Jedes Haus hat eine Geschichte

Das Geheimnis der Erinnerung ist die Nähe

 von Reiner Bernstein[1]

„Wir bitten Sie, sich mit Ruhe in das Unabänderliche zu fügen…“ Die Aufforderung haben wir im Nachlass des Ehepaars Elly und Leopold Strauss gefunden – den Großeltern meiner Frau Judith –, die am 03. März 1943 als Letzte gemeinsam mit einem anderen jüdischen Ehepaar aus Erfurt nach Auschwitz deportiert wurden.

Unter den politischen Bedingungen der DDR war es erst in den späten 1980er Jahren möglich, dem Schicksal der Juden in Erfurt systematisch nachzugehen. Vor allem mit Hilfe einer unermüdlichen promovierten Historikerin mit bescheidener Honorierung hat sich das geändert. Vor einigen Jahren sind Kinder und Enkel zur Aufstellung sogenannter Gedenknadeln (über deren ästhetische Qualität sich streiten lässt) eingeladen worden, nachdem auf Druck von außen die Verlegung von Stolpersteinen in Erfurt verhindert wurde.

Am 03. und 04. März 2017 gastierte das Ensemble des Badischen Staatstheaters Karlsruhe mit ihrer Dokumentation „Stolpersteine“ einschließlich einer Podiumsbefragung und Publikumsdiskussion in den Münchner Kammerspielen. Die vor dem Karlsruher Theater verlegten zwei Stolpersteine Gunter Demnigs erinnern an das Schicksal der jüdischen Sängerin „Jank“ Lilly Jankelewitz und den „arischen“ Schauspieler Paul Gemmeke. Die aus den Aktenbeständen des Theaters, der Stadt und der oberen Landesbehörden aus Presse und Propagandaprogrammen zusammengetragenen „nüchternen“ Aufzeichnungen dokumentieren die Unbarmherzigkeit, mit der jüdische und politisch lästige Künstler und führende Mitarbeiter des Theaters systematisch ausgeschaltet, ihnen der Lebensunterhalt geraubt, sie in die Emigration ausgestoßen – bis die „Wehrmacht“ und die deutschen Sicherheitsdienste sie dort aufgriffen –, und sie in den Selbstmord getrieben wurden und wie westdeutsche Behörden nach Kriegsende von Überlebenden „Beweise“ für ihre Verfolgung einforderten.

Das Karlsruher Gastspiel verstand „sich auch als ein Beitrag zu einer Debatte, die in München während der vergangenen 13 Jahre besonders emotional geführt wurde“. Gemeint ist der Beschluss des hiesigen Stadtrats in trautem Verein mit der jüdischen Gemeinde von 2004 – wiederholt 2016 –, die Verlegung von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund zu untersagen. Die Begründungen für das Verbot sind, vorsichtig formuliert, windig. Keinem näheren Nachdenken halten sie stand.

Dass von Seiten der Stadt die demokratische Legitimation des Kommunalparlaments ins Feld geführt wird, ist schon insofern peinlich, als das Gedenken an die Ermordeten in München – Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, politisch Verfolgte, Zeugen Jehovas und „Euthanasie“-Opfer – nach pseudomarxistischer Manie(r) in eine kollektivistische Vorlage gepresst werden, statt das Leid des Einzelnen in den Mittelpunkt des Erinnerns zu stellen. Denn jedes Haus, aus dem die Verfolgten herausgezerrt wurden, hat eine Geschichte. Die unmittelbare Nähe, die heutige Hausbewohner, Besucher und Vorbeilaufende an den Stolpersteinen erleben, kann Anstöße zur individuellen Erinnerung begründen.

Das kann weder das neue NS-Dokumentationszentrum noch die Gedenkstättenarbeit in Dachau im erforderlichen Maße leisten. Beide Einrichtungen leisten Hervorragendes, sind aber darauf angewiesen, dass die Menschen zu ihnen kommen, statt dass die Opferschicksale Assoziationen bis in die Gegenwart hinein ermöglichen.

 

Auch das salvatorisch daherkommende Angebot, statt der Stolpersteine Stelen aufzustellen, überzeugt nicht. Davon abgesehen, dass kein Konzept vorliegt und die Finanzierung ungeklärt ist, muss sich die Stadtspitze fragen, ob sie etwa vor 4.500 Stelen – die Zahl allein der jüdischen Opfer – einen Polizisten postieren will, um der Gefahr des Vandalismus vorzubeugen. Wie dürftig nimmt sich dagegen das Argument aus, auf Stolpersteinen könnte herumgetrampelt werden. Und wie steht es mit der Begründung, die kleinen im Boden verankerten Messingplatten würden einer „Inflationierung des Gedenkens“ Vorschub leisten?

Wer von Seiten der Gegner der Stolpersteine an das doch „gemeinsame Anliegen“ appelliert, sollte zunächst nach innen schauen. Dort sind die Befürworter der Stolpersteine als „Gedenktäter“ oder wechselweise als „dahergelaufene Schar von Gutmenschen“ abgekanzelt worden. Nein, so einfach ist die Sache nicht.

 

[1]   Abgeschlossen am 05. März 2017. Der Autor ist 1968 an der Freien Universität Berlin mit der Arbeit über die Antworten des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ auf den bürgerlichen Antisemitismus während des Kaiserreichs und der Weimarer Republik bis 1933 promoviert worden. Ab 2004 stand er sechs Jahre lang an der Spitze der zivilgesellschaftlichen „Initiative Stolpersteine für München“.