Joel Beinin: The Dispersion of Egyptian Jewry. Culture, Politics, and the Formation of a Modern Diaspora. Cairo New York 2005

Der Autor will mit Legenden aufräumen: Die Geschichte der Juden in Ägypten sei keine durchgängige Geschichte des Mitleids für regelrecht diskriminierte und unterdrückte Menschen in einem islamischen Land. Vielmehr berge sie Höhen und Tiefen n sich: Die Juden seien nicht immer gut behandelt worden, doch systematische Entrechtungen und Vertreibungen hätten sie nicht durchlitten.

Ihr individuelles und kollektives Schicksal bewegte sich unter der Ägide von Kolonialismus, Dekolonialisierung und nationalem Erwachen. Der Epoche der britischen Besetzung des Landes und dem Ende der Vorherrschaft Londons zwischen 1882 und 1956 folgten Enteignungen britischer und französischer Staatsbürger im Zuge der Nationalisierung des Suezkanals sowie zwischen 1961 und 1962 in gleichem Ausmaß die Konfiszierung unter der Geschäftselite aus Moslems, Kopten und Juden.

Bei den letzteren ragten die Namen der Familien Qattawi (Cattaui), Mosseri, Suarès, Cicurel, Adès, Aghion, Goar, Nahman, Pinto, Rolo, Tilche, Chemla und Gattegno hervor. In der Handelskammer nahmen sie wichtige Funktionen ein, auf einigen Wirtschaftsfeldern wie im Tourismus, in der Zucker- und Baumwollverarbeitung verfügten sie zeitweilig über eine Monopolstellung, im Ingenieurswesen zeigten sie sich besonders erfolgreich, und in den Banken besetzten sie wichtige Leitungsposten; dazu gehörte auch die Überführung von ausländischen Kapitalien in ägyptische Hände. Im 19. Jahrhundert stand unter den bürgerlichen Juden die französische Sprache als „lingua franca“ im Vordergrund.

Der Veröffentlichung ist anzumerken, wie sehr der Autor, US-amerikanischer Staatsbürger jüdischer Herkunft, mit seinem Lebensthema vertraut ist und gleichwohl wissenschaftliche Distanz wahrt. „Ich kann nicht behaupten“, schreibt Beinin einleitend,

„dass ich eine desinteressierte Partei in den strittigen Fragen bin, die in diesem Buch angesprochen werden. Meine persönlichen, politischen und intellektuellen Bindungen haben eine spezifische Beziehung zu den Personen dieses Buches geschaffen, von denen ich viele als Freunde und Kollegen betrachte.“  

Im Sommer 1969 kam Beinin erstmals zum Intensivstudium des Arabischen an die „American University“ in Kairo. Seine Erfahrungen danach im Kibbutz Lahav nahe Beersheva, zur linkszionistischen Bewegung „Hashomer Hatzaïr („Der junge Wächter“) gehörig, endeten mit der Absage an den politischen Zionismus.

 

„Ägypten über alles!“

Beinin verweist auf die jüdischen Bindungen seit der Antike an das Land am Nil, die für die Gruppe des „Jungen Ägypten“ aus einer nostalgischen Sichtweise auf die Pharaonenzeit und für die „Gesellschaft der Moslembrüder“ in den späten 1930er Jahren ein Ärgernis bildeten. Beide Bewegungen bekämpften ungestüm den nationalistischen Säkularismus der „Wafd-(Delegation)“-Partei, die beim Aufstand von 1919 mit dem Slogan „Ägypten über alles: Religion ist für Gott da und die Heimat für alle“ auftrat, in die Hände sowie gegen die Nähe mancher ihrer Anhänger zum Marxismus.

Beide, Nationalismus und Marxismus – letztere als Revolutionsideologie für die Masse der ägyptischen Bevölkerung und vermittelt durch ihre französischen Schullehrer –, zogen im Zweiten Weltkrieg viele Juden an, während ihre Gegner für faschistische Verbände anfällig waren und der deutsch-italienischen Achse Sympathien entgegenbrachten.

