Bernie Sanders for President! (Mit Nachträgen)

von Reiner Bernstein

Fliegt der kleine Moshe von Tel Aviv mit seinem Vater nach London. „Abba“, fragt der Junge, „wer sind diese Leute?“ „Das sind Christen“, antwortet der Vater. Sie reisen weiter nach Paris und Berlin, und wieder kommt die Antwort, worauf Moshe erschrocken ruft: „Die armen Christen! Überall müssen sie zerstreut leben!“

Bei den Vorwahlen der Demokratischen Partei in Iowa hat Senator Bernard („Bernie“) Sanders (Vermont) am 01. Februar 2016 mit Hillary Clinton gleichgezogen. Deren Bewerbungsreden wurden als technokratisch anmutende Zusagen gewertet, und nur das in diesem Bundesstaat übliche Dreierlos bei Stimmengleichheit entschied für die einstige „First Lady“ und Außenministerin.

Dagegen begeisterte der 74 Jahre alte Kandidat vor allem junge Amerikaner, die er gegen das „Washingtoner Kartell“ der Lobbyisten, Stichwort-Lieferanten und Egozentriker sowie das „große Geld“ zu Lasten des Mittelstandes und der „kleinen Leute“ verteidigen will. Gleichzeitig bietet er einen ethischen Gegenentwurf zu Evangelikalen und Bibeltreuen an.

Ob ihn sein erster Wahlerfolg ins Weiße Haus führen wird, ist wenig wahrscheinlich. Weiteren Aufschluss über seine endgültigen Chancen (Vizepräsident?) wird zunächst der „Super Tuesday“ am 01. März mit 11 Vorwahlen liefern. Das Ergebnis für den Zweitplatzierten markiert dennoch eine Zäsur:

– Unter jungen Juden ist die Suche nach „unbeschriebenen Blättern“ eindeutig.

– Die inzwischen einheimisch gewordenen Einwanderer, ihre Kinder und Enkel verschaffen sich endgültig politischen Respekt. Sanders‘ Vater Eli kam 1921 aus Südpolen in die USA, die Vorfahren der Mutter aus Polen und Russland. Viele Verwandte wurden im „Holocaust“ ermordet. Dass er mit einer Katholikin verheiratet ist, gehört in den Trend zu „Mischehen“ .

Die Juden sind in Amerika „angekommen“. Die einstigen Ängste der Einwanderer, die im Zweiten Weltkrieg durch die Absage Franklin D. Roosevelts an eine Militäroperation gegen das deutsche Vernichtungslager Auschwitz einen nochmaligen Schub erhielten, sind trotz fortdauernder psychischer Belastungen dem Selbstbewusstsein gewichen.

 

Warnungen aus Israel

Vor wenigen Tagen warnte eine israelische Tageszeitung davor, dass ein jüdischer US-Präsident dem Antisemitismus Auftrieb geben könnte. Entscheidend ist jedoch, dass sich die Zeiten gründlich geändert haben: Condoleezza Rice und Colin Powell eroberten das „State Department“. Barack Obama gelang 2009 der Sprung ins Weiße Haus, und bei den jetzigen Vorwahlen bewerben sich zwei Senatoren kubanischer Herkunft um das höchste Amt. Die Ankündigung von Ted Cruz (Florida), nach seinem Sieg bei den Zentralwahlen am 04. November die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, verfängt nicht. „Bernie“ Sanders, außenpolitisch profillos, soll der Zwei-Staaten-Lösung nahestehen. Doch die Wahlen werden mit der Innenpolitik gewonnen.

 

Weltvolk oder verfasste Ethnokratie?
 

In Meinungsumfragen überwiegt unter vielen jungen Juden ein universalistisches gegenüber einem nationalpartikularen Weltbild. Programme wie „Birthright“, ihnen Israel als Endziel angeborener Zugehörigkeit zu vermitteln, verflüssigen sich. Stattdessen ist der alte interne Streit wieder aufgebrochen, ob mit dem politischen Zionismus die interterritoriale Komponente des lebendigen Judentums historisch zwingend durch die nationalstaatliche Souveränität überwunden sein soll.

Von diesen Debatten sind wir in Deutschland aus nachvollziehbaren Gründen weit entfernt. Der Rekurs auf das „christlich-jüdische Abendland“ ist so lange wohlfeil, solange dem Antisemitismus, dessen Ausmaß von Salomon Korn jüngst auf bis zu 25 Prozent bemessen wurde, nicht beigekommen ist. Bis dahin wird Israel zumindest virtuell jüdisches Zentrum bleiben. Es liegt mithin an der nichtjüdischen Bevölkerungsmehrheit, für „Normalität“ zu sorgen.

 

Nachträge: 

1) Am 05. Februar 2016 warnt Asher Schechter in „Haaretz", dass Hillary Clinton, gerade weil sie eine unverbrüchliche Freundin Israels sein wolle, auf der 2-Staaten-Lösung bestehe. Sie sei eine zu gute Freundin, was sie überhaupt nicht zu einer Freundin mache.

2) Bei den Vorwahlen im Bundesstaat New Hampshire am 09. Februar erreicht Sanders 60 Prozent, Clinton 38 Prozent der abgegeben gültigen Stimmen. Mit Sanders gewinnt erstmal ein Jude eine Vorwahl. Noch in diesem Monaten stehen Abstimmungen in Nevada und South Carolina an. Nach der Niederlagem Clintons weist einer ihrer Berater an die Adresse der jüdischen Wähler noch einmal auf ihre tiefe Verbundenheit mit Israel. Dagegen hage sich Sanders als „eine Art Freund Israels" gezeigt.  

