlin nachfragen, welche Stimmung sich in Ministerien und im Bundestag breitgemacht hat, nachdem die Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft hierzulande keine Mühe der Intervention scheuen, für die Politik Benjamin Netanjahus und seiner Koalition zu werben. Lebt sich’s doch ganz gut im Land voller Antisemiten?

Dass in München, wo die Gegner gleichzeitig die Verlegung von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund ablehnen, mit der nackte Vorwurf ausreicht, um Vorträge, Podien und Filme in kommunalen Räumen zu unterbinden, weil sie den Antisemitismus fördern könnten, aber gleichzeitig nichts dagegen einzuwenden sei, wenn er sich an allen anderen Orten Luft verschafft, erfüllt den Tatbestand der politischen Dummheit. Doch hat das „Entgegenkommen“ unter Betreibern von Cafés und Kinos eine Atmosphäre des Gehorsams oder der psychischen Erschöpfung geschaffen, die in erheblichen Teilen der Stadtgesellschaft mit Resignation, Misstrauen und Angst korrespondiert. Und jene Kräfte, denen antijüdische Ressentiments in die Wolle eingefärbt sind, fühlen sich endlich bestätigt, die Kommunalpolitik sei fremdgesteuert.