Schreck, lass nach

von Reiner Bernstein

Seit dem Einzug des Twitter-Präsidenten Donald Trump ins Weiße Haus beginnt sich die Europäische Union auf ihr Gewicht als eine weltpolitische Zentralmacht zu besinnen. Noch hält sie an der Zwei-Staaten-Lösung für Palästina fest, nachdem Trump es soeben der israelischen Politik überlassen hat, über das Schicksal der Palästinenser zu bestimmen.

Symptomatisch dazu geht die Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung in Jerusalem zum Symposium „100 Jahre seit der Balfour-Deklaration“ für den 28. Februar bei uns ein. Zur Mitwirkung an der Planung ist der frühere UN-Botschafter und zuletzt Generaldirektor des Auswärtigen Amtes Dore Gold eingeladen, heute Chef des „Jerusalem Center for Public Affairs“ – einer staatlich geförderten Beratungseinrichtung am äußersten rechten Rand. Gold und Moshe Arens, Verteidigungs- und Außenminister in der Regierung Yitzhak Shamirs, trommeln seit langem gegen die Zwei-Staaten-Lösung.

Die Erklärung des britischen Außenministers Arthur James Balfour am 02. November 1917 erteilte dem gesamten jüdischen Volk die Zustimmung zur Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina. Ihr Adressat war weder der in Berlin lebende Präsident der weltweit kleinen zionistischen Organisation, der Botaniker Otto Warburg, noch ihr Verhandlungsführer in London, der Chemiker Chaim Weizmann. Den Juden in aller Welt sollte durch die Bekundung kein staatsbürgerlicher Eintrag geschehen, und den „bestehenden nichtjüdischen Gemeinschaften“ (642.000 gegenüber 58.000 Juden), war zugesagt, das „nichts geschehen soll, was ihre bürgerliche und religiösen Rechte beeinträchtigt“.

Führende zionistische Repräsentanten ließen es an Warnungen nicht fehlen: Die „Niederlassung“ begebe sich in die Abhängigkeit einer Kolonialmacht zu einer Zeit, als deren Einfluss zu bröckeln beginne: Ägypten wagte erste Schritte in die Unabhängigkeit, Frankreich sicherte sich in Syrien/Libanon seine Vorherrschaft, indem sie den haschemitischen Prinzen Faisal nach Bagdad abschob, und 1923 entstand das Haschemitische Emirat Transjordanien.

So äußerte sich der als Vater des Siedlungswerks hochgelobte Arthur Ruppin, der Anfang 1908 das Büro der „Palestine Land Development Company“ (PLDC) in der nach einem syrischen Christen benannten Bustrus-Straße in Jaffa eröffnet hatte, reserviert: Die „Balfour-Deklaration wird für uns ein Fluch sein, wenn wir glauben, dass durch sie für uns Rechte in Palästina ‚begründet‘ sind“. Ein Vaterland bekomme man nicht durch diplomatische Beschlüsse zugewiesen. Dagegen versicherte US-Präsident Woodrow Wilson dem Gründer des Jüdischen Weltkongresses und dessen ersten Präsidenten Stephen Wise: „Don’t worry, Dr. Wise, Palestine is yours.“

David Ben-Gurion wurde noch deutlicher. In seinen Memoiren führte er aus, dass die Deklaration nicht der Zustimmung der arabischen Bevölkerung bedurft habe oder dass diese sich mit ihr hätte abfinden müssen: „Großbritannien nahm eine Verpflichtung auf sich, die die ganze Welt anerkannte – das uralte Recht des jüdischen Volkes auf Palästina. Die Rechte der Nichtjuden im Lande kommen erst danach.“ Weizmann wollte in der Deklaration immerhin eine „Doppelsinnigkeit“ erkennen: Was Balfour darunter verstanden habe, sei so etwas wie ein britisches, US-amerikanisches oder sonstiges Protektorat über Palästina gewesen.

1937 verwahrte sich der strikt agnostische Vladimir Zeev Jabotinsky, seit Ende April 1925 Präsident der „Weltunion der zionistischen Revisionisten“, vor der Peel-Kommission gegen den Teilungsplan mit dem Argument, dass nicht „das britische Mandat uns das Recht auf dieses Land gab, sondern die Bibel“. Für Walid Khalidi, einen der führenden palästinensischen Historiker, war das Balfour-Dokument das destruktivste Dokument des 20. Jahrhunderts für den gesamten Nahen Osten. Es blieb dem von Golda Meir geschassten Generalsekretär der Arbeitspartei Arie Lova Eliav vorbehalten, eine entsprechende Erklärung für die Palästinenser zu fordern.

Von einer Historisierung der Umstände und der Folgerungen vom 02. November 1917 ist im Programm der Adenauer-Stiftung nichts zu spüren. Wohlweislich haben die Veranstalter auf palästinensische Referenten verzichtet. So schließt sich der Kreis der israelischen Geschichtspolitik seit dem Ersten Weltkrieg.