Zionistisch, antizionistisch

von Reiner Bernstein

Vor einigen Tagen verteidigte sich eine junge Jüdin, die sich nach ihrem Militärdienst der Friedensszene zuwandte, mit dem Bekenntnis, dass sie weiterhin Zionistin sei. Ihrer Erklärung war anzumerken, wie sehr sie unter Anfeindungen litt.

Der Kampf um die Deutung des Zionismus ist so alt wie die Bewegung selbst. Hatten die „Protest-Rabbiner“ 1896 Theodor Herzl (1860 – 1904) den ersten zionistischen Kongress in München verwehrt, weil ihre Theologie die „Einsammlung der Zerstreuten“ (Deut. 30,3-5 et al.[1]) vor der Ankunft des Messias untersagte, so dauerte es nicht lange, bis der langjährige Präsident der Zionistischen Kongresse Max Nordau (1849 – 1923) den Kulturzionisten Achad Ha’am (1856 – 1927) zu den „schlimmsten Feinden des Zionismus“ zählte. Was war Asher Zvi Ginsberg, so sein bürgerlicher Name, vorzuwerfen? Er drängte darauf, über der „Judennot“ – Verfolgung und Pogrom – die „Judentumsnot“ nicht zu vergessen: das jüdische Selbstverständnis. Nordau selbst, aus rabbinischem Hause stammend, hatte sich der Religion völlig entfremdet. Nicht zufällig war sein Geburtsname Südfeld. 

Judah L. Magnes (1877 – 1948), erster Präsident der Hebräischen Universität und in seiner Jugend der Held der jüdischen Jugend in Amerika, musste sich in Palästina des Rufs erwehren, der Feind seines Volkes zu sein: Für ihn stand fest, dass die jüdische Niederlassung („Yishuv“) „Wege des Friedens und der Verständigung“ mit der arabischen Bevölkerung finden müsse. Gleichzeitig warnte er, dass „unser ganzes Unternehmen nichts wert ist, wenn der einzige Weg bei der Schaffung des jüdischen Nationalheims auf den Bajonetten irgendeines Reiches stattfindet“, damals Großbritanniens. Magnes stand dem „Brit Shalom (Friedensbund)“ nahe, der sich für einen Staat mit gleichen Rechten und Pflichten für alle ethnischen und religiösen Gruppen zwischen Mittelmeer und Jordan einsetzte. Noch ein halbes Jahrhundert später warf ein gelehriger Schüler Benjamin Netanjahus den „Brit Shalom"-Leuten eine „Politik des zionistischen Ausverkaufs" vor. 

Als kürzlich eine Schülerin ihre Freundin fragte, ob den arabischen Staatsbürgern Israels nicht dieselben Rechte zustehen sollten, erntete sie eine ungläubige Reaktion. Eine Mitarbeiterin der Tel Aviver Stadtverwaltung entging knapp einem Eintrag in ihre Personalakte, weil sie einem arabischen Anrufer in dessen Sprache geantwortet hatte. In einem Gastbeitrag für „Haaretz" am 03. März 2016 forderte ein der äußersten Rechten zugehöriger Publizist den Ministerpräsidenten auf, endlich zu verstehen, dass die arabischen Abgeordneten der Knesset es auf die Zerstörung Israels absehen und dass dieses Ziel „aus der Tiefe der arabischen Seele" komme. Am 08. März wurde bekannt, dass nach einer Umfrage 48 Prozent der jüdischen Israelis für und 46 Prozent gegen den Transfer der arabischen Staatsbürger seien und dass 76 Prozent es befürworten, dass den Juden mehr Rechte als den Arabern zustehen. 

Der Zionismus als „nationale Befreiungsbewegung“ war nach 1967 von der theologischen Trias „Volk Israel – Thora Israels – Land Israels“ abgelöst worden, um die „konkrete Erlösung in unserer Zeit” zu beschleunigen. Dieses Jahr beginnt die Hälfte der Erstklässler in religiösen und ultraorthodoxen Schulen, wo sie weder in Philosophie, Humanismus, Psychologie oder Musik unterrichtet werden. Für Justizministerin Ayelet Shaked sollen die Richter „sich nicht nur am allgemeinen Gesetz oder an europäischen Rechtssystemen orientieren“, vielmehr „sich in ihren Urteilen auch vom Talmud inspirieren lassen“.

Hochrangige Diplomaten mit UN-Botschafterin Gabriela Shalev an der Spitze haben den Dienst quittiert. Wissenschaftler und Künstler sind in die innere Emigration gegangen. Yoram Kaniuk ist tot. Amos Oz und David Grossman bleibt die politische Resonanz versagt. Bei A.B. Yehoshua liegt der Schwerpunkt auf den Beziehungen zur jüdischen Diaspora.

In den 1970er Jahren wurde in der Bundesrepublik die Forderung diskutiert, Israel möge sich in den Nahen Osten integrieren. Heute fehlen dazu nur noch wenige Schritte. Das Militär ist der einzige Stabilisator, der die divergierenden politischen und ideologischen Kräfte vor der Implosion bewahrt. Die Palästinenser werden nur wahrgenommen, „wenn sie uns Ärger machen"

 

[1]   So wird R’ Yochanan im Babylonischen Talmud 88a unter Verweis auf Hosea 2,2 mit den Worten zitiert: „Der Tag der Einsammlung der Zerstreuten ist so bedeutsam wie der Tag, an dem Himmel und Erde erschaffen worden sind.”