Einige Bemerkungen zur Frühgeschichte der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

von Reiner Bernstein, den 23. März 2016

Aus Anlass des 50. Jahrestages der Gründung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) am 21. März 1966 hat Dr. Martin Kloke in dem von Dr. Christoph Münz herausgegebenen Internetportal „Compass“ # 235 eine Zusammenfassung ihrer Geschichte mit dem Titel „In aller Freundschaft: 50 Jahre Deutsch-Israelische Gesellschaft" veröffentlicht, die mich zu einigen Bemerkungen veranlasst, soweit sie meine Zeit als Leiter des Bonner DIG-Büros zwischen dem 01. Januar 1971 und dem 31. August 1977 betreffen. Dabei will ich darauf verzichten, mich mit einigen Sprachwendungen[1] und Tautologien des Autors zu befassen.

Dass Kloke die wichtige Veröffentlichung von Jekutiel Deligdisch „Die Einstellung der Bundesrepublik Deutschland zum Staat Israel“ (Bonn-Bad Godesberg 1974) nicht zur Hand genommen hat, werde ich auch nicht kommentieren. Die politische Bekenntnisschrift von Yohanan Meroz (1920 – 2006) „In schwieriger Mission. Als Botschafter Israels in Bonn“ (Berlin-Frankfurt/M. 1986) hätte sich ebenfalls gelohnt, weil sie über die Kontroverse um die DIG hinaus Einblicke in politische Stimmungslagen in Bonn und „draußen im Lande“ vermittelt hätte.

In meinen Bemerkungen folge ich der Übersicht halber dem Duktus der Vorlage Klokes.

Verweisen will ich dabei zusätzlich auf meinen persönlichen Rückblick „50 Jahre – ein halbes Jahrhundert auf dem Drahtseil in Deutschland und Nahost“ vom März 2014.

Dankbar bin ich, dass Kloke an Rudolf Küstermeier (1903 – 1977, Überlebender des KZ Bergen-Belsen und 1946 erster Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“) erinnert, der als dpa-Korrespondent in Tel Aviv in den Jahren vor der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Regierungen politisch äußerst wertvolle Vermittlungsdienste leistete (Erich Lüth, 1902 – 1989, habe ich nicht kennengelernt). Küstermeier war es, der mich während meiner dienstlichen Besuche mit manchen Rivalitäten unter den israelischen Polit-Akteuren und Einrichtungen („Mapai“./.„Mapam“, „Histadrut“) vertraut gemacht hat.    

 

I. Vorbemerkungen

Es bedarf nicht des Rückgriffs auf Ernst Wolfgang Böckenförde, um die Bezeichnung „Freundschaftsgesellschaft“ zu problematisieren. Denn sie hat regelmäßig in Präsidiumssitzungen und bei Mitgliederversammlungen im Mittelpunkt gestanden und bezog sich auf die von Ernst Benda (1925 – 2009) stammende These, dass die DIG mit der Regierungspolitik Israels in „kritischer Solidarität“ stehen solle.

Die Beschränkung hätte zur Folge haben sollen, dass die Arbeit der DIG weder Einflüssen der Bundesregierung noch der Regierung des Staates Israel (damalige Regierungschefs Willy Brandt, Helmut Schmidt, Golda Meïr und Yitzhak Rabin) unterworfen sein solle. Insofern setzte sich entgegen dem Votum von Herbert Wehner (1906 – 1990), der sich eine personell engmaschige und politisch durchschlagskräftige „pressure group“ vorstellte, das Ziel eines breiten Mitgliedervereins durch. Der von Kloke zitierte Proporz „einer tendenziell staatsnahen Konfiguration des DIG-Vorstandes“ erledigte sich damit allerdings keineswegs – Satzung und Leitsätze hin oder her.

