Reiner & Judith Bernstein

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Tom Segev: "Wenn ich Palästinenser wäre..."

von Reiner Bernstein

Es war ein bemerkenswerter Vortrag, den der Jerusalemer Historiker und Journalist Tom Segev in der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität auf Einladung von Michael Brenner, dem Direktor der dortigen Abteilung für Jüdische Geschichte und Kultur, hielt:

– Der renommierte Autor machte zum Thema „50 Jahre Sechs-Tage-Krieg: Euphorie und Enttäuschung“ aus der Ablehnung der Politik seiner Regierung keinen Hehl.

– Er sprach als Israeli, der aus Verbundenheit mit seinem Staat das Kabinett Benjamin Netanjahus kritisierte und die von Ehud Barak überlieferte Formulierung aufnahm „Wenn ich Palästinenser wäre…“. Sie hatte der frühere Ministerpräsident mit dem Geständnis komplettiert, „würde ich mich bis zu einem gewissen Punkt und im richtigen Alter einer Terrorgruppe anschließen“.

– Segev stellte sich souverän manch üblen Angriffen aus dem Publikum. Die Abwertung der Tageszeitung „Haaretz“ als „Lügenpresse“ erinnerte an die AfD-Propaganda. Andere Voten vermissten Bezüge auf regionale Kontexte. Oder wollten sie Israel, dessen Demokratie sie als Mantra vor sich hertragen, mit Hamas, Iran und Syrien auf eine Stufe stellen?  

Persönlich war der Autor zu jung, um 1967 die ganze Dramatik dessen erkennen zu können, die er in seinem Buch „1967. Israels zweite Staatsgründung“ detailliert aufgearbeitet hat: die Angst vor einer zweiten „Shoah“, die Schwäche von Ministerpräsident Levi Eshkol und das Zögern US-Präsident Lyndon B. Johnsons. Doch als die Soldaten die „Klagemauer“ in der Jerusalemer Altstadt erreichten und am 28. Juni die Erweiterung der kommunalen Jurisdiktion auf den arabischen Ostteil dekretiert wurde, löste beides nach dem Bericht von Uzi Benziman einen „Tsunami des Enthusiasmus“ aus.

In Segevs tiefem Pessimismus blieb kein Platz für den „Funken Hoffnung“ aus dem Ankündigungstext. Die Zwei-Staaten-Lösung hat sich erledigt, ein gemeinsamer Staat würde im Zeichen politischer, rechtsförmiger und wirtschaftlicher Asymmetrien stehen. Die internationale Diplomatie sollte sich daran erinnern, dass seit der Teilung des britischen Mandatsgebiets mit der Proklamation des haschemitischen Emirats in Transjordanien von 1923, dem Peel-Teilungsplan von 1937, dem UN-Teilungsplan von 1947 und den Aufrufen des Nahost-Quartetts von 2003 alle auswärtigen Bemühungen gescheitert sind.

Man mag der israelisch-palästinensischen Genfer Initiative von Ende 2003 Detailversessenheit entgegenhalten (welche die Regierungen nicht mögen) und Joschka Fischer vorwerfen, dass er im Bundestag die Vorlage mit der Begründung zurückwies, es gäbe schon zu viele davon. Entscheidend bleibt, dass die Spitzen der palästinensischen und israelischen Zivilgesellschaften Modelle für eine gemeinsame Zukunft erarbeiten.

Ohne die Mobilisierung der eigenen Kräfte wird der vielverlangte Druck von außen als Diktat verstanden werden und damit das Schicksal regional fremder Interventionen teilen. Es gelingt ja nicht einmal, die EU-Richtlinien zur Markierung von Produkten und Dienstleistungen aus den jüdischen Siedlungen seit 1967 europaweit durchzusetzen. Was also heißt heute „israelfreundlich“? Dazu wird der Jerusalemer Historiker Professor Moshe Zimmermann am 13. Juni in München einen Vortrag halten.