Der Boykott und seine politische Bedeutung

Leitartikel in Haaretz" am 05. Oktober 2016

Die Entscheidung von Knesset-Abgeordneten der Vereinigten Liste, an der Beerdigung von Shimon Peres [am 30. Oktober 2016 in Jerusalem] nicht teilzunehmen, ist ein äußerst wichtiger politischer Vorgang. Die Führung der arabischen Öffentlichkeit in Israel hat gegen das Narrativ der zionistischen Öffentlichkeit rebelliert, welche die Geschichte und die Gefühle der Minderheit ignoriert, und doppelte Unabhängigkeit demonstriert – gegenüber dem israelischen Establishment, repräsentiert von Shimon Peres, und gegenüber dem palästinensischen Führer Machmud Abbas, der zur Beerdigung kam.

Der Vorsitzende der Vereinigten Liste, der Abgeordnete Ayman Oudeh, trat in der Sendung „Stammeslagerfeuer“ des Zweiten Fernsehkanal auf und war starker Kritik von Seiten des Moderators ausgesetzt, als er ein gegenläufiges Narrativ präsentierte – die Erinnerung an die Nakba, an das Massaker von Kafr Qassem[1] und an die Toten bei den Ereignissen im Oktober 2000 [der 2. „Intifada“], für die Gedenkfeiern am 31. Oktober 2016 in Galiläa und im Wadi Ara [im Kleinen Dreieck gelegen] stattgefunden haben. Nie hat eine politische Persönlichkeit der jüdischen Mehrheitsgesellschaft diese Gedenkfeiern besucht, und nie wurde über sie zur „Prime Time“ im Fernsehen berichtet.

Der Boykott der Beerdigung hat damit sein Ziel erreicht: das gegenläufige Narrativ der arabischen Minderheit in die Medien und auf die öffentliche Bühne zu transportieren, unterstützt von der drittstärkten Fraktion in der Knesset. Die Verurteilung des Protests von Oudeh und seiner Fraktionskollegen wird nicht verschwinden, noch wird sich ihre Hauptforderung verwischen lassen: die Anerkennung des Leidens und der Trauer der arabischen Öffentlichkeit seitens der jüdischen Mehrheit als notwendige Bedingung für den Aufbau einer gemeinsamen Identität und künftiger politischer Zusammenarbeit.

Die rechtsgerichtete Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bietet den arabischen Bürgern Israels mehr Geld, Integrationsversprechen für den Arbeitsmarkt und Beförderungen im öffentlichen Dienst an unter der Voraussetzung, dass sie schweigen und ihr Narrativ vergessen. Der Ministerpräsident sagt häufig, dass die Nakba eine Lüge sei, dass 90 Prozent der Geschichten über sie nicht wahr seien und dass Menschen dem Image Israels schaden, wenn sie damit an die Öffentlichkeit gehen. Kein Wunder, dass die Regierung darauf besteht, die Archive unter Verschluss zu halten, die einige der Vorgänge von 1948 aus Primärquellen belegen.

Jede zusätzliche Finanzierung und jede Aktion sind willkommen und wichtig, um die Kluft zwischen Juden und Arabern zu schließen. Aber sie werden damit nicht das Schweigen der arabischen Gemeinschaft erkaufen, noch werden sie dazu führen, dass die Nationalhymne „Die Hoffnung“ in den Straßen von Nazareth, Sakhnin und Um El-Fahm gesungen wird. Nur die Anerkennung einer parallelen israelischen Geschichte, in deren Herzstück amoralische Handlungen der Mehrheit gegenüber der Minderheit stehen, kann die Grundlage der gemeinsamen [Staats-]-Bürgerschaft und wahrhaftiger Integration sein. Die jüdische Geschichte lehrt, dass Völker nicht so leicht ihr Narrativ aufgeben, selbst bei Anreizen und Verfolgungen.

Das ist die Herausforderung, denen sich jetzt jüdische Politiker gegenübersehen, wenn sie davon träumen, die rechtsgerichtete Regierung auszuwechseln und Israels Niedergang in den binationalen Abgrund zu stoppen. Ihr Ziel wird nicht ohne die Zusammenarbeit mit der Vereinigten Liste und ihren Wählern erreicht werden. Anstatt sich automatisch auf Netanjahus und der radikalen Rechten zu schlagen und anstelle einer Rüge der arabischen Abgeordneten, nicht nett zu sein, müssen sie einen Weg finden, die Herzen der Minderheitsgesellschaft zu gewinnen.                                   

Übersetzung von Judith & Reiner Bernstein

[1]   Am 29. Oktober 1956 begann der israelische Suezfeldzug mit der „Operation Kadesh (Hingage)“. Sie kostete 170 israelischen Soldaten das Leben. Am selben Tag wurde über das in Galiläa liegende Dorf Kafr Qassem eine Ausgangssperre verhängt, um die Ruhe sicherzustellen. Da die Nachricht viele Bauern bei ihrer Rückkehr von der Feldarbeit nicht erreichte, wurden fast 50 von ihnen erschossen.