Gideon Levy: Der Prophet Yehezkel

von Gideon Levy[1]

Am Abend des 08. März 2016, als im Tel Aviver Stadtteil Jaffa ein Terrorakt zwei Menschen – darunter einen US-amerikanischen Staatsbürger – tötete, während US-Vizepräsident Joe Biden ganz in der Nähe zu Abend aß, fand im linksliberalen „Tsavta-Klub“ an der Ecke Ibn Gvirol/Shaul ha-Melech ein Konzert mit dem Sänger Ziv Yehezkel und sechs Musikern statt, das von Menschen aus allen politischen, sozialen und ethnischen Lagern besucht wurde: Orthodoxe und Säkulare, Siedler aus der Westbank und von den Golanhöhen, Beduinen, Muslime, Christen und Drusen.

Gideon Levy berichtet darüber, dass an diesem Abend ein Wunder geschah, während in Jaffa Blut floss. Nur Yehezkel habe diese Menschen zusammenbringen können, zu denen auch Angehörige von Tair Kaminer gehörten, die wegen Wehrdienstverweigerung inhaftiert ist.

Yehezkel, Sohn einer aus dem Irak eingewanderten Familie, dessen Vater Rabbiner war, sagte kein einziges Wort zur Politik, erzählt Levy weiter, doch sei es der politischste Abend gewesen, der hier stattgefunden habe, so auch mit dem Lied der berühmten ägyptischen Sängerin Um Kultum „Ich verbarg meine Tränen und meinen Schmerz vor der Welt“.

In Tel Aviv auf Arabisch in der Nacht zu singen, die durch einen Terrorakt gekennzeichnet gewesen sei, ohne Lippendienste, ohne Entschuldigungen, ohne „Ausgewogenheit“, habe auf das Publikum enthusiastisch gewirkt, so dass die Veranstaltung zu einer Nacht des Trostes und der Hoffnung geworden sei. Könne es mehr Ermutigendes geben?  

Yehezkel, fährt Levy fort, sei kein Linker, doch sei er als ein Mann des Friedens mehr als die meisten Linken. In einem Rundfunkinterview mit dem Sender „Ramallah '48“ habe er die Öffentlichkeit aufgefordert, nicht länger auf die Politiker zu hören, wofür er dort gelobt worden sei. Eines seiner Konzerte könne giftige Eindrücke vieler tausend Reden der Hetze und des Hasses auslöschen.

Am Ende des Konzerts, schließt Levy seinen Bericht ab, habe er gewusst, dass der Traum einer gemeinsamen Nation möglich sei. „Dann ging ich auf die Straße zurück, und die Ambulanz-Wagen jammerten weiter.“  

[1]  Gideon Levy: Der Prophet Yehezkel, in „Haaretz” 10.03.2016 (Hebr.). Die englische Fassung erschien am selben Tag mit dem Titel „The dream of a single nation in Israel is possible“. Übertragung von Reiner Bernstein.