Aaron David Miller: The Much Too Promised Land. America's Elusive Search for Arab-Israeli Peace. New York 2008

Der aus gutsituiertem jüdischem Haus stammende Aaron David Miller hat zu jener Gruppe von Nahostexperten gehört, die Bill Clinton während der Gipfelkonferenz in Camp David (Juli 2000) zur Hand gingen. Der später am „Woodrow Wilson International Center“ der „George Washington University“ arbeitende Politologe diente Nationalen Sicherheitsberatern sowie republikanischen und demokratischen Außenministern, zuletzt Madeleine K. Albright. Diese Erfahrungen aus fast 20 Dienstjahren schlagen sich bei Miller nieder, der der US-Politik im Nahen Osten kritisch die Frage vorhält, ob Washington überhaupt einen – und gegebenenfalls welchen – entscheidenden Beitrag zum Frieden in dieser Region leisten können.

Miller sind die Gründe und Abgründe der heimischen Nahostpolitik allzu gut vertraut. Er wirkt unabhängiger als Dennis Ross, weil er seine persönlichen Erlebnisse durch Interviews und Gespräche mit hochrangigen Politikern, Diplomaten und Kongress-Abgeordneten ergänzen konnte. Zum anderen lässt er die Außenpolitik bis in die Zeit Henry Kissingers aus zum Teil unmittelbarer Nähe Revue passieren. Dabei bekennt er sich zu seinen politischen Standpunkten, auch wenn sie sich als Fehlurteile erweisen sollten, ebenso wie zu seinen Jugendsünden von – wie er einräumt – Hamletschem Format. Gemäß der Devise des britischen Historikers Edward Gibbon (1737 – 1794), der den Ausdruck „Ich“ als das vergänglichste und peinlichste Hauptwort des Geschichtsschreibers verurteilte, stellt Miller nicht sein eigenes Handeln in den Mittelpunkt, sondern berichtet über die Akteure, in deren Diensten er stand und in deren Auftrag er handelte.

 

Surrealismus an Arafats Krankenbett

Miller, der im Januar 2003 das „State Department“ im tiefen Zwiespalt verließ, dürfte der letzte ausländische Diplomat gewesen sein, der im Oktober 2004 ans Krankenlager Yasser Arafats in Ramallah gerufen wurde, zwei Wochen vor dessen Tod. Die Situation hatte etwas Surrealistisches an sich: Während das israelische Militär Arafats Hauptquartier, die „Muqata“, belagerte, betrat Arafat mit Badesandalen eines Tel Aviver 5-Sterne-Hotels den Raum und beschwor in einem dramatischen Monolog die Administration im fernen Washington, ihren „historischen Verantwortlichkeiten“ für die „Rettung des Friedensprozesses“ nachzukommen.

Eine Diskussion war in „der elften Stunde“ – so Miller – nicht vorgesehen, abgesehen davon, dass in Amerika nicht der Ausweg aus dem Konflikt liege, wie dem „Raís“ hätte klar sein müssen, schreibt der Autor. Denn deren Naivität lag offen zu Tage: Was Gott, die Briten und die Vereinten Nationen nicht erreicht hatten, ist von Washingtons Diplomatie nicht nachzuholen. Als die Audienz in Ramallah beendet war, wurde Miller von Arafat mit einer Umarmung verabschiedet. Zu Hause in Maryland wartete auf ihn ein Couvert mit Streichhölzern und der Aufforderung politischer Feinde „Zünde dich selbst an“.

Weder die einseitige Parteinahme noch die römische Neuauflage des „Divide et impera“ helfen weiter, so schließt Miller sein Vorwort ab. Bis sich diese Einsicht durchsetzt, sieht sich die US-Regierung für den Autor zwei übermächtigen Hindernissen gegenüber: jenen der arabischen und der israelischen Politik sowie jenen daheim.

 

Angst vor dem Freund

Doch selbst bescheidenen Aufgabenbeschreibungen blieb der Durchbruch versagt. Die Begründung hat Miller an anderer Stelle geliefert:

„In Sachen Siedlungspolitik waren wir keineswegs hart genug zu den Israelis. Ich glaube nicht, dass wir in den Jahren, in denen ich in der Regierung war – fast 25 – wir jemals eine ernsthafte Unterredung auf strategischem Level hatten mit genügend anwesenden Repräsentanten des israelischen Ministeriums. … In ähnlicher Weise waren wir auf der Seite der Palästinenser zu nachlässig, was deren Beschwichtigung zu Terror, Gewalt und Hetze angeht.“

Worin kann sich die „American leadership“ materialisieren? Was bleibt übrig, wenn die vom Autor behauptete Primärverantwortung von Arabern und Israelis nicht wahrgenommen wird? Hier bleibt Miller vage und unentschlossen – ein Beleg für die elementare Unsicherheit in der gesamten US-Administration. Millers Eingeständnis, dass die Welt der Araber und der Israelis nicht die seine sei, kollidiert mit dem weltpolitischen Anspruch auf Geltung. Miller zitiert Außenminister Warren Christopher aus Clintons erster Amtszeit:

„Ich kann mich an keine typische Angelegenheit erinnern, bei der wir eine Entscheidung trafen oder nicht aus Furcht vor der sogenannten jüdischen Gemeinschaft.“ 

Zum Vergleich beruft sich Miller auf einen Vertreter der arabisch-amerikanischen Gemeinde mit den Worten, dass ihre Lobby nur einen kleinen oder gar keinen Einfluss auf die US-Außenpolitik belegen könne.

In Camp David erlag Clinton der Faszination Ehud Baraks. Ohne eigenes Konzept und ohne den Willen zur starken Hand lieferte er sich nach den Worten Millers der Gnade seines hyperaktiven Gegenüber und eines herausfordernd passiven Arafat aus. Empathie allein reicht da nicht aus. Statt die Konferenz zu lenken, überließen die Amerikaner die Kontrahenten sich selbst. Selbst der Clinton am nächsten stehende Dennis Ross wünschte nachträglich, dass sein Präsident „intuitive Härte“ an den Tag gelegt hätte.

 

Ohne Europa

Dass Miller die Europäische Union auf den 385 Textseiten mit keinem Wort erwähnt, bedarf keiner näheren Erläuterung. Die „Road Map“ kommt gerade einmal am Rande vor, wenn Colin Powell mit den Worten zitiert wird, dass sie niemand außer ihm erwähnt habe. Folgerichtig sucht man in Millers Register den Namen eines europäischen Politikers vergebens.