Dennis Ross: Missing Peace. The Inside Story of the Middle East Process. New York 2004

Dennis Ross hat seit Beginn der Präsidentschaft von George H. W. Bush Ende der 1980er Jahre eine herausragende Rolle bei der Formulierung der Washingtoner Nahostpolitik gespielt. Es war deshalb kein Zufall, dass ihn Bill Clinton erneut zu seinem Nahost-Beauftragten berief, obwohl Ross’ politische Anhänglichkeit an die Republikaner kein Geheimnis war. In seinem voluminösen Buch zieht der Autor denn auch sämtliche Register seiner diplomatischen Erfahrungen und Kenntnisse über die Bemühungen der US-amerikanischen Außenpolitik, als Makler, Vermittler und Antreiber im israelisch-palästinensischen Konflikt zu agieren. Dabei demoliert er manche Mythen, die sich notorisch-verschwörerisch um die angeblich unbeirrte Parteinahme Washingtons für Israel ranken.

Denn das State Department und die Präsidenten Bush und Bill Clinton wussten sehr wohl, dass es zunächst um die Wahrung eigener Interessen in der Region geht, bevor sie sich auf die Seite Israels schlugen. Besonders deutlich wird dies in den Jahren zwischen 1996 und 1999, als Benjamin Netanyahu die israelische Regierung führte, aber auch Ehud Baraks Wunsch vor Camp David (Juli 2000), mit den USA ein Verteidigungsbündnis à la Nato zu schließen, stieß auf taube Ohren. Andererseits wollte Clinton in den letzten Monaten seiner Amtszeit ein „Camp Clinton“ vermeiden, auch wenn er sich Hoffnungen gemacht haben soll, mit einem israelisch-palästinensischen Friedensvertrag den Friedensnobelpreis zu gewinnen.

Wenn Ross sein Buch unter den Titel „The Missing Peace“ stellt, dann meint er Yasser Arafat als den Hauptverantwortlichen für den Fehlschlag von Camp David ausmachen zu können. Arafat sei es gewesen, der sich zu keiner Entscheidung habe durchringen können, wenn er nicht dazu gezwungen wurde – und niemand konnte ihn zwingen. Hinzu kam, dass der palästinensischen Delegation eine gemeinsame politische Strategie fehlte und dies von Arafat weidlich ausgenutzt wurde. Barak hingegen war zwar als erster Premier Israels bereit, den Palästinensern auf der Westbank und im Gazastreifen einen Staat zuzugestehen, scheiterte aber, so Ross, an der mangelnden Sensibilität für das Interesse der Palästinenser an nationaler Symmetrie und nicht zuletzt an Arafats Überheblichkeit und Arroganz, die selbst seine engsten Mitarbeiter von der Fahne gehen ließ. So flüchtete sich Barak Anfang Januar 2001 in eine Angebotshektik, die ihm den letzten Rest an Glaubwürdigkeit unter den israelischen Wählern kostete – und Ariel Sharon bei den Wahlen im Februar mit überwältigender Mehrheit ins Amt des Ministerpräsidenten führte.

Zum Fazit des Buches gehört die Feststellung, dass die amerikanische Politik nur über begrenzte Möglichkeiten der Einwirkung auf die Konfliktparteien verfügt, wenn sie vor einem Diktat zurückscheut. Wer sich zur Komplexität der Verhandlungsmaterien, zu den politischen Winkelzügen aller Seiten und zur Atmosphäre in Camp David informieren will, die alles andere als vertrauensbildend war, kommt um die Bilanz von Ross nicht herum.