3) Nach dem Urteil der in New York erscheinenden „Financial Times" ist der Wahlerfolg von Sanders darauf zurückzuführen, dass das politische Spitzenpersonal in Washington „korrupt, selbstzufrieden und inkompetent" ist. In anderen Medien wird darauf hingewiesen, dass das sozialpolitische Programm des demokratischen Kandidaten eher konservativ sei, weit weg vom Sozialismus, dafür nicht durchsetzbar. Nach einem Bericht von „Haaretz" würden bei der nächsten Vorwahl gemäß einer Umfrage 41 Prozent der jüdischen Wähler im Staat New York für Clinton und 33 Prozent für Sanders stimmen wollen. 

4) Bei den Vorwahlen im Bundesstaat Nevada am 20. Februar setzt sich Hillary Clinton knapp gegen Bernard Sanders durch. 

5) Bei den Vorwahlen in South Carolina am 27. Februar siegt Clinton mit über 70 Prozent der abgegebenen Stimmen. Sanders kommt auf rund 26 Prozent. Für Clinton stimmen vor allem afroamerikanische Wahlberechtigte.

6) Beim Besuch der Redaktion der Boulevardzeitung „New York Daily News“, welche die viertgrößte Auflage in den USA haben soll, machtSanders am 31. März die guten Beziehungen der USA zu Israel unter seiner Präsidentschaft von der Verbesserung des Verhältnisses zu den Palästinensern abhängig. Dazu müsse Israel die Siedlungspolitik einstellen, denn die Ausweitung des israelischen Territoriums sei illegal. Wer wie er das Recht Israels auf eine sichere Existenz und ohne Terrorismus unterstreiche, komme an der Realität nicht vorbei, dass viele Palästinenser leiden, arm und arbeitslos sind und dass der Gazastreifen nach dem Krieg im Sommer 2014 ein zerstörtes Gebiet geblieben sei. Gleichzeitig spricht sich Sanders dagegen aus, dass die Palästinensische Autonomiebehörde beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag den Antrag stellt, ein Verfahren gegen Israel wegen Kriegsverbrechen einzuleiten.

7) Bei den Vorwahlen der Demokratischen Partei siegt am Super-Dienstag", dem 03. März,Hillary Clinton in 7 (Alabama, Arkansas, Georgia, Massachusetts, Tennessee, Texas und Virginia), Bernard Sanders in 4 Bundesstaaten (Colorado, Minnesota, Oklahoma und Vermont).  Dass Sanders nicht Massachusetts gewonnen hat, führen Kommentatoren darauf zurück, dass er dort die jüdischen Wähler nicht erreicht habe, die 5 Prozent der Parteimitglieder ausmachen.

8) Am 05. März gewinnt Sanders bei den Vorwahlen in den Bundesstaaten Kansas und Nebraska.

9) Am 08. März gewinnt Sanders überraschend im Bundestaat Michigan. Vor einem amerikanisch-arabischen Publikum in Dearborn (Michigan) sagt Sanders zu, als Präsident alle Energien aufzuwenden, um rationale Menschen auf beiden Seiten zusammenzubringen", damit der israelisch-palästinensischen Konflikt beendet werde.

10) Bei den Vorwahlen am 15. März erreicht Sanders in Florida 33 Prozent der abgegebenen Stimmen (Clinton 65 Prozent), in Illinois 49 Prozent (Clinton 51 Prozent), in Missouri 49 Prozent (Clinton 50 Prozent), in North Carolina 41 Prozent (Clinton 55 Prozent) und in Ohio 43 Prozent (Clinton 57 Prozent). Für den Nominierungsparteitag der Demokraten im Juli kommt Sanders inzwischen auf etwa 900 der insgesamt 4.763 Delegiertenstimmen. 

11) Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Associated Press" vom 21. März hat Sanders bei der Abstimmung von Amerikanern, die in 38 Ländern leben, per Internet und Email zwischen dem 01. und 08. März 34.570 Stimmen erhalten, mithin 69 Prozent der Voten. 249 in Israel lebende US-Staatsbürgervotierten für ihn, für Clinton 160.

12) Bei den Vorwahlen in den Bundesstaaten Alaska, Washington und Hawaii am 26. März siegt Sanders haushoch. Von den für die Nominierung im Juli notwendigen 2.382 Stimmen entfallen gegenwärtig 1.004 auf Sanders und 1.712 auf Hillary Clinton. Die nächsten Entscheidungen fallen am 05. April in Wisconsin, am 09. April in Wyoming und am 19. April in New York.

13) Bei den Vorwahlen am 05. April im Bundesstaat Wisconsin siegt„Bernie“ Sanders mit einem Vorsprung von 12 Prozent gegenüber Hillary Clinton. Unter Berücksichtigung der sogenannten Superdelegierten kann Clinton jetzt auf 1.740 der notwendigen 2.383 Delegierten auf dem Konvent im Juli zurückgreifen, bei Sanders sind es gegenwärtig 1.055 Delegierte. Am 07. April berichtet die Washington Post", dass Clinton von Sympathisanten und ihrem Team davor gewarnt worden sei, Sanders zu diffamieren, nachdem sie in einem Interview bezweifelt hatte, ob er ein „wahrer Demokrat" sei. Ihr Vorsprung in Meinungsumfragen sei bis auf 2 Prozent zusammengeschmolzen. 

14) Die Vorwahlen im Bundesstaat Wyoming am 09. April gewinnt Sanders knapp gegenüber Clinton. Die nächste Vorentscheidung fällt am 19. April in New York. Dort geht es um die Stimmen von 219 Delegierten.