Gedenken an die Ermordung Yitzhak Rabins

Im Zentrum Tel Avivs gedenken Zehntausende Israelis der Ermordung Yitzhak Rabins vor 22 Jahren. Amtierende Politiker sind nicht eingeladen, doch kritisieren die Veranstalter die Mitwirkung von Persönlichkeiten aus dem rechten Lager und aus den jüdischen Siedlungen der Westbank, denn schließlich seien sie für die Ermordung des damaligen Ministerpräsidenten verantwortlich. „Peace Now“ und der Partei „Meretz“ („Energie“) werden Informationsstände versagt. 

Am 05. Oktober 1995 hatte Rabin der Knesset das „Israeli-Palestinian Interim Agreement on the West Bank and the Gaza Strip“ („Oslo II“) vorgelegt. Dabei hatte er an die Adresse der Opposition ausgeführt, die gegen die Abhängigkeit von den Stimmen der arabischen Abgeordneten protestierte: „Es ist ein für alle Mal an der Zeit zu entscheiden, ob die israelisch-arabische Öffentlichkeit ein integraler Teil Israels ist. Diejenige, für die das nicht der Fall ist, sollen das öffentlich sagen und sich bei jenen Arabern entschuldigen, um deren Stimmen sie geworben haben.“

Gleichzeitig erteilte Rabin einem Staat Palästina eine klare Absage: „Wir sehen die dauerhafte Lösung im Rahmen des Staates Israel, der die meisten Gebiete des Landes Israel wie unter britischem Mandat einschließt, an der Seite einer palästinensischen Entität als Heim der meisten palästinensischen Bewohner im Gazastreifen und in der Westbank. Wir wollen dies als eine Entität, die weniger als ein Staat ist und die unabhängig das Leben der Palästinenser in ihrem Geltungsbereich regelt. Die Grenzen des Staates Israel werden im Zuge der dauerhaften Regelung jenseits der Linie liegen, die vor dem Sechs-Tage-Krieg bestanden. Wir werden nicht auf die Linien vom 04. Juni 1967 zurückkehren.” Die Knesset stimmte „Oslo II“ mit 61 zu 59 Stimmen zu, wobei Innenminister Ehud Barak sich der Stimme enthielt und zwei weitere Abgeordneten der Arbeitspartei mit der Opposition stimmten.

Am 06. Oktober fand eine machtvolle Demonstration auf dem Zionsplatz in Jerusalem unter Beteiligung von Oppositionsführer Benjamin Netanjahu und dem früheren Ministerpräsidenten Yitzhak Shamir statt. Auf Spruchbändern wurde Rabin in einer SS-Uniform als „Verräter“, „Mörder“ und „Nazi“ bezeichnet, wogegen sich Netanjahu verwahrte. Stattdessen nannte er die Interimsvereinbarung einen „Akt der Kapitulation“, „eine Gefahr für die Existenz des Staates Israel“ und kritisierte, dass „Oslo II“ in der Knesset mit arabischer Unterstützung verabschiedet wurde. Der in Kiryat Arba oberhalb Hebrons wohnende Siedler Elyakim Haetzni verglich Rabin mit Henri Philippe Pétain, der im Juli 1940 in der südfranzösischen Stadt Vichy eine Regierung zu Nazi-Deutschlands Gnaden etabliert hatte. Der „Likud“-Politiker Moshe Feiglin bezeichnete Rabin als „einen Mörder…, dessen Tage gezählt sind“. Am 04. November wurde Rabin in Tel Aviv von dem Religionsschüler Yigal Amir ermordet. 

Einen Tag nach der Veranstaltung schrieb Gideon Levy in „Haaretz“, dass Rabin, der Mann, wenig zu tun gehabt habe mit Rabin, dem Mythos. Mit der Beteiligung der Rechten und eines Siedlers zeige sich die politische Leere und Schwäche des Friedenslagers. Rabin habe mehrere mutige Schritte getan, die aber nicht mutig genug gewesen seien. Das Friedenslager existiere nicht mehr und streite sich nur noch über die organisatorischen Details des Gedenkabends. 

                                                                                      Reiner Bernstein