Arthur Ruppins deutscher Zionismus

von Reiner Bernstein

Arthur Ruppin war und blieb ein deutscher Jude. Lebenslang begleitete ihn die Liebe zu deutschem Bier, zu deutscher Sauberkeit und zum deutschen Wald.

Am 01. März 1876 in Rawitsch im Südosten der preußischen Provinz Posen als erstes von sechs Kindern geboren, zog die Familie nach dem Scheitern des Vaters als Verkäufer von Herren- und Damenbekleidung nach Magdeburg. Unter Aufbietung aller Energien promovierte der Sohn über den Weg eines Kontoristen 1902 in Berlin.

1907 bereiste Ruppin erstmals Palästina, bevor er als Angestellter der Zionistischen Organisation Anfang April 1908 ein Büro der „Palestine Land Development Company (PLDC)“ in der Bustrus-Straße (benannt nach einem syrischen Christen) in Jaffa bezog. Nur Judah L. Magnes (1877 – 1949), der damalige Sekretär der „Federation of American Zionists“, beglückwünschte ihn.

 „Kommt da ein Mann mit der Kleidung und dem Auftreten eines deutschen Akademikers, ein typischer ‚Jecke‘, wie man etwas spöttisch die Einwanderer aus Deutschland nannte, Assessor und Doktor, Jurist, Soziologe und Nationalökonom, verwurzelt in der deutschen Sprache und in der deutschen Kultur, ohne Kenntnis des Hebräischen, das die jungen Einwanderer aus Osteuropa sprechen und das sie als zu neuem Leben erweckte Nationalsprache schätzen“,

 lobte ihn der Herzl-Biograph Alex Bein (1903 – 1988), und sei er doch

 „ein Mann der exakten Zahlen, der Statistik, der Bilanz – und doch findet er den Weg zu diesen chaotischen Menschen, die zwar große Träume und hohe Ideale haben, denen aber genaues Rechnen fremd ist“.  

Es dauerte nicht lange, bis Ruppin bei Theodor Herzl (1860 – 1904) die „absolute Unkenntnis der Verhältnisse in Palästina“ entdeckte. Der Konflikt mit dem arabischen Widerstand gehörte zu seiner Tagesordnung, weil der Zionismus keine „nationale oder chauvinistische Marotte, sondern der Verzweiflungskampf der Juden gegen die sie bedrohende Vernichtung“ war, notierte er 1911.

Während Chaim Weizmann (1874 – 1952) von den Briten ein „Jüdisches Nationalheim Palästina“ verlangt, aber nur

eine „nationale Heimstätte in Palästina“ bekommen hatte, war Ruppin davon überzeugt, dass die Balfour-Deklaration trotz ihrer politischen Bescheidenheit „mit ihren papiernen Privilegien… für uns ein Fluch sein (werde), wenn wir glauben, dass durch sie für uns Rechte auf Palästina ‚begründet‘ sind“. Ein Vaterland bekomme man nicht durch diplomatische Beschlüsse zugewiesen.

 

Die Gründung des "Brit Shalom"

Andererseits: Das, „was wir bisher als arabische Politik bezeichneten, (hat) diesen Namen nicht verdient“. Dieser Feststellung folgte die Gründung des „Brit Shalom“ im Dezember 1925. Neben Ruppin und Magnes konnte der „Friedensbund“ auf Hans Kohn (1891 – 1971), Martin Buber (1878 – 1965), Schmuel Hugo Bergmann (1883 – 1975), Akiva Ernst Simon (1899 – 1988), Robert Weltsch (1891 – 1982), Georg Landauer (1877 – 1948), Henrietta Szold (1860 – 1945) und Gershom Scholem (1897 – 1982) zählen. Ruppin hoffte, dass von einem neuen sozialen Leben auch eine religiöse Erneuerung ausgehe.

Charakter und Aufgaben blieben zunächst strittig. Einig war man sich jedoch darin, dass man mit „den landläufigen staatsrechtlichen Begriffen“ dem zionistischen Unternehmen nicht „zu Leibe“ rücken könne, dass nämlich eine Legitimation schon daraus erwachse, dass „eine andere [die jüdische] Nation sich mit dem Anspruch auf völlige Gleichberechtigung und nationale Autonomie an ihrer [der arabischen] Seite festsetzt“.

Kohn und Bergmann traten schnell für eine palästinensische Verfassung ein, während Ruppin einen „Studienklub“ im Auge hatte, der sich von politischen Tagesfragen fernhalte, „solange wir nicht über die Prinzipien unseres künftigen Zusammenlebens mit den Arabern im Klaren sind“. Dabei seien die westlichen Grundsätze der Demokratie nicht ohne weiteres anwendbar, weil die Dimension des arabischen Analphabetismus dazu führen würde, dass „die große Masse blindlings einigen Führern folgen“ werde.

