Journalismus oder Propaganda?

von Reiner Bernstein

Ein Rauschen geht durch den deutschen Blätterwald und die sozialen Medien. Welche politischen Qualitätsmerkmale kennzeichnen den Dokumentationsfilm „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ von Joachim Schroeder und Sophie Hafner, der bei ARTE durchfiel, während sich der WDR zierte, bis sie bei BILD 24 Stunden lang aufgerufen werden konnte?

Sind Organisationen wie „B’tselem“ („Im Angesicht Gottes“: Gen. 1,27), Oxfam, Brot für die Welt, amnesty international, Medico international und das „Kairos“-Papier der antisemitischen Propaganda aufgesessen? Was ist von dem Hinweis von Machmud Abbas zu halten, dass israelische Rabbiner zur Vergiftung palästinensischer Brunnen aufgerufen haben (wofür es Belege gibt) mit Julius Streichers Aufruf zum Genozid an den Juden in den direkten Zusammenhang gebracht wird?

Da kommt es den Autoren gerade recht, dass sie junge Palästinenser im Gazastreifen finden, die ihnen den Verdruss über das Hamas-Regime und die der Korruption verdächtige Verteilung internationaler Finanzhilfen schildern. Dagegen kein Wort über die systematische Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung in der Westbank durch israelisches Militär und Siedlerterror. Gerade einmal wird zugestanden, dass es an den Checkpoints „manchmal“ zu unschönen Spannungen komme – weil das Wachpersonal Attentate befürchte. Derweil macht in Israel die Meldung die Runde, dass die Regierung öffentliche Zuschüsse in Höhe von 70 Millionen US-Dollar an orthodoxe Einrichtungen mit Verbindungen zur „Bewegung für das ganze Lande Israel“ verteilen will.   

Dass das Bayrische Fernsehen der misslungenen Dokumentation noch die Ehre einer eigenen Produktion nachwerfen will, droht den Sender in die Reihe jener Kräfte einzuordnen, die jeder Kritik an der israelischen Politik die antisemitische Grundstimmung nachweisen wollen. Wie wäre es, wenn die Redaktion dem Befund von Botschafter a.D. Shimon Stein und Professor em. Moshe Zimmermann nachgehen würde, dass ein differenzierter Umgang mit dem Begriff „Antisemitismus“ deshalb so wichtig ist, weil seine klassische Variante „nur“ unter sechs Prozent der Deutschen Verbreitung findet, während der israelbezogene Antisemitismus bei 40 Prozent Zustimmung anschlägt?

Bis dahin bleibt der Verdacht im Raum, es komme gerade recht, dass zwischen Hamburg und München alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, um offene Diskussionen über die israelisch-palästinensischen Beziehungen im Keim zu ersticken.

Dass Demonstrationen und Straßenfeste von angeblichen Palästinafreunden, arabischen Palästinensern und Muslimen widerlich sind, bei denen zur Liquidierung des Staates Israel aufgerufen und die jüdische Weltverschwörung à la der „Protokolle der Weisen von Zion“ beschworen wird, bedarf keiner Begründung. Ihre Präsentation in Wort und Bild hat den Autoren die Beweise erspart, dass die Kritik an der israelischen Gesellschaft längst die bürgerliche Mitte erreicht hat.

Der Tendenz entgegenzuwirken, ist vor allem die Forderung zur Umkehr an die Politik Benjamin Netanjahus und seiner Klientel. Da sie nicht zu erwarten ist, werden antijüdische Stellungnahmen und Gefühle in der Breite der deutschen Öffentlichkeit weiterhin Resonanz finden. Gleiches war auch im Berliner Auswärtigem Amt zu beobachten, in deren Stellungnahmen die Kritik an der Siedlungspolitik durch die Bekundung der unverbrüchlichen Freundschaft zu Israel – welches ist da gemeint? – kompromittiert wird. Sigmar Gabriel steht die große Herausforderung noch bevor.