Als wir etwa von Seiten des Bonner DIG-Büros nach dem Anschlag palästinensischer Terroristen während der Olympischen Spiele in München 1972 für die Familien der ermordeten israelischen Sportler die Spendengelder in der Israelischen Botschaft in Bonn-Bad Godesberg übergeben wollten, wurden wir darauf hingewiesen, dass sie nicht ihnen, sondern den israelischen Sicherheitsbedürfnissen dienen würden…   

Dass die Spannungen um das zivilgesellschaftliche Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und Israel nicht nur die DIG, sondern auch ihren Partner, die Israelisch-Deutsche Gesellschaft (IDG) beschäftigte, lässt sich daran ablesen, dass deren Präsidenten relativ schnell „das Handtuch warfen“ und dass der von mir hochverehrte Rechtsanwalt Dr. Arthur Bergmann – er verteidigte arabische Gefangene in „Verwaltungshaft“ und intervenierte zu ihrem Gunsten in Ministerien (er kam später bei einem tragischen Unfall in Südostasien ums Leben) – für mehr Realismus in der Bewertung der offiziellen israelisch-deutschen Beziehungen eintrat.

Eine ähnliche „Ermahnung“ ist mir von Dr. Mohe Tavor (1903 – 1978) zuteil geworden. Tavor, zwischen 1963 und 1966 Presse- und Kulturattaché der Israel-Mission und der Israelischen Botschaft in Köln und Bonn sowie von 1966 bis zu seinem Tod Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, gab mir den Satz mit auf den Weg: nach dem Mord an den Juden Europas Demokratie, Rechtsstaat und Toleranz zu lernen und darüber nicht den offenen Blick für die politische Entwicklung in Israel zu vergessen.

 

II. Meine Tätigkeit in Bonn

Da sich Kloke nicht der Mühe unterzogen hat, die Vorgeschichte des Konflikts innerhalb der DIG zwischen Herbst 1976 und Frühjahr 1977 angemessen zu recherchieren, will ich dies nachholen, wobei einige von mir bereits niedergeschriebene Rückblenden wiederholt werden müssen.  

Im September 1976 wurden Dr. Ulrich Kusche und ich von der Geschäftsführerin des Berliner Landesjugendrings Irma Haase gebeten, sie bei der Vorbereitung und Durchführung einer Reise von Multiplikatoren nach Israel im Oktober zu unterstützen. Schon am Abend unserer Ankunft zuvor kam es in Tel Aviv zu einem rhetorischen Schlagabtausch, den der Leiter der Hirsch-Bibliothek – der Vorläuferin des Goethe-Instituts – Gerhard Schoenberner (1931 bis 2012, nachmaliger Gründungsdirektor der Gedenkstätte Wannsee-Villa) danach in einem Vermerk zu unserem Besuchsprogramm festhielt:

„Aus der Erfahrung, dass die bisherigen Informationsreisen von den israelischen Partnern in reine PR-Programme umfunktioniert wurden, die auf deutscher Seite häufig Frustration und wachsendes Konfliktpotential produzierten, versucht man hier einen neuen Weg. Das Konzept besteht darin, den politischen Grundsatz der Ausgewogenheit auch auf das Reiseprogramm anzuwenden und sich über die Probleme des Landes allseitig und umfassend, d.h. bei allen [Auszeichnung im Original] betroffenen politischen, religiösen und ethnischen Gruppierungen aus erster Hand zu informieren. Auf diese Weise erhebt man auch den Begriff ‚politische Bildung‘, unter dem diese Reisen [aus deutschen Bundes- und Landesmitteln] finanziert werden, auf das Niveau, das ihm eigentlich zukommt.“

Auf israelischer Seite, so Schoenberner weiter, habe unser Konzept den Vorwurf ausgelöst, es handele sich um ein „Baader-Meinhof-Programm“. Die für die Tageszeitung „Ma’ariv“ in Bonn arbeitende Journalistin Inge Deutschkron tat sich dabei mit Klagen gegen mich besonders hervor.

Zum anderen stand für die Delegation eine Begegnung mit dem stellvertretenden Bürgermeister von (Unter-)Nazareth auf dem Programm. Als wir vereinbarungsgemäß am nächsten Tag zum vereinbarten Gespräch vor den Toren des Auswärtigen Amtes in Jerusalem warteten, wurde uns der Zutritt mit der Begründung verweigert, dass für deutsche Besucher Israels nur jüdische Gesprächspartner in Frage kämen. Die Auskunft erhielten wir von dem dortigen Abteilungsleiter Ze’ev Shek, dem im Amt der Ruf „Scheck ohne Deckung“ vorauseilte.

