Reiner & Judith Bernstein

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Bemerkungen zur Anti-BDS-Kampagne

von Reiner Bernstein

„BDS“ – Hintergrund

Die politische Aufforderung „Boycott, Divestment, Sanctions“ (BDS) geht auf die Entscheidung des damaligen stellvertretenden PLO-Chefs und heutigen palästinensischen Präsidenten Machmud Abbas von 2002 zurück. Zwei Jahre zuvor hatte der israelische Oppositionsführer Ariel Sharon den „Tempelberg/Nobles Heiligtum“ in der Jerusalemer Altstadt besucht; schon bis Ende Oktober 2000 kamen 127 Palästinenser (und 36 Israelis) ums Leben. Nunmehr plädierte Abbas dafür, der Gewalt abzuschwören, weil sie die Besatzung nicht beende und die palästinensische Nationalbewegung international in Misskredit bringe. In der Konsequenz entstand BDS als Methode des gewaltlosen Widerstands.

Am 15. September 2016 nahm die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini im Namen der EU-Kommission, deren Vizepräsidentin sie gleichzeitig ist, auf eine Anfrage aus dem Europäischen Parlament wie folgt Stellung: 

„Die EU verurteilt entschieden und in jeder Hinsicht Drohungen und Gewalt gegen Verteidiger der Menschenrechte. Die EU stellt regelmäßig Fragen, die sich auf den Schutz von Menschenrechten und von Verteidigern der Menschenrechte im Dialog mit den israelischen Behörden beziehen, und ruft Israel und die Palästinenser auf, auf Provokationen zu verzichten und entschieden gegen aufrührerische und hasserfüllte Reden einzutreten.

Die EU vertritt entschieden den Schutz der Meinungs- und Versammlungsfreiheit in Übereinstimmung mit der Charta der Grundrechte der Europäischen Union, die für das Territorium der EU-Mitgliedsstaaten gilt. Dazu gehören BDS-Aktionen, die in diesem Territorium zur Anwendung kommen. Die Meinungsfreiheit, die in einer Entscheidung des Europäischen Gerichts für Menschenrechte unterstrichen worden sind, ist auch auf Informationen und Ideen anwendbar, ‚die den Staat oder einen Teil der Bevölkerung verletzen, schockieren oder stören‘. Die EU weist Kampagnenversuche zurück, Israel zu isolieren, und spricht sich gegen jeden Boykott Israels aus.“

Gemäß der EU-Politik ist mit „Israel“ der Staat innerhalb der „Grünen Linie“ gemeint. Die deutschen Träger der BDS-Kampagne werden vom Verfassungsschutz nicht beobachtet. Dafür hat die Regierung in Jerusalem nach israelischen Medienberichten die US-amerikanische Anwaltskanzlei Sidley Austin beauftragt, Schritte gegen Kritiker ihrer Politik zu prüfen und Verfahren gegen sie einzuleiten. Die Kanzlei unterhält in München eine Dependance.

Der Vergleich von BDS mit dem NS-Aufruf „Kauft nicht bei Juden!“ ist abwegig. Stattdessen legt es die Parallelisierung darauf an, öffentliche Debatten und politische Aktivitäten zu verhindern. Erreicht worden ist jedoch das Gegenteil: Aus den BDS-Anfängen sind weltweite Kampagnen hervorgegangen. Hauptträger sind Studentinnen und Studenten in den USA und in Großbritannien, unter denen der jüdische Anteil erheblich ist. In Israel werden sie von Gruppen wie „Boycott from Within“ getragen. Die Gründerin und Präsidentin des Verbandes „Ärzte für Menschenrechte“ Prof. Ruchama Marton hat BDS als das einzige gewaltfreie Mittel befürwortet, damit die israelische Gesellschaft „das Joch und den Schmerz der Besatzung spürt, wenn sie den Preis dafür bezahlen muss“. Der heute 94 Jahre alte Friedensaktivist Uri Avnery hat die BDS-Kampagne kritisiert, wenn sie auf die Abschaffung Israels dringt.

Über 60 Prozent der Westbank (Zone C gemäß der Osloer Vereinbarung von 1995) stehen unter der alleinigen Kontrolle der israelischen Regierung, des Militärs und der rund 350.000 jüdischen Siedler. In der Zone B mit rund 18 Prozent liegen alle Sicherheitsbelange in israelischen Händen. In die Zone A mit den sechs Großstädten Hebron, Bethlehem, Jericho, Ramallah, Kalkilya und Jenin, die allein der Palästinensischen Autonomiebehörde unterstehen sollen, greift das israelische Militär regelmäßig ein. Die „Trennungsmauern“ ordnen rund 18 Prozent der Westbank Israel zu. Ohne eine Regelung zugunsten der Palästinenser in Ost-Jerusalem ist jede weitere Vereinbarung politisch wertlos.  