 

Demographische Daten

Von den 75.000 bis 80.000 Juden im Jahre 1948 besaßen nur zwischen 5.000 und 10.000 die ägyptische Staatsbürgerschaft, während 30.000 Untertanen eines anderen Landes (den Ländern Europas, den Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches, Jemen und Marokko) und 40.000 staatenlos waren. Vor allem bis zur Konvention von Montreux 1937 fiel es schwer, die ägyptische Staatsbürgerschaft zu erwerben: Besonders arme Juden und solche aus der Mittelschicht konnten kaum nachweisen, dass ihre Familien kontinuierlich seit 1848 in Ägypten gewohnt hatten.

Das Leben konzentrierte sich vornehmlich im Jüdischen Viertel Kairos, im Hafenbezirk Alexandrias und in mehreren Provinzstädten. Hinzu kam ein starkes Kollektiv von Karäern – einer im achten Jahrhundert n.d.Z. in Mesopotamien vom rabbinischen Judentum abgefallenen Gemeinschaft – mit eigenem Oberrabbinat. In einem besonderen Viertel Kairos lebend, gingen viele den Handwerken als Goldschmiede und Juweliere nach. Während der deutschen Besetzung Europas nahm Ägypten weitere Karäer auf – Flüchtlinge aus Polen, Litauen und von der Krim. Trotz mancher Spannungen gab es unter den der rabbinischen Tradition Verpflichteten keinen Zweifel daran, dass die Karäer Juden sind.

Doch der Traditionalismus nagte am modernen Selbstverständnis. Interessanterweise war es die 1937 gegründete „Young Karaite Jewish Association“, die Reformprogramme auflegte sowie das Studium der hebräischen Sprache, einen Pfadfinderverein, ein Jugendorchester, eine Theatergruppe, sportliche Aktivitäten und Ausflüge zu den Pyramiden anbot. Zu ihren Zeitungen in arabischer Sprache gehörten „Das Noble Jerusalem“ („Al-Quds al-Sharif“) und „Palästina“ („Filastin“). Zu erwähnen ist jedoch auch, dass die allmähliche Islamisierung der Gesellschaft und manche gesetzgeberischen Akte die Konversion zum Islam gerade unter bürgerlichen Juden förderten.

 

Juden oder Zionisten?

Die Moslembruderschaft wollte schon früh nicht zwischen Juden und Zionisten unterscheiden. Die Gewalttätigkeiten um die Erweiterung des Zugangsweges zur „Klagemauer“ in der Jerusalemer Altstadt im August 1929 hatten erstmals dem Zusammenleben religiöse Untertöne verliehen. Die Moslembruderschaft rief zu einem Boykott jüdischer Geschäfte auf, und während des Großen Arabischen Aufstandes seit Mitte der 1930er Jahre in Palästina wurden Stimmen laut, die gegen eine vermeintliche ökonomische Dominanz der Juden in Ägypten polemisierten. Anfang 1945 kam es zu ersten militanten antijüdischen Ausschreitungen, in Kairo unter Führung von Hassan Al-Banna. Passanten, Geschäfte und Synagogen wurden auch in Alexandria angegriffen, wobei die meisten Toten Nichtjuden waren. Mitte Februar 1949 „arrangierte“ die Regierung den Tod Al-Bannas.

 

Säkularismus im Niedergang

Als ägyptische Militäreinheiten am 15. Mai 1948 in den gerade ausgerufenen Staat Israel einrückten, befanden sich unter den von den Behörden verhafteten 1.300 Oppositionellen des Landes einige hundert zionistische Aktivisten, auch 300 jüdische Kommunisten mit ihrem charismatischen Führer Henri Curiel (1914 – 1978) an der Spitze; die Familie stammte ursprünglich aus Italien und hatte 1935 die ägyptische Staatsbürgerschaft erworben. Sie wurden in Lagern interniert. Zwischen 1949 und 1950 verließen etwa 20.000 Juden das Land, von denen mehr als 14.000 den Weg nach Israel nahmen. Gegen den Ratschlag ihres Oberrabbiners Tuvia Levi Babovitch schlossen sich einige hundert Karäer dem Treck an, während andere nach Europa sowie nach Nord- und Südamerika gingen. An der Westküste der USA entstanden lebendige Karäer-Gemeinden.