Das gemeinsam getragene Programm kam 1929 zustande:    

 „Dem Brith Schalom schwebt ein binationales Palästina vor, in welchem beide Völker in völliger Gleichberechtigung leben, beide als gleich starke Faktoren das Schicksal des Landes bestimmend, ohne Rücksicht darauf, welches der beiden Völker an Zahl überragt. Ebenso wie die wohlerworbenen Rechte der Araber nicht um Haaresbreite verkürzt werden dürfen, ebenso muss das Recht der Juden anerkannt werden, sich in ihrem alten Heimatlande ungestört nach ihrer nationalen Eigenart zu entwickeln und eine möglichst große Zahl ihrer Brüder an dieser Entwicklung teilnehmen zu lassen.“

Ein binationaler Staat, der auch die Westbank umfasst hätte, stand mit der zionistischen Idee in vollständigem Einklang. Doch die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung, klagte Ruppin drei Monate nach den schweren Unruhen im Sommer 1929, die 133 Arabern und 116 Juden das Leben kosteten, wisse gar nicht, was „Brit Shalom“ sei und wolle. Für Ernst Simon waren die Unruhen mehr als „Überfälle von Räubern und Mördern“, sondern in einen „politischen oder gar nationalen Hintergrund“ eingebettet.    

Am 16. Mai 1935 bekannte auch Ruppin ernüchtert, dass die Araber „schneller als erwartet zu nationalem Selbstbewusstsein gelangt“ seien und „mit allen Mitteln gegen uns kämpfen“ würden. Ein Jahr später schrieb er an Robert Weltsch, dass an eine Verständigung nicht zu denken sei, „es sei denn, dass wir bereit sind, uns als brave Untertanen in Palästina in einem arabischen Staat einzugliedern“.

Ihn beschlich die Furcht, „der Wut der Araber ausgeliefert“ zu sein. Um sie einzudämmen, sei bei den Landkäufen „mit größtem Takt zu Werke (zu) gehen und dabei Härten gegen die Araber (zu) vermeiden“. Ernst Simon stellte fest, dass „gegen die arabischen Makler, die an der Vermittlung der Bodenkäufe beteiligt sind, (…) sich von seiten der nationalistischen [arabischen] Jugend heftiger Protest (erhebt)“, und forderte dazu auf, „mit der gefährlichen Parole ‚Erlösung des Bodens‘“ verantwortlich umzugehen.

Die Grabrede am 02. Januar 1943 in Degania am See Genezareth hielt Berl Katznelson (1887 – 1944), Führer der Arbeiterbewegung im Lande. Der Grabstein trug die Aufschrift „Arthur Ruppin, der Vater der jüdischen Kolonisation“. Am 12. Juni 1947 sprach sich die Nachfolgegruppe des „Brit Shalom“, die „Aliyah Chadasha (Neuer Aufstieg)“, für den Plan einer Teilung Palästinas auf der Grundlage des britischen Peel-Berichts von 1937 aus.

Für die große Zahl der politischen Parteien blieb eine Verständigung mit den Arabern zwar ratsam, für ihr Verständnis des Zionismus aber nicht zwingend.

 „Das Maß demokratischer Schulung, das ein großer und immer mehr wachsender Teil unserer Bevölkerung genossen hat, ist gering oder überhaupt nicht vorhanden“,

urteilte Kurt Loewenstein (1902 – 1973), unter Bezug auf die Einwanderung aus der islamischen Welt, in der Festschrift zum 75. Geburtstag von Siegfried Moses (1887 – 1974), dem Mitbegründer des „Leo Baeck Institute“ in Jerusalem und nachmaligem Staatskontrolleur.

Am 07. Januar 2016 erhob Nissan Shor, dessen Familie unter dem totalitären Regime der Sowjetunion gelitten hatte, in "Haaretz" heftige Klage gegen die israelische Linke. Es gebe zwar ein abstraktes, unbestimmtes Gefühl der politischen Frustration, ohne aber eine Veränderung zu bewirken. Es seien Menschen, für die der Satz "schießen und weinen" geprägt worden sei. Besser müsste es heißen "herumsitzen und weinen", "schreiben und weinen", "genießen und weinen". Es sei die alte Mentalität: Die israelische Linke sei gut, wenn es darum gehe, den Finger warnend zu heben, aber bewegen tue sich nichts.