 

BDS – Reichweite:

Ein geschlossenes BDS-Programm gibt es nicht. Generell lassen sich drei Ziele ausmachen:

– Rückzug des israelischen Militärs und Auflösung der jüdischen Siedlungen. Erstmals hat der israelische Völkerrechtler und nachmalige UN-Botschafter Yehuda Z. Blum 1968 in rechtspolitisch schöpferischer Exegese das Konzept entwickelt, wonach der „Rechtsstandpunkt Israels in den in Frage stehenden Gebieten [der Westbank] der eines Staates ist, der juristisch ein Gebiet kontrolliert, auf das kein anderer Staat einen besseren Titel vorweisen kann“. Blum haben sich Persönlichkeiten wie der Tel Aviver Rechtswissenschaftler Yoram Dinstein und der langjährige Präsident des Obersten Gerichtshofs Meir Shamgar angeschlossen, für die das internationale Recht wenig mehr als „eine komplexe intellektuelle Konstruktion“ sei. Shamgar wollte zumindest die Anwendung der Genfer Konvention mit „ihren humanitären Vorkehrungen“ nicht völlig ausschließen; 

– rechtliche und politische Gleichstellung der palästinensischen Staatsbürger Israels. Die Dringlichkeit dieser Forderung erschließt sich jüngst daraus, dass die Regierung die Anerkennung Israels als jüdischen Staat verlangt, wodurch mehr als 20 Prozent der Gesamtbevölkerung aus dieser Definition ausgeschlossen wären;

– Anerkennung des Prinzips der Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge von 1948, deren Zahl durch Geburtenüberschüsse auf mittlerweile über sechs Millionen angestiegen ist. Die faktische Durchsetzung ist jedoch obsolet: Sie ist von der Palästinensischen Autonomiebehörde, von der Arabischen Friedensinitiative (2002) sowie von der israelisch-palästinensischen Genfer Initiative (2003) zurückgewiesen worden. Auch in der palästinensischen Diaspora, selbst in den Flüchtlingslagern in Jordanien und Libanon, findet sie keine einhellige Befürwortung. Ideen der Familienzusammenführung „im gegenseitigen Einvernehmen“ („an agreed-upon solution“) sind übriggeblieben. Dieser Anspruch kann solange nicht bestritten werden, so lange der Staat Israel allen Juden der Welt das Recht der Einwanderung einräumt.

Avnerys Gruppe „Gush Shalom“ („Friedensblock“) hat 1997 eine Liste mit allen israelischen Unternehmen vorgelegt, die in den im Junikrieg 1967 besetzten Gebieten wirtschaftlich tätig waren. Sie ist vor kurzem aktualisiert worden. Damals wie heute geht es um den Boykott von Waren und Dienstleistungen aus den jüdischen Siedlungen, vor deren Kauf die israelischen Verbraucher gewarnt werden. Diese Auflistung kann jedoch kaum durchgesetzt werden, weil zahlreiche Unternehmen wie Banken, Baufirmen, Versicherungen und Kaufhausketten auch in den palästinensischen Gebieten tätig sind. Der israelischen Regierung sind längst Umweg-Etikettierungen für den Export gelungen, so dass sich der gesamtwirtschaftliche Schaden in Grenzen hält.  

 

Das Beispiel München

In ihrer Vorlage 14-20/ V 010165 der SPD- und CSU-Fraktionen vom 11. Juli 2017 unter dem Titel „Gegen jeden Antisemitismus! – Keine Zusammenarbeit mit der antisemitischen BDS-Bewegung (‚boykott [sic], divestment and sanctions‘)“ ist im entscheidenden Absatz verlangt worden:

„Differenzierte Vorgehensweise bei Organisationen und Personen, die sich in der Vergangenheit positiv zur BDS-Kampagne geäußert haben oder diese unterstützen: Sie können nur dann durch Zuschüsse oder die Überlassung bzw. Vermietung von Räumlichkeiten für Veranstaltungen unterstützt werden, sofern die Veranstaltung bzw. das Zuschussobjekt sich nicht mit den Inhalten, Themen und Zielen der BDS-Kampagne befasst, diese unterstützt, diese verfolgt oder für diese wirbt.“

Der Antrag übernimmt faktisch die Politik der israelischen Regierung, die auf die internationale Akzeptanz der förmlichen Annexion „Judäas und Samarias“ hinarbeitet. Er dürfte jedoch gemäß Artikel 5 GG verfassungsrechtlich keinen Bestand haben. Zum anderen geht der Antrag einer Antwort aus dem Wege, warum die Stadt München seit Jahren öffentliche Veranstaltungen mitfinanziert, in denen der israelischen Politik breiter Raum eingeräumt wird.

