Kristin Helberg: Brennpunkt Syrien: Einblick in ein verschlossenes Land. Freiburg et. al. 2012

Bis die syrischen Behörden sie wegen eines behaupteten Übersetzungsfehlers in einem Beitrag über Staatschef Bashar Assad des Landes verwiesen, arbeitete Kristin Helberg von Damaskus aus sieben Jahre bis 2008 für die ARD-Hörfunkprogramme, für den Österreichischen und den Schweizer Rundfunk sowie für verschiedene deutschsprachige Printmedien. Ihren Bericht über den Alltag aus Hoffnungen und Ängsten hat die studierte Politologin den Kindern Syriens gewidmet. Denn sie waren es, die im März 2011 in Dera‘a an der Grenze zu Jordanien den – wie sie schreibt – „revolutionären Funken“ im Land der 21 Millionen Staatsbürger gegen das Regime zündeten und, da sie die Freiheit suchten, dafür einen schrecklich hohen Preis zahlten.

Nicht die blutverschmierten Leichen, die wehklagenden Mütter, die engelsgleichen Gesichter oder die vielen, in weiße Tücher gewickelten kleinen Körper haben Helberg am meisten zugesetzt. Vielmehr seien es die unerträglichen Bilder, die stille Trauer, die unbeabsichtigten Gesten und die unausgesprochene Verzweiflung gewesen, die auch in Deutschland tiefe Erschütterung hinterlassen. Heute kämpft die Region ums Überleben. Nur auf den Golanhöhen, die im Zuge der Pendeldiplomatie Henry Kissingers 1974 und 1975 geteilt wurden, hat die Ruhe mehr oder minder vorgehalten. An einen Friedenvertrag zwischen Syrien und Israel ist freilich nicht zu denken.

Wer wie der Rezensent kurz vor Ausbruch des Aufstands in Damaskus war und die Atmosphäre der Allgegenwart der Sicherheits- und Geheimdienste gespürt hat, konnte nicht überrascht sein, dass die Gegenwehr den hohen Blutzoll kosten werde. Das offene Gespräch, berichtet Helberg aus ihrer Erfahrung bis 2008, mit Kollegen oder dem sprichwörtlichen Mann auf der Straße sei wegen der Bespitzelung immer gewagter geworden. Langjährige Gefängnisstrafen für politische Gegner waren an der Tagesordnung.

Der Religionsfrieden zwischen Sunniten (75 Prozent), Alawiten (10 Prozent), Christen (12 Prozent) und Drusen (2 Prozent) stehe ständig auf der Kippe; das einstige Vertrauen ist dahin. Wurde die Zahl der Juden 1943 allein in Damaskus auf 43.000 Seelen geschätzt, sollen es heute nur noch knapp 200 sein. Der arabische Nationalismus als nationaler Kitt im einst säkularen Staat hat der Identifikation mit dem Islam Platz gemacht und ist von den Anhängern des terroristischen Islamismus untergraben worden.

Das Trauma der Massaker an den Moslembrüdern Anfang 1982 in Hama mit wenigstens 20.000 Opfern erlebt immer neue Scheitelpunkte. Die übliche Einteilung von Gewinnern und Verlierern im sozialen, wirtschaftlichen und religiösen Wettbewerb gehört längst der Vergangenheit an. Seither sieht er Syrien inmitten der Anarchie und von Spiralen der Gewalt ausgehöhlt. Wie im Libanon bündeln sich in Syrien die Interessen verschiedener Mächte, von der Türkei über Russland, den Iran und Saudi-Arabien bis zum Irak, während es für Israel vor allem um die eigene Sicherheit gehe: Assad Vater und Sohn waren für die israelische Politik wichtige Garanten einer geostrategischen Stabilität, die ausschließlich in militärischen Kategorien denkt.