Ein "schrecklicher Mist"

von Reiner Bernstein

Der 100. Jahrestag ist vorüber. Am 02. November 1917 hatte Außenminister Arthur James Balfour (1848 – 1930) im Namen der Regierung Seiner Majestät an Lord Lionel Walter Rothschild, den Vorsitzenden der „Zionist Federation of Great Britain and Ireland“, jenes Schreiben gerichtet, in dem das jüdische Volk insgesamt zum Völkerrechtssubjekt aufsteigen sollte. Die „Durchführung dieses Vorhabens“, in Palästina eine nationale jüdische Heimstätte zu schaffen, wolle London „nach Kräften erleichtern“. In kolonialistischer Tradition war die Zusage mit der Gewähr der bürgerlichen und religiösen Rechte für die nichtjüdischen Gemeinschaften – sie machten rund 90 Prozent der Gesamtbevölkerung aus – verbunden. 

Aus Anlass des Jubiläums stattete Benjamin Netanjahu Downing Street 10 einen „Arbeitsbesuch“ ab, bei dem es auch darum ging, von Theresa May ein kritisches Wort zur „Aggression und zum Terror“ Irans zu hören. In der kommenden Woche wird die Knesset dem Datum eine Sondersitzung widmen, und dem US-Senat liegt eine Resolution vor, welche die „stärksten bilateralen Beziehungen“ zu Israel würdigt. Mays Außenminister Boris Johnson erinnerte auch an das Leid der 750.000 arabischen Flüchtlinge von 1948. Doch die Geschichte des Konflikts geht weiter zurück.

Der als Vater der jüdischen Kolonisation bezeichnete Arthur Ruppin (1876 – 1944), in dessen Tel Aviver Wohnung 1926 der Grundstein für den „Friedensbund“ („Brit Shalom“) gelegt wurde, hatte nicht nur Theodor Herzl (1860 – 1904) die „absolute Unkenntnis der Verhältnisse in Palästina“ bescheinigt, sondern auch davor gewarnt, dass die Erklärung Balfours „mit ihren papiernen Privilegien … für uns ein Fluch sein (wird), wenn wir glauben, dass durch sie für uns Rechte auf Palästina ‚begründet‘ sind“. Der Erziehungswissenschaftler Akiva Ernst Simon (1899 – 1988) forderte, „mit der gefährlichen Parole ‚Erlösung des Bodens‘“ – eine bekannte aktuelle Parole – verantwortlich umzugehen. 1925 erlebte Robert Weltsch (1891 – 1982), Chefredakteur der zionistischen Jüdischen Rundschau in Berlin, heftige Reaktionen: Die Juden müssten ehrlich und aufrichtig bereit sein, „mit dem anderen Volk zusammen zu leben“. Denn sie seien es, „die neu hinzugekommen sind“. Da für den Historiker Hans Kohn (1891 – 1971) „der zionistische Nationalismus (…) den gleichen Weg (ging) wie die meisten mittel- und osteuropäischen Nationalbewegungen“, wanderte er 1929 in die USA weiter.

Mit dem Abstand des Historikers hat der in London lehrende, im Libanon gebürtige Gilbert Achcar bedauert, dass es eine Gruppe wie den „Brit Shalom“ gegeben habe, scheine aus der Erinnerung ausgelöscht zu sein.

Der Kulturtheoretiker Arnold Toynbee (1899 – 1975) bescheinigte seiner Regierung „schrecklichen Mist“. Indem er der arabischen Führung politische Erfahrungen absprach, betrachtete er das Manko als „Teil der Monstrosität der ganzen Angelegenheit“. Der New Yorker Historiker Walid Khalidi verurteilte die „Balfour Declaration“ als das politisch destruktivste Dokument des 20. Jahrhunderts für den Nahen Osten. PLO-Generalsekretär Saeb Erakat nannte sie infam, weil sie „die ethnische Säuberung“ von 1948 vorbereitet habe, und verlangte wie vor ihm Machmud Abbas eine Entschuldigung Londons. Während sich die israelische Politik auf Balfour berufe, würden die Palästinenser das Schreiben mit ihrer größten Tragödie („Nakba“) verbinden, setzte der Historiker und Publizist Tom Segev aus Jerusalem hinzu.

Vergeblich hatte Arie Lova Eliav (1921 – 2010), Generalsekretär der Arbeitspartei, eine entsprechende Erklärung Golda Meirs (1898 – 1978) für die Palästinenser verlangt. Am 29. November 2012 räumte die UN-Vollversammlung Palästina wenigstens den Status eines „Non-member Observer State“ ein; die USA stimmten gegen den Antrag, Deutschland enthielt sich. Beim Abendessen im Lancaster House räumte May ein, dass Balfour „ein unerledigtes Geschäft“ sei – auch im Verweis auf Israels Besatzungspolitik seit 1967. Im Gegenzug rügte Netanjahu die britische Mandatsregierung: Sie trage durch ihre Nachgiebigkeit gegenüber der arabischen Führung Mitschuld am Holocaust. Nur die eigene Verteidigungskraft und die Siedlungstätigkeit haben „uns zu unserem Recht auf das Land Israel“ verholfen.

Am morgigen Shabbat-Ausgang soll der Geburtstag Sara Netanjahus großzügig im Londoner Savoy Hotel gefeiert werden, selbstverständlich auf Kosten der israelischen Steuerzahler. Nur Kulturministerin Miri Regev ist eingeladen, die von Israels Theaterleuten und Autoren Loyalität als Voraussetzung staatlicher Zuschüsse verlangt hat. Nach ihren Plänen gehört ihr die politische Zukunft.