Reiner & Judith Bernstein

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Wie bin ich Jude und Sozialist?

von Jochi Weil

Ich, Jochi Peter Weil (Georges Pierre), wurde am 12. Januar 1942 in Zürich geboren. Nach der Sekundarschule absolvierte er eine Lehre als Eisenbetonbauzeichner in Zürich und Pontresina, danach unterzog er sich einem Umschulungskurs für Primarlehrer und unterrichtete in Gerlikon, bevor er eine heilpädagogische Zusatzausbildung durchlief. Zwischen 1971 und 1976 war Weil Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe für Strafreform an der Hochschule St. Gallen (heute Universität), 1977/78 Mitarbeiter beim Verband Schweizerische Jüdischer Fürsorgen in Zürich. Danach unterrichtete er allgemeinbildende Fächer an einer Berufsschule in Uitikon-Waldegg (Zürich). Von 1981 bis Ende 2012 arbeitete er in verschiedenen Funktionen bei „medico international schweiz“, seit 2001 außerdem als Verantwortlicher für basismedizinische Projekte in Palästina sowie zwischen Israel und Palästina. Nebenamtlich ist er Beisitzer an Arbeitsgerichten im Kanton Zürich. Weil ist Mitglied der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, seit Mai 2011 Mitglied des Vorstands der Religiös-Sozialistischen Vereinigung der Deutschschweiz.

 

Meine Kindheit

Aufgewachsen bin ich in einer jüdischen Familie in einem Reiheneinfamilienhaus am unteren Zürichberg. Mein Vater kam aus Luzern, meine Mutter aus Hamburg-Altona. Meine Eltern waren beide Mitglieder der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. Mein jüngerer Bruder und ich wurden mehr oder weniger jüdisch, aber vor allem weltlich erzogen: Wir waren sogenannte Drei-Tage-Juden, das heißt, dreimal im Jahr an hohen Feiertagen besuchten wir den Gottesdienst in der Synagoge an der Löwenstrasse, wo wir mit 13 Jahren auch Bar-Mitzwa wurden.

 

Mitglied beim „Hashomer Hatzair“ („Der junge Wächter“)

1959 trat ich mit 17 Jahren in die jüdisch-zionistisch-sozialistische Jugendorganisation in Zürich ein. Deren Ziel war es, Kinder und Jugendliche mit der Geschichte des jüdischen Volkes und dem sich im Aufbau befindlichen jüdischen Staat Israel vertraut zu machen. Bald wurde ich Gruppenleiter für Kinder im Primarschulalter. Pfadfinderei gehörte zu den Aktivitäten jeweils am Schabbat-Nachmittag wie auch das Erzählen von Geschichten.

Erstmals wurde ich damals mit dem Marxismus konfrontiert als Basis zur Überwindung der kapitalistischen Verhältnisse und der Ausbeutung der werktätigen Bevölkerung, einer Denkweise, mit der ich bis heute verbunden bin. Bei den älteren Jugendlichen stand die Vorbereitung auf ein sozialistisches Leben in einem Kibbuz im Vordergrund. Nach Bestehen der Matura oder der Lehrabschlussprüfung sollten wir in Israel in einer solch landwirtschaftlichen Gemeinschaft leben. Israel besuchte ich erstmals im Jahre 1963.

 

Das Erlebnis des Sechs-Tage-Krieges von 1967

Zu jener Zeit war ich Primarlehrer in einem kleinen Dorf im Kanton Thurgau. Mit den Schülern und Schülerinnen hörte ich die Nachrichten über den Verlauf des Kriegs. Wie selbstverständlich entschloss ich mich, unbezahlten Urlaub zu beantragen, um in Israel während gut zwei Monaten Zivildienst zu leisten. Meine Frau und ich gehörten zu den ersten, die nach dem Krieg nach Tel Aviv flogen und sich in den Kibbuz Magen am Gazastreifen begaben, wo bereits Jugendkollegen und -kolleginnen von uns lebten. Wir arbeiteten wie andere Freiwillige in der Landwirtschaft und erhielten Gelegenheit, Teile der eroberten und besetzten Gebiete zu besichtigen. Aufgrund mündlicher Schilderungen heimkehrender Soldaten aus dem Sechs-Tage-Krieg schockierte mich ein Erlebnis, das meinen humanistischen Vorstellungen beeinträchtigte. Mit einigen Fragezeichen kehrten wir nach drei Monaten in die Schweiz zurück.

