Münchner Gespensterdebatten

von Reiner Bernstein

Die fragile Weltordnung droht endgültig in die Brüche zu gehen. Die Unberechenbarkeit Donald Trumps hinterlässt Ratlosigkeit und Angst. Anbiederungen an Putin machen die Runde. In Europa wachsen die Zustimmungsraten gegen das „politische System“. Überall feiert der demokratiefeindliche Populismus Triumphe.

Und in München? Kein Wort über die Einbettung des Antisemitismus in den breiten Rahmen von Fremdenhass, Rassismus, Islam-Feindlichkeit, Attacken auf Geflüchtete und Homophobie. Publizisten, Wissenschaftler und Kulturschaffende in Israel werden mit ihren Warnungen von Benjamin Netanjahu und seiner Mannschaft um Avigdor Lieberman (Verteidigung), Naftali Bennett (Erziehung), Miri Regev (Kultur), Ayelet Shaked (Justiz), Ze’ev Elkin (Integration), Uri Ariel (Landwirtschaft) und Tsipi Hotovely (Außenamt) zu den Aussätzigen gezählt. Auch dazu kein Wort.

Werner Bergmann und Rainer Erb, Alfons Silbermann und Herbert Sallen, Salomon Korn und Wolfgang Benz haben über die Reichweite des Antisemitismus Erschreckendes Zu Tage gefördert. Dass der Hass in die Mitte der Gesellschaft eingerückt ist, wissen wir spätestens seit Wilhelm Heitmeyers Studien in den 1980er Jahren. Es gibt auch Deutsche, die den Staat Israel am liebsten von der Landkarte streichen wollen. Warum wohnen gefühlte 25.000 Israelis allein in Berlin? Worin also liegt der Neuwert, der in München vermitteln werden sollte? Es gibt ihn, weil mit Denunziationen Ablenkungsmanöver gefahren werden.

Anders ist nicht zu erklären, wie es zusammenpassen soll, dass der Rechtsberater der „Republikaner in Israel“ Trumps Stabschef als verlässlichen Freund feiert, obwohl der nach Aussage seiner früheren Ehefrau den gemeinsamen Töchtern verboten hat, eine Schule mit jüdischen Kindern zu besuchen. Der Subtext lautet: Juden haben hier nichts zu suchen. In Israel sollen sie sich um den weißen Nationalismus gegen den finsteren Nahen Osten verdient machen. Der Gleichklang mit den Evangelikalen ist evident. 

Wer Kritik an Israel „prinzipiell“ für legitim hält, aber auf das individuelle Recht der Grenzziehung pocht, macht sich doppelter Standards schuldig. In der „Süddeutschen Zeitung“ hat Saul Friedlaender beklagt, es sei ihm „peinlich, dass ausgerechnet ich, der hätte wissen müssen, was eine Besatzung den Besetzten und den Besatzern antut, das ‚Menetekel‘ nicht sah“. Mehr Unbestechlichkeit geht nicht.

Deshalb die Frage an die „unerschütterlichen Freunde Israels“: Warum lebt es sich besser im Staat voller Antisemiten als im gelobten Land?