Intervention auf den Beitrag von Ulrich Schmid "Israels fatale Ausgrenzung" in NZZ 19. Januar 2016

Ich kenne Herrn Ulrich Schmid eben so wenig, wie er mich kennt. Nach dem Studium der deutsch-jüdischen Geschichte besuche ich seit nunmehr fast einem halben Jahrhundert Israel und die palästinensischen Gebiete und stehe dort mit zahlreichen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens im ständigen Kontakt. Dem Beitrag Ihres Autors entnehme ich, dass er die fortwährende Diskriminierung und Kriminalisierung jener jüdischen Israelis, die den Kurs der Regierung Benjamin Netanjahus nicht mittragen, aus eigenem Erleben nicht kennt.

 

 

 
 

Israels fatale Ausgrenzung

von Ulrich Schmid, in „Neue Zürcher Zeitung“ 19.01.2016

Der Autor behauptet, dass selbst „linke, liberale, kritische Israeli, die sonst kein gutes Haar lassen an Netanyahu und seinen Nationalkonservativen, (…) oft ungehalten (reagieren). Immerhin ist man Jude.“ Natürlich könne Israel kritisiert werden. Netanyahus Politik sei heuchlerisch. Viele Israelis würden die auswärtige Kritik akzeptieren. Was sie nicht akzeptieren, sei Doppelmoral, bei der andere Staaten besser wegkommen: Produkte aus den besetzten Gebieten würden gekennzeichnet, solche aus dem chinesisch besetzten Tibet nicht. „Wo bleibt der Aufschrei, wenn Iran Homosexuelle zu Hunderten öffentlich hängt (sic!)?... Berichte über das Wüten jihadistischer Gruppen oder den unfassbaren Sadismus der nigerianischen Armee bleiben unkommentiert. Das ist purer Rassismus.“ Israel sei als „ein kleiner, demokratischer Staat“ beeinflussbar. Die Ausgrenzung Israels habe wie der Antisemitismus den Effekt, die ethischen Maßstäbe zu verwischen.

http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/israels-fatale-ausgrenzung

 
 

 

Dazu zunächst ein familiäres Erlebnis:

Unsere Tochter hat im Sommer 2015 in Tel Aviv an einer Anti-Gaza-Kriegsdemonstration teilgenommen und ist dort auf dem Nachhauseweg von Rechtsradikalen brutal zusammengeschlagen worden. Ihre Anzeige bei der Polizeiwache wurde mit der Aufforderung quittiert, sie möge künftig den „nationalen Konsens“ für den Krieg nicht stören. Seither ist sie über Facebook nicht nur einmal als „Araberhure“ beschimpft worden.          

Ich bin wenige Tage nach Beendigung des Junikrieges 1967 erstmals in Israel gewesen und habe nach dem 50. Besuch das Zählen eingestellt. Bis weit in die 1970er Jahre hinein wurden meine deutschen Freunde und ich als die „besten Botschafter Israels im Ausland“ gewürdigt. Es war die Zeit, als ich als damaliger Leiter des Bonner Büros der Deutsch-Israelischen Gesellschaft beim ZDF zugunsten einer wöchentlichen Sendung „Hier spricht die Stimme Israels“ vorstellig werden sollte.

Solche hochgemuten Erwartungen fielen nach dem Regierungsantritt Menachem Begins im Mai 1977 in sich zusammen, weil der Siedlungsbau und die damit einhergehenden Maßnahmen der Repression und Demütigung nicht mehr zu übersehen waren und kurz darauf als Reaktion zur Gründung der Bewegung „Frieden jetzt“ und nach dem Libanon-Krieg 1982 zum Entstehen der Soldateninitiative „Yesh Gvul“ („Es gibt eine Grenze“ der politischen Loyalität) führten.

Danach haben fast alle meine Freunde endgültig ihr Engagement für einen in Frieden lebenden Staat Israel aufgegeben und damit jenen ihrer Kinder und Enkel das Feld überlassen, die sich von den Belastungen des Holocaust frei fühlen wollten. Die meisten meiner jüdischen Freunde hierzulande haben auf den Übergang geantwortet, man möge ihnen und ihren in Deutschland lebenden Palästinensern das Feld überlassen, weil sich ihre Agitation totlaufen würde. Das Ergebnis ist bekannt: Zu besichtigen ist eine kaum zu überbietende Polarisierung in der öffentlichen Meinung, die längst auch in fast allen Ländern Europas Einzug gehalten hat.

Wenn Ihr Autor linke, liberale und kritische Israelis mit den Worten zitiert, sie würden über die auswärtige Bevormundung mit dem Bekenntnis „Immerhin ist man Jude“ reagieren, dann muss er jene Israelis im Blick haben, die sich einer rassistischen, Gen-bedingten Formel bedienen, die keine Differenzierung des Urteils duldet, und darüber die universale Menschenwürde vergessen.

Wenn er persönlich der Argumentation der genannten Israelis zustimmt, erledigt sich die Einschätzung Ihres Autors, Israel sei ein kleiner – ich enthalte mich eines Gefühls der Rührung angesichts seines weltweit fast einzigartigen Militärpotentials, das weit über die iranische Ostgrenze einschlagen könnte – und demokratischer Staat. Er möge seine These jenen Israelis vortragen, die nach dem von Justizministerin Ayelet Shaked initiierten „Transparenz-Gesetz“ aus Angst vor amtlichen Nachstellungen ihre Arbeit erheblich zurückfahren. Sein Hinweis, natürlich könne Israel kritisiert werden, fällt so lange in sich zusammen, so lange politisch hartgesottene Israelis entscheiden, was legitim sei und wo die Zumutbarkeit aufhören soll.

Israel steht in der Gefahr der Implosion, weil es immer weniger in der Lage sein will, seine inneren Widersprüche wie Theodor Herzls Vision von einem „Staat der Juden“ und dem ideologischen Vormarsch der nationalreligiösen Kräfte für einen „jüdischen Staat“ aufzulösen. Vor wenigen Tagen hat überdies eine Meinungsumfrage unter jüdischen Israelis ergeben, dass 36 Prozent die arabischen Staatsbürger pauschal als „Feinde“ bezeichnen. Man stelle sich den berechtigten Aufschrei vor, wenn in Deutschland ein auch nur annährendes Ergebnis gegenüber den hier lebenden Juden ermittelt würde. Es ist kein Zufall, dass die auch von der Bundesregierung mitgetragenen „Schlussfolgerungen des Rates zum Friedensprozess“ vom 18. Januar 2016 kein Wort zu den dramatischen Zuspitzungen in Israel verlieren.