Die Begründung der Bundeszentrale für politische Bildung, über Israel-Reisen den Antisemitismus in der Bundesrepublik zu entkräften, habe ich verschiedentlich als grundfalsch bezeichnet. Dazu stellte Mitte 1993 ein führender Mitarbeiter des Hauses  auf meine Nachfrage „ohne weiteres“ fest,

„dass ein – von mir nicht zu quantifizierender – Anteil selbst der Teilnehmer und Teilnehmerinnen an den Israel-Studienreisen der BpB latent bis kaum verhüllt antisemitisches Gedankenmaterial transportiert. Da diese Reisen – gleichsam von Rechts wegen – den Auftrag erfüllen sollen, antisemitische und fremdenfeindliche Tendenzen in der deutschen Gesellschaft über die Vermittlung von Informationen und Erfahrungen an Multiplikatoren der politischen Bildung zu bekämpfen, ist zu fragen, ob wir diesen Erwartungen als ‚Erwachsenenbildner‘ gerecht werden (können).“

 

II. Die Zuspitzung

Zurück in Bonn stand die Sitzung des DIG-Präsidiums an jenem von Kloke genannten 05. November 1976 auf der Tagesordnung, auf der ich in Anwesenheit von Botschafter Meroz die Ergebnisse der Reise vortrug. Dabei fiel die ominöse Bemerkung Meroz‘, dass er „diesmal“ mit seinem „Rassegenossen“ Dr. Hans Lamm (1913 – 1985, seit 1970 Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern) nicht übereinstimme. Die Debatte endete mit der Drohung Meroz‘, die Mitgliederversammlung am 13. Mai 1977 zu boykottieren, zumal da sich das Präsidium entschied, mich nochmals nach Jerusalem reisen zu lassen, um den Erziehungswissenschaftler Akiva Ernst Simon (1899 bis1988) zum Vortrag über „Erziehung und Politik“ zu gewinnen. Am 17. Mai ging Menachem Begin (1913 bis 1992) aus der Knesset-Wahl als Sieger hervor. Es begannen die Jahre der forcierten Siedlungspolitik in den 1967 besetzten Gebieten. Am 07. März 1978 erschien der „Brief der [israelischen] Offiziere“ mit 348 Unterschriften von Reserveoffizieren im Oktoberkrieg 1973, indem die Unterzeichner ihren Unmut darüber zum Ausdruck brachten, dass sie gegen die Palästinenser kämpfen sollen, während die israelische Politik jedem Fortschritt aus dem Wege zu gehen sucht. Der Brief leitete die Gründung der Bewegung „Frieden Jetzt“ ein. 

Als Meroz von der Einladung Simons in Kenntnis gesetzt wurde, verlangte er ihren Widerruf und stellte die DIG vor die Alternative, entweder mich zu entlassen oder künftig auf seine Beziehungen zum Verein zu verzichten. Hinzu kam das Doppelspiel eines Präsidiumsmitglieds, das einen vertraulichen Brief des deutschen Botschafters in Tel Aviv Dr. Per Fischer (1923 – 1999) für DIG-Präsident Heinz Westphal (1924 – 1998, damaliger Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit) an die Presse durchstach und damit eine beträchtliche Verstimmung zwischen beiden Außenämtern auslöste.