 

Die 68er-Bewegung in der Schweiz

Diese vorwiegend studentische Bewegung, ausgehend von Protesten in Städten wie Berlin und Paris, in den USA, aber auch in Zürich haben mich entscheidend und nachhaltig beeinflusst und geprägt. Empörung und Demonstrationen gegen den US-amerikanischen Krieg in Vietnam standen international im Vordergrund, aber auch die Verhältnisse an Universitäten, wie „der Staub von 1’000 Jahren unter den Talaren“. Damals war die Befreiung vom bürgerlichen Mief in vielen Lebensbereichen bedeutsam, so in der Erziehung und in Schulen. Zentral war die Frauenbefreiungsbewegung. Selber nahm ich damals an verschiedenen Protesten in Zürich teil. Mein Engagement für humanitäre Hilfe manifestierte sich in der Gründung und den Aufbau von „Terre des Hommes“ im Kanton Thurgau, gemeinsam mit meiner Frau und wenigen anderen. Hilfe für Kinder in Biafra, Tunesien, Algerien, Vietnam waren zentral. Damals wurde ich Mitglied der Sozialistischen Partei (SP) in diesem Kanton.

 

PdA / Israel und Palästina

1978 verliessen wir die Ostschweiz und kehrten nach Zürich zurück, wo meine Frau ihre Tätigkeiten bei der Partei der Arbeit (PdA) fortsetzte. Ich hatte die SP verlassen und wurde Sympathisant der PdA, der ich bis heute verbunden bin.

Israel hatte mich wieder eingeholt, Verunsicherung gegenüber der Besatzungspolitik des jüdischen Staates machten sich in mir breit. Erstmals begann ich mich mit Arabern, respektive Palästinensern und deren Geschichte zu beschäftigen. 1948 bei der Gründung Israels waren rund 700’000 mehr oder weniger vertrieben worden und lebten zum Teil in Flüchtlingslagern. 1979 begann ich mich langsam für ihre Rechte zu engagieren und wurde zum Unterstützer der Zwei-Staaten-Lösung: Israel in Grenzen vor den Sechs-Tage-Krieg und Schaffung eines palästinensischen Staates in der Westbank, Gaza mit Ostjerusalem als Hauptstadt. 1982 wurde ich Mitbegründer der Kritischen Jüdinnen und Juden. Meine Verbundenheit mit Israel in den Grenzen vor dem Junikrieg 1967 bleibt bestehen, und es gilt lebbare politische Kompromisse mit den Palästinenserinnen und Palästinensern zu realisieren.

 

„Centrale Sanitaire Suisse (CSS) - medico international schweiz“

1981 stiess ich zur CSS, die 1937 während des Spanischen Bürgerkriegs in Zürich gegründet worden war und die Republikaner mit Ambulanzfahrzeugen, Operationszelten, Verbandstoff und Medikamenten im Kampf gegen die Faschisten um Franco unterstützten. Dieses linke Hilfswerk mit einer 80 Jahre alten Geschichte unterstützt heute basismedizinische Projekte in Vietnam, Nicaragua, El Salvador, Guatemala, Palästina/Israel, Cuba, Südmexiko sowie für Kurdinnen und Kurden. Bis Ende 2012 war ich bei medico/CSS Zürich in verschiedenen Funktionen tätig, vor allem im „Brückleinbau“ zwischen jüdischen und palästinensischen Menschen in Palästina und Israel, aber auch hier. Ich gehöre zudem zu den Mitbegründern der Kampagne Olivenöl aus Palästina, die ich bis 2012 mit aufgebaut habe.

 

Judentum, Wiedereintritt in die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ) 

Ich hatte mich schon während längerer Zeit wieder etwas mit der Familie meines Vaters beschäftigt und reiste im Herbst 1998 an drei Orte in Süddeutschland. Als ich heimkehrte, war gerade Chanukka, das Lichterfest, und ich besuchte die Synagoge an der Löwenstrasse in Zürich. Dort bin ich „hängengeblieben“ und nehme seither regelmässig am modern-orthodoxen Gottesdienst teil. Am 1. Mai 2000 trat ich zum dritten Mal (sic!) in die ICZ ein. Dieser Schritt einer Rückkehr ins Judentum („T’schuva light“) hängt mit verschiedenen Gründen zusammen, darunter der Tatsache, dass eine politische Kompromisslösung der nahöstlichen Tragödie immer aussichtsloser erscheint. So wurde der regelmässige Besuch des Gottesdienstes zu einem Trost und Halt für mich. Mehr und mehr erlebe im religiösen Judentum Breite und Tiefe, wobei zu betonen ist, dass ich nur das einhalte, was für mich stimmt. Vom halachischen (religionsgesetzlichen) Leben bin ich weit entfernt.

 

Religiös-Sozialistische Vereinigung der deutschsprachigen Schweiz (ReSos)

Seit 2011 arbeite ich im Vorstand der ReSos mit. Vorher wurde während längerer Zeit ein Jude und Sozialist gesucht. So gelangte die Anfrage schliesslich an mich. Was mich überzeugt, ist die gelebte Dialektik zwischen Religion und Sozialismus. Mir geht es vor allem darum, wie die jeweiligen Botschaften im Alltag umgesetzt und gelebt werden. Mit meinen Vorstandskolleginnen und -kollegen arbeite ich gerne zusammen. Seit längerer Zeit sind wir auf der Suche nach einer Muslima und einem Muslim, die unsere Werte teilen.