Eyal Weizman: Sperrzonen. Israels Architektur der Besatzung. Hamburg 2008

2003 beteiligten sich Eyal Weizman und Rafi Segal an dem internationalen Ausstellungsprojekt „Territories“ in Berlin. Weizman steuerte im dazugehörigen Katalog einen Beitrag unter dem Titel „The Politics of Verticality: The West Bank as an Architectural Construction“ bei, während Segal sich zum „Battle for the Hilltops“ äußerte, bevor er den damaligen Direktor des „Peres Center for Peace“ in Tel Aviv Ron Pundak (gest. 2014) über die geographischen und territorialen Aspekte israelisch-palästinensischer Verhandlungen befragte.

2002 hatte der israelische Architektenverband, der das Projekt ursprünglich in Auftrag gab, die vorgesehene Beteiligung seiner beiden Mitglieder am internationalen „Berlin Architectural Congress“ verhindert und fünftausend Exemplare des Katalogs einstampfen lassen. Im November 2004 folgten Tel Aviv unter dem Titel „A Civilian Occupation“. Anfang 2005 lud der Architektenverband den damaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten Shimon Peres und den Erziehungsminister Shimon Shitreet zu seiner Jahrestagung ein, und am Ende zog der Verband seine Absage zurück und entschuldigte sich bei Weizman und Segal. Die nachträgliche Anerkennung hat die Erwartungen der beiden Autoren auf den Frieden zwischen beiden Völkern nicht beflügelt. 

 

Marsch durch die Institutionen

Nun hat Eyal Weizman die Ergebnisse seiner damaligen Erkenntnisse auf den neuesten Stand gebracht und sie unter das lakonische Motto gestellt:

„Wer über das Eigentum an Grund und Boden verfügt, für den kommen sie aus der Tiefe der Erde in die Höhen des Himmels.“

Der Katalog will nicht nur die Komplexität der Besatzung und die scharfsinnige Brutalität ihrer Mechanismen belegen, sondern durch sie auch hindurchschauen. Reich mit zum Teil farbigen Luftaufnahmen, Baufotos, Video-Stillleben, Computer-Animationen und illustrativen Graphiken ausgestattet, ist der heutige Direktor des „Center for Research Architecture“ an der Universität London systematisch darangegangen, die ausgeklügelten Konspirationsmethoden der Siedler zu untersuchen, und zwar besonders in der Zeit, als der Regierung in Jerusalem während der Interimsphase nach „Oslo“ bis 1999 offiziell die Hände in der Weise gebunden schienen, die Interventionen in den palästinensischen Gebieten offen fortzusetzen.

 

„Elastische Geographie“

Wo sich die Regierung Planungsvorhaben versage, trete das „strukturierte Chaos“ nicht-staatlicher Akteure an ihre Stelle. Dazu belegt die Publikation eindrücklich, wie die Siedler den Marsch durch die Institutionen von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft anlegen und ihn erfolgreich abschließen. Sie führen die Ohnmacht der Judikative – weil dieser die Nachprüfung von ins Feld geführten sicherheitsrelevanten Argumenten nicht zusteht – und der Exekutive vor, falls jene sich anschicken sollte, die Westbank – um von Ost-Jerusalem zu schweigen – für einen Staat Palästina zu räumen. Zur Veranschaulichung der „elastischen Geographie“ bedient sich Weizman einer Geschichte:

Siedler führten Klage beim israelischen Militär über die schlechte Empfangsqualität ihrer Mobiltelefone auf der Straße in den Norden der Westbank. Daraufhin platzierte die Telefongesellschaft „Orange“ eine Antenne auf einem Hügel. Zwei junge Männer stellten einen Wohncontainer auf, so dass die Antenne als Teil ihrer Sicherheit „verkauft“ werden konnte und um zu verhindern, dass bei den palästinensischen Bauern die Enteignungserlaubnis eingeholt werden musste, zumal da die Anlage auch dem Militär zugute kam. Die Behörden für Elektrizität und Wasser schlossen die neuen Bewohner an ihre Versorgungsnetze an, und allmählich entstand um die Antenne herum jene Siedlung, die unter dem Namen Migron bekannt geworden ist.

Auch an den Besuch einer Siedler-Delegation Ende 1973 bei Golda Meir erinnert Weizman, um die Niederlassung Elon Moreh („Pistazie von Moreh“, Gen. 12,6-7) bei Nablus durchzusetzen. Als die Ministerpräsidentin freundlich, aber bestimmt ablehnte, unternahmen die Siedler acht Versuche auf eigene Faust, wehrten sich gegen das Argument, dass Elon Moreh militärischen Sicherheitsbedürfnissen Rechnung trage, und beriefen sich auf ideologische und religiöse Gründe. 1979 ließ das Oberste Gericht ihre Ansiedlung im Nachbargelände zu.

 

Lektionen für die westliche Diplomatie

Weizmans Publikation wirkt überzeugend, weil er die Kontexte der israelischen Politik und der ihr zur Hand gehenden beziehungsweise sie dirigierenden Personen aus Militär, Bürokratie, Wirtschaft und politische Vorfeldorganisationen in seine professionellen Erfahrungen einbettet. Dass er sich dabei hin und wieder in textlichen Längen verliert, ist der Preis, der durch seine Tiefenmessungen mehr als ausgeglichen wird.

Würden die politisch Verantwortlichen im Westen, so die Lektion für die internationale Diplomatie, eine Arbeit wie die Weizmans zur Kenntnis nehmen, müssten sie ihre Illusionen über Bord werfen, dass die Transformation der palästinensischen Gebiete zugunsten eines Friedensvertrages umkehrbar ist. Aus diesem Eingeständnis würde sich dann die Nutzung von Fachkompetenzen zwecks neuer politischer Wertschöpfung anbieten.