Die für den 08. November 2017 anberaumte Sitzung, in der der Antrag für die Vollversammlung des Rates vorbereitet werden sollte, ist vom Verwaltungs- und Personalrat kurzfristig abgesagt worden. Wie zu hören ist, soll der Antrag nach Vorarbeit im Ältestenrat am 20. November 2017 der Vollversammlung zugeleitet werden.  

 

Das Beispiel Köln

Zu den 22 internationalen Städtepartnerschaften Kölns gehören Tel Aviv-Yaffo und Bethlehem. Am 26. Oktober 2017 hat die Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft Köln der Deutsch-Israelischen Gesellschaft unter dem Titel „BDS entgegentreten!“ die Stadt aufgefordert, die BDS-Kampagne als antisemitisch zu bewerten, BDS-Aktivitäten aus städtischen Räumen zu verbannen und sie weder direkt noch indirekt zu unterstützen. Indem die Mitgliederversammlung für „eine friedliche Koexistenz im Nahen Osten“ plädiert, geht sie einer Zustimmung zur Zwei-Staaten-Lösung aus dem Wege. Außerdem beruft sich die DIG fälschlicherweise auf eine Entscheidung des Münchner Stadtrates.

In einem Schriftsatz hat sich das Kölner Referat für Internationale Angelegenheiten von der BDS-Kampagne „entschieden“ distanziert, aber die „pauschale Gleichsetzung von BDS und Antisemitismus“ zurückgewiesen und das Grundrecht der Meinungsfreiheit betont. Dabei stützt sich das Referat auf Beiträge des Jerusalemer Historikers Moshe Zimmermann und des früheren israelischen Botschafters in Berlin Shimon Stein„Wer ‚Antisemitismus‘ ruft, wo keiner ist, der schadet dem Kampf gegen Antisemitismus“ – sowie auf das Votum des Auswärtigen Amts, das „die sehr weitgehende BDS-Definition der Anti-BDS-Bewegung“ nicht teilt: „Die BDS-Bewegung ist aus Sicht der Bundesregierung nicht per se antisemitisch.“ Die Förderung durch Bundesmittel werde jedoch „in jedem Einzelfall geprüft“. Außerdem werden in einer weiteren Stellungnahme die Annexion Ost-Jerusalems vom Frühsommer 1980 sowie „die Siedlungen in den besetzten Gebieten als völkerrechtswidrig“ abgelehnt.  

 

Resüme

Das Konzept der Zwei-Staaten-Lösung übersieht, dass sich der Zionismus seit 1967 einer grundlegenden Metamorphose unterzogen hat: von einem Territorialkonflikt zu einer Konfrontation, in der nationale Identität und religionspolitisches Bekenntnis die Achsen des israelisch-jüdischen Selbstverständnisses ausmachen. Dafür hat ein Autor, den Benjamin Netanjahu zu seinen Freunden gezählt hat, den Begriff „Yeshiva-Nationalismus“ geprägt.

Die mancherorts kaum verhüllte Unterstellung, den Palästinensern sei ein genetischer Defekt eigen, der sie zu Gewalttaten treibe, übersieht den Zusammenhang mit der israelischen Interventionspolitik. Solange sie anhält, so lange werden internationale Rufe nach Sanktionen nicht verstummen. Alle israelischen Kommentatoren vertreten – zustimmend oder ablehnend – die Auffassung, dass Netanjahu an einem tragfähigen Ausgleich mit den Palästinensern nicht interessiert ist, ob aus eigener tiefer Überzeugung oder um sich in seiner fragilen Koalition als Regierungschef zu behaupten. Das Korrektiv einer starken israelischen Zivilgesellschaft ist nicht erkennbar. 

Der israelisch-palästinensische Konflikt hat eine Eigendynamik entwickelt, die keine Heilung vom Antisemitismus durch Begegnungen in Israel erkennen lässt. Dieser schon vor Jahrzehnten in den Prinzipien der Bundeszentrale für politische Bildung vorgetragene Gedanke hat sich längst erledigt. Alle Erfahrungen sprechen dafür, dass deutsche Besucher skeptischer denn je aus Israel und aus den palästinensischen Besucher zurückkehren.

