Holocaust-Gedenken und alltäglicher Rassismus

Israels stellvertretender Generalstabschef Generalmajor Yair Golan drückt bei einer zentralen Gedenkfeier im Kibbutz Tel Yitzhak zur jährlichen Erinnerung an den Holocaust seine Sorge aus, dass die "revolutionären Prozesse im besetzten Europa im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen vor 70, 80 und 90 Jahren" Zeichen gesetzt hätten, die "wir im Jahr 2016 in Israel finden". Der Holocaust brauche heute die verantwortliche Führung. Nichts sei "leichter, als den Fremden zu hassen, und nichts sei leichter, als Angst und Intoleranz, Gewalt, Selbstzerstörung und moralischen Niedergang zu verbreiten". Wie der Versöhnungstag solle die Erinnerung an den Holocaust die Chance zur Selbstbesinnung bieten. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu fordert daraufhin Verteidigungsminister Moshe Ya'alon auf, Golan zu einer "Klarstellung" zu veranlassen. In einem Eintrag des Kurznachrichten-Dienstes „Twitter“ wird Golan als „stellvertretender Generalstabschef der Wehrmacht“ bezeichnet.  

 In einem Kommentar schreibt Chemi Shalev in „Haaretz" am 06. Mai:

Die universellen Menschenrechte und demokratischen Prinzipien würden von Führungspersönlichkeiten des rechten Lagers zunehmend als subversive Konzepte von Feinden Israels betrachtet, weil Israel an seiner historischen Heimat (vulgo Judäa & Samaria) festhalte. Shalev fährt fort: 

„Mit oder ohne Gaskammern, mit oder ohne Atomwaffen hat Netanjahu Israelis in eine Welt eingebettet, in der sie nicht mehr als die Juden im Ghetto Bialystok oder im Ghetto Lvov über ihr Schicksal entscheiden können, in ein Universum, in dem das Dorf immer brennt und das scharfe Messer auf Israels Nacken gerichtet sind. Das ist eine erdrückende, grundlegend antizionistische Botschaft, in der die Schaffung des Staates Israel nichts erreicht hat, um die Grundbedingung der Juden zu ändern. Es beschreibt eine Welt der Gefahr und der Dunkelheit ohne Licht oder Hoffnung,

 – in der Israel wiederholt von seinen falschen Freunden und treulosen Alliierten verlassen wird,

 – in der Juden in aller Welt ständig einen bevorstehenden Pogrom erwarten,

 – in der der Antisemitismus wieder als Plage ausgebrochen ist, gegen die es keinen Reim und keinen Grund gibt,

 – in der sogar naive Studenten auf dem Campus in Amerika, die den Boykott gegen die Besatzung unterstützen, als eine existentielle Gefahr betrachtet werden,

 – in der die einzige Hoffnung des Überlebens in der ewigen Wachsamkeit gegen ewige Feinde und heimische Messerstecher besteht.

 Es ist eine Welt,

 – in der die Endlösung immer auf dem Tisch liegt,

 – eine Welt des ewigen Konflikts zwischen Gut und Böse,

 – eine Welt, in der es keinen Platz für Gnade, Reue oder windelweiche Illusionen auf den Frieden gibt.

So wie es einst war."

Abschließend erinnert Shalev an die Normalität:

„Es gibt Tausende, wenn nicht Zehntausende Israelis, die nach der Vertreibung, der Vergewaltigung und der Ermordung von Palästinensern, Linken und sogar einfachen Kritikern der Regierung jeden Tag rufen. Der Ruf 'Tod den Arabern', der auf Demonstrationen der radikalen Rechten wie auf dem Fußballplatz widerhallt, kommt so routiniert daher, dass niemand mehr Notiz davon nimmt. So wie am vergangenen Sonntag (01. Mai) eine Gruppe von 40 bis 50 Fußball-Rowdies Nadwa Jabber angriffen, eine israelisch-arabische Lehrerin in einer gemischten Schule, die sich der Koexistenz verschrieben hat, als sie in ihrem Auto mit ihren zwei jungen Töchtern außerhalb der Jerusalemer Shopping Mall fuhr. 'Hier sind einige Araber', schrien sie, umkreisten Jabber an der rot geschalteten Ampelanlage und blockierten ihre Weiterfahrt. Sie trommelten auf ihr Auto und riefen ihr rassistische Spottverse und Beleidigungen zu. 'Es waren 15 Minuten des blanken Terrors', sagte sie."