Kloke behauptet, dass Westphal und ich auf der DIG-Hauptversammlung am 13. Mai 1977 „per Abstimmung ihrer Ämter enthoben“ wurden. Richtig ist, dass DIG-Vizepräsident Erik Blumenfeld (1915 – 1997) allen DIG-Mitgliedern „Koalitionsfreiheit“ anriet. Für mich persönlich lief die Kontroverse auf einen Auflösungsvertrag „im gegenseitigen Einvernehmen“ zum 31. August 1977 hinaus, während Westphal auf der nächsten Mitgliederversammlung seinen Präsidiumssitz für Blumenfeld räumte. Im Sommer 1977 trafen sich die „Dissidenten“ mit dem bisherigen DIG-Vizepräsidenten Prof.Dr. Rolf Rendtorff (1925 – 2014) und Klaus Thüsing (SPD-MdB) sowie Kusche, Haase und mir in der Katholischen Akademie Schwerte, um die Gründung des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises für Frieden im Nahen Osten (DIAK) vorzubereiten.

Auf Kopfbogen schrieb mir zum Abschied der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Ernst Benda aus Karlsruhe:

„Ihre Bemühungen haben viele positive Ergebnisse gehabt, und bei allen Meinungsverschiedenheiten, die es gelegentlich gegeben hat, hat jedenfalls bei mir kein Zweifel über Ihre enge innere Verbundenheit mit den Zielen der Gesellschaft bestanden.“

Zu spät. Simon, der – eng mit Martin Buber und dem „Brit Shalom“-Kreis der 1920er und frühen 1930er Jahre verbunden – aus tiefer Überzeugung 1928 aus Berlin nach Palästina ausgewandert war, sorgte sich um meine berufliche Zukunft, nachdem bei meinen Bewerbungen in Bonn klar geworden war, dass es sich keine öffentliche Einrichtung mit der Israelischen Botschaft verderben wollte. Ich schrieb am 18. August 1978 Simon zurück:

„Ihre fürsorgliche Teilnahme an meinem politischen ‚Schicksal‘ macht mich verlegen, denn ich bin mir doch sehr bewusst, dass Persönlichkeiten wie Sie, die einst Ihre Lebensentscheidung für Israel getroffen haben, heute ganz andere Stürme bestehen müssen, wenn es darum geht, sich gegen die Neuinterpretation der Ahavat Israel [der Liebe zu Israel] durch die aktuelle Politik zu stemmen. Ihr Bemühen ist es also, dass Leute wie ich – zumal wenn sie Nichtjuden sind – [den Kampf] aufnehmen, um auf ihre Weise dazu beizutragen, dass das Bild Israels in ihrer Öffentlichkeit von jenen Verzerrungen befreit wird, für die die Politik die Verantwortung trägt. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass dies nicht immer leicht ist, weder im Verhältnis zu meinen lieben deutschen Mitbürgern – denen angesichts der israelischen Politik nur allzu schnell der alte Risches – [Antisemitismus] hochkommt –, noch angesichts der Kampagnen von bestimmter offizieller israelischer Seite.“

Ein in Israel stationierter deutscher Korrespondent ließ mich nach Gesprächen mit Bonner Abgeordneten wissen, dass zumindest der Eindruck vermieden werden solle, „Israel und insbesondere Herrn Meroz Ihren Kopf auf dem Silbertablett anzubieten“. Die „Opferung Bernsteins“, hieß es in einer zweiten Mitteilung, könnte die „latente israelische Arroganz und das Bestreben, der DIG ihr Verhalten diktieren zu wollen, nur noch ins Unermessliche steigern“. Ein politisch engagierter Mensch wie ich solle sich lohnenderen Aufgaben als Israel zuwenden, fügte der Korrespondent hinzu…

[1]  So heißt es etwa im Vorspann des Beitrags, dass die DIG am 21. März 1966 „formell aus der Taufe gehoben“ wurde. Ich entsinne mich, dass ich als damaliger Leiter der Ev. Landesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung NRW mit Sitz in Düsseldorf Mitte der 1980er Jahre ins Landeskirchenamt gerufen wurde, weil ich in meiner Abhandlung „Geschichte des jüdischen Volkes“ für die Bundeszentrale für politische Bildung (4., überarbeitete Auflage, Bonn 1985) Angaben zur zeitlichen Einordnung von Bibel und Talmud mit „v.d.Z.“ / bzw. „n.d.Z." und v. Chr.“ bzw. n. Chr." ausgewiesen hatte.