Der israelisch-palästinensische Konflikt in Dokumenten

Angelika Timm (Hg.): 100 Dokumente aus 100 Jahren. Teilungspläne, Regelungsoptionen und Friedensinitiativen im israelisch-palästinensischen Konflikt (1917 – 2017). AphorismaA Verlag: Berlin 207. 724 S. 35,00 Euro

Angelika Timm und der Verlag haben großen Mut bewiesen, ein derart voluminöses Werk vorzulegen. Die Vorlage füllt jedoch nach der Arbeit „Die VN-Resolutionen zum Nahost-Konflikt“ von 1978 eine historiographische Lücke, die nun geschlossen wird. Dabei lotet die habilitierte Autorin, die zwischen 2008 und 2015 das Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv leitete, in ihrem Vorwort die politischen und kulturellen Kontexte für die folgenden 100 Dokumente aus und verzichtet wohlweislich auf die üblichen Empfehlungen an die deutsche und internationale Diplomatie. Denn Timm weiß natürlich, dass sie in den dortigen Schubladen schlummern, ohne dass sie in Umsetzungsplänen einen angemessenen Widerhall finden. Der Satz Joschka Fischers gilt, dass „die Elemente“ der Blaupausen etwa der zivilgesellschaftlich getragenen Genfer Initiative von 2003 „x-mal durchdiskutiert worden“ seien.

Stattdessen greifen die Regierungszentralen und transnationalen Institutionen wie die UN samt ihren Unterorganisationen lieber auf eigene Resolutionen und Erklärungen zurück, die ein Ei wie dem anderen gleichen. Dazu ist von ihren Gegnern spöttisch vermerkt worden, dass die Illegalität der jüdischen Siedlungen in den palästinensischen Gebieten seit dem 01. Juli 2016 „in einer Flut“ nicht weniger als 67 Mal erwähnt worden sei – vom Nahost-Quartett, dem UN-Sicherheitsrat, von John Kerry und im Kommuniqué der eintägigen „Friedenskonferenz“ Mitte Januar 2017 in Paris. Kaum lehrreicher kann der Hohn das Scheitern charakterisieren. Unerhört blieb der Apell des früheren EU-Präsidenten Jacques Delors, ein tieferes Verständnis für die religiösen und philosophischen Vorstellungen anderer Zivilisationen zu entwickeln. 

Der notorische Hinweis, die westlichen Regierungen seien durch den Krieg in Syrien und im Irak, durch den Kampf gegen den „Islamischen Staat“ und durch die Belastungen im Verhältnis zur Türkei Erdoğans voll ausgelastet, muss sich die Bemerkung gefallen lassen, dass eine erfolgsorientierte Aufmerksamkeit im israelisch-palästinensischen Konflikt in einer Epoche zu wünschen übrigließ, als mit dem Begriff „Nahostkonflikt“ allein der Antagonismus zwischen Israelis und Palästinensern gemeint war. Liegen die Unterlassungen an der Sensibilität im Horizont der Verbrechen an den europäischen Juden? Sie wäre nachvollziehbar, würde aber übersehen, dass Frieden für Israelis ohne Frieden für die Palästinenser nicht zu haben ist.

Genauso einleuchtend sind Eindrücke, dass sich die auswärtige Politik an diesem Konflikt wundgerieben hat, auch nachdem es ihren Gegnern gelungen ist, jede Abweichung vom nationalen israelischen Konsens, unter dem Stichwort „jüdischer Staat“ seien Judäa und Samaria die Heimat des jüdischen Volkes – nicht also das Territorium in den Waffenstillstandsgrenzen von 1949 – unter den Verdacht des Antisemitismus zu stellen oder gar einem zweiten Holocaust das Wort zu reden. Von einer rechtsgerichteten Parlamentarierin stammt aus den 1980er Jahren die Aufforderung „Wer aus Hebron herausgeht, soll den Mut haben, in Tel Aviv das Licht zu löschen“.

Angelika Timm ist es zu verdanken, dass die von ihr gesammelten Vorlagen keine Vorhaltungen rechtfertigen, hier sei wieder einmal mit argumentativ kurzer Elle gemessen worden. De Leistung der Herausgeberin dürfte allerdings die Gegner der nationalen Koexistenz beider Völker auch künftig nicht an ihren Tiraden hindern. Der Philosoph und Erziehungswissenschaftler Akiva Ernst Simon (Berlin 1899 – Jerusalem 1988) hat 1972 in einem Brief an den Schweizer Theologen Markus Barth geschrieben: „Wir können dem Frieden nicht dienen, wenn wir nur sanft wie die Tauben sind.“ Timms kritische Quellensichtung und -bewertung sollte unsere Politiker mahnen.

 Reiner Bernstein