Das große Missverständnis aller Orten

von Reiner Bernstein

„Die Leiden der russischen Juden waren nie Ursache des Zionismus. Die grundlegende Ursache für die zionistische Bewegung war und ist das unausrottbare nationale Bestreben des Judentums, wieder eine eigene Heimat zu haben, einen nationalen Mittelpunkt, eine Heimat, wo die Juden ihr eigenes jüdisches Leben leben können.“

Chaim Weizmann (1874 – 1952), langjähriger Vorsitzender der Zionistischen Weltorganisation und erster Staatspräsident Israels, wurde nicht müde, nach innen und nach außen das große Missverständnis auszuräumen, dass der Zionismus mit dem Ziel angetreten sei, die europäischen Juden vor dem grassierenden Antisemitismus zu retten. Er wollte stattdessen die Juden bewegen, ihrer „heiligen Pflicht“ der Auswanderung nach Palästina nachzukommen. Denn das Leben in der „Diaspora“ laufe darauf hinaus, dass die Juden ihre intellektuellen Kompetenzen und Wissensbestände an die „Wirtsvölker“ abgeben und verschwendet würden.

Damit argumentierte Weizmann – der während seiner Schulzeit in der Nähe der weißrussischen Stadt Minsk „den Lehren des Talmud keinen Geschmack abgewinnen konnte“, aber die Propheten liebte – entlang der Überzeugung des ultraorthodoxen Neurophysiologen Yeshayahu Leibowitz (1903 – 1994), der bei Nobelpreisträgern und Kulturschaffenden in aller Welt nichts Jüdisches entdeckte, sofern ihre Leistungen nicht mit dem Bekenntnis zu den Quellen der Religion einhergehen würden.

Insofern lehnte Leibowitz die Reduktion des Judentums auf einen ethischen Universalismus strikt ab. Solange der jüdische Staat ausbleibe, habe „die Notordnung“ des profanen Gemeinwesens die Pflicht, das Bedürfnis nach Ordnung der sozialen Beziehungen zu erfüllen. Die ihm auch in deutschen Kreisen gern zugesprochene Sorge um die Palästinenser ist abwegig: Leibowitz ging es allein darum, die dem Besatzungsregime innewohnende Verletzung des jüdischen Religionsgesetzes abzuwenden.            

Weizmann und Leibowitz setzten aus je unterschiedlicher Perspektive einen entschiedenen Kontrapunkt zu Theodor Herzl und dem Basler Programm von 1897, das aus den Erfahrungen der jahrhundertelangen Beherrschung durch die Völker die Konsequenz einer „Heimstätte für das jüdische Volk“ zog. Herzl und seine westeuropäisch akkulturierten Begleiter standen der „inneren Judenfrage“ fern. Die Legitimität des „Judenstaates“ leiteten sie ausschließlich aus der „Judennot“ ab, der „äußeren Judenfrage“.

Hat der Staat Israel diesen Auftrag erfüllen können? Die fortwährenden innerisraelischen und innerjüdischen Konflikte beiseite, kommt man um das Urteil nicht herum, dass es die Politik in Jerusalem in den vergangenen Jahrzehnten geschafft hat, weltweit in der öffentlichen Meinung und in den Regierungszentralen eine dramatisch zu nennende Polarisierung zu entwickeln und die jüdische „Diaspora“ in Mithaftung zu nehmen.

Diese Verteilung der doppelten Verantwortung will zwei Eigenprodukte ausblenden: die Selbstverständlichkeit, mit welcher der Territorialanspruch zwischen Mittelmeer und Jordan begründet wird, und die Nachdrücklichkeit, mit der diese Ambitionen politisch und militärisch gegen die autochthone arabische Bevölkerung durchgesetzt werden soll.

1937 verwahrte sich Weizmann, für den Philosophen Isaiah Berlin (1909 – 1997) „der größte Sohn des jüdischen Volkes im 20. Jahrhundert“, vor der britischen Peel-Kommission gegen die „Verstümmelung des Landes“ im Zuge einer Teilung Palästinas. 1967 ergänzte Verteidigungsminister Moshe Dayan: „Ich weiß, dass es eine Resolution 242 des [UN-]-Sicherheitsrates gibt, einen Rogers-Plan, einen Dayan-Plan, einen Allon-Plan und noch andere Pläne. Aber es gibt etwas Bedeutenderes und Größeres als alle diese [Pläne], und das ist das Volk Israel, das in seine Heimat zurückgekehrt ist.”

Als die Palästinensische Autonomiebehörde im Juni 2016 die Kooperation mit der israelischen Wasserbehörde verweigerte, sperrte diese die Wasserleitungen für mehrere hunderttausend Haushalte in der Westbank. Wenige Tage später, am 20. Juni, wiederholte der Rat der EU-Außenminister „seine Unterstützung für eine gerechte, nachhaltige und umfassende Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts sowie für Frieden und Sicherheit in der Region“.