Der Widerstand gegen die BDS-Bewegung ist ein Manöver, von der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern abzulenken. Da die Regierungen in Jerusalem seit den 1980er Jahren die „Grüne Linie“, basierend auf dem Waffenstillstandsvertrag mit Jordanien vom 02. April 1949, aus allen amtlichen Dokumenten gestrichen haben, erleichtern sie es jenen BDS-Protagonisten, auf der territorialen Einheit Palästinas / Eretz Israel zu bestehen.

Würde die Behauptung in der Kölner Kommunalvorlage der Nachprüfung standhalten, dass sich die BDS-Kampagne gegen „einen demokratischen Staat … und ein ganzes Volk, nämlich die Juden“, stelle, müssten die Begegnungsprogramme einen anderen pädagogischen Zuschnitt haben: Im Mittelpunkt würden Gespräche mit jenen Menschen diesseits und jenseits der einstigen „Grünen Linie“ stehen, die ihren Regierungen Pflichtvergessenheit in Sachen Frieden vorwerfen. Damit würde – wie es in dem Kölner Papier heißt – „die zunehmende Einschränkung zivilgesellschaftlicher Spielräume“ gemindert werden.

Die von der Bundesregierung und von den Kommunen vorgegebenen politischen Entscheidungen brechen sich an den Spielräumen des Verwaltungshandelns. Damit ist zu befürchten, dass es immer wieder zu verwaltungsgerichtlichen Nachprüfungen kommt. Diese Perspektive ist höchst unbefriedigend. 

Den nicht-jüdischen BDS-Gegnern sollte klar sein, dass ihre Überzeugung allen Juden schadet, weil sie die innerjüdische Meinungspluralität kriminalisiert und sich am Staat Israel wegen seiner Politik stößt. Das Phänomen der Entfremdung ist als „neue Judenfrage“ bezeichnet worden. So fand es 2013 Staatspräsident Reuven Rivlin wegen seiner Absage an eine glatte Annexion der besetzten Gebiete ohne politische Rechte für die davon betroffene palästinensische Bevölkerung an der Zeit, „ernsthaft einzuräumen, dass Israel krank“ sei. Daraufhin wurde er als „kleiner Lügenjude“, „arabischer Agent“, „verachtenswerter Kriecher“, „Verräter“ und „Präsident der Hisbollah“ beschimpft. Die frühere Abgeordnete Einat Wilf – sie arbeitet heute als politische Beraterin des israelischen Botschafters in Washington – zählte auch Daniel Barenboim zu den „Verächtern des Zionismus“. Es ist nicht anzunehmen, dass Aharon Barak, zwischen 1995 und 2006 Präsident des Obersten Gerichtshofs, heute sein Urteil wiederholen würde, der ideologische Pluralismus und nicht die ideologische Uniformität sei das Kennzeichen der israelischen Demokratie.

Der ständig zitierten „Arbeitsdefinition“ des „European Monitoring Center on Racism and Yenophobia“ (EUMC), die auf die Stellungnahme des „American Jewish Committee“ unter Leitung des Strafverteidigers Kenneth S. Stern zurückgreift, liegt kein politisches Bekenntnis zugrunde, sondern ist das Ergebnis wissenschaftlicher Untersuchungen, denen eine zu weitreichende Definition des Antisemitismus vorgeworfen worden ist. Seitens der Bundesregierung gibt es dazu lediglich eine Empfehlung, die dem Bundestag zur Beschlussfassung vorzulegen wäre.

Während von Seiten der politischen Opposition im Münchner Rathaus bislang keine Stellungnahme zum Antrag der beiden Mehrheitsfraktionen vorliegt – will man davon absehen, dass die GRÜNEN in einer Pressemitteilung das Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigt, sich aber von der BDS-Kampagne distanziert haben –, fällt auch in der Kölner Stellungnahme der generell defensive Ton auf. Die BDS-Gegner behalten sich – jenseits der üblichen „reservatio mentalis“ („natürlich kann man Israel kritisieren“) – das Recht auf Entscheidung vor, was politisch (noch) legitim sei und was als antisemitisch zu gelten habe. Mit anderen Worten: Den BDS-Gegnern ist die Einschüchterung mit antisemitischen Unterstellungen gelungen. Dabei ist es genau dieser Vorwurf, der antijüdische Ressentiments schürt, weil er die Empfindung vermittelt, „bestimmte Kreise“ würden die Politik steuern.

Frieden für Israel ist ohne Frieden für die Palästinenser eine Illusion. Für die deutsche Politik erschließt sich diese Lektion aus der Verantwortung für den Holocaust. Wer sich umgeht, verlängert das Blutvergießen dort und beschädigt den Kampf gegen den Antisemitismus hier.