Jüdisch-zionistische Zeitungen wurden verboten, dem politischen Zionismus die Legitimität abgesprochen. Der liberale Säkularismus erlitt eine schwere Niederlage, von der er sich nicht mehr erholte. Die Juden Ägyptens, so Beinin, wurden zu Geiseln im arabisch-israelischen Konflikt; beide, Israelis und Ägypter, seien mit ihren unvereinbaren Standpunkten und Interessen dafür verantwortlich gewesen.

 

Sturz König Faruks & die „Lavon-Affäre“

Nachdem die Freien Offiziere im Juli 1952 König Faruk gestürzt hatten, war ihnen an einem guten Verhältnis zu den Juden als „Schutzbefohlenen“ („ahl al-dhimma“) gelegen. Ihr Anführer General Ali Muhammad Naguib betonte die freundlichen Beziehungen zu beiden Gemeinschaften, den rabbinischen Juden und den Karäern. Doch aufgrund der Betonung des traditionellen Paternalismus gegenüber den Angehörigen der Buchreligionen („ahl al-kitab“) war auch klar, dass Juden weder im Polizeidienst noch in der Armee Aufnahme fanden, zumal da mehrere Mitglieder der Freien Offiziere entweder zur Moslembruderschaft oder zum „Jungen Ägypten“ gehörten. Als die Betonung des Panarabismus als wegweisender Ideologie einsetzte, war die Feindschaft zu Israel und tendenziell zu den ägyptischen Juden vorprogrammiert.

Dem spielte die israelische Spionage-„Operation Susannah“ in die Hände, die in Israel unter der Bezeichnung „Lavon-Affäre“ hohe Wellen schlug. Am 31. Januar 1955 wurden zwei ägyptische Juden hingerichtet, am 28. Februar rückte Oberst Ariel Sharon mit einer Fallschirmjägereinheit, der „Unit 101“, gegen eine ägyptische Polizeistation im Gazastreifen vor, wobei dreizehn israelische und 40 ägyptische Soldaten getötet wurden. Die Regierung in Kairo ergriff harte Maßnahmen gegen die Juden: Tausend wurden festgesetzt, 500 mit französischer und britischer Staatsbürgerschaft zur Ausreise gezwungen und 460 Geschäfte enteignet.

Am Vorabend des Suezkrieges im Oktober 1956 lebten schätzungsweise noch 50.000 Juden in Ägypten. Danach verließen nach Angaben des Jüdischen Weltkongresses bis zum 15. März 1957 nicht weniger als 14.102 das Land, die meisten von ihnen unter Zurücklassung ihres Eigentums. Ende April wurde es jedoch, soweit es nicht britischen und französischen Staatsbürgern gehörte, auf Anweisung der Regierung rückerstattet. Die KP beschloss, dass Juden von der Mitgliedschaft im Zentralkomitee ausgeschlossen seien. Vor dem Junikrieg 1967 gab es noch rund 7.000 Juden in Ägypten. Zwar belebte der Friedensvertrag mit Israel vom September 1978 das Interesse ägyptischer Intellektueller an der jüdischen Geschichte des Landes. Heute gibt es in Kairo und Alexandria nur wenige hundert Juden, überwiegend alte Menschen – eine sterbende Gemeinschaft.

Beinin beendet seine Darlegungen mit einem Interview mit Jacques Hassoun, geboren 1936, ausgebildet am „Lycée de l’Union Juive pour L’Enseignement“ in Alexandria und Mitglied der illegalen Kommunistischen Partei Ägyptens mit Sitz in Frankreich. Auf die Frage des Autors, warum er sich nach seiner Exilierung weiterhin als Ägypter politisch engagiere, antwortet Hassoun: „Ich bin jüdisch, weil ich Ägypter bin. Ich bin ägyptisch, weil ich jüdisch bin.“