Jordaniens Überleben

von Reiner Bernstein

Am 01. September 1970 geriet König Hussein auf dem Wege zum Flughafen unter schweres Feuer, der zweite Attentatsversuch innerhalb von drei Monaten. Der Anschlag löste gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen der Armee und den Fedayeen aus. Die irakische Regierung drohte mit einem militärischen Eingreifen, nachdem 17.000 Mann nach dem Junikrieg 1967 im Osten auf jordanischem Boden geblieben waren. Syrien rückte mit Panzern in den Norden Jordaniens vor.

Am 06. und 09. September 1970 kaperte George Habashs „Volksfront für die Befreiung Palästinas“ Flugzeuge der zivilen Luftfahrt. Als sie die Maschinen auf dem Dawson Field bei Amman in die Luft sprengte, blieben 54 Passagiere in ihrer Geiselhaft. Yasser Arafat sah sich zur Solidarität mit den Entführern gezwungen.

Nach palästinensischen Guerillaaktionen auf israelische Ziele ordnete Husseins neue Militärregierung Angriffe auf Stellungen der Fedayyen sowie palästinensische Wohnviertel in und um Amman sowie in den Städten Irbid, Jerash, Zarqa und Salt an. Die Kämpfe gingen unter dem Begriff „Schwarzer September“ in die Annalen ein. Als Hafez Al-Assad in Damaskus endgültig die Macht übernahm, überquerte syrisches Militär am 18. September die jordanische Grenze mit fast dreihundert Panzern und einer Infanteriebrigade.

Am 22. September entsandte der König eine Luftwaffeneinheit gegen die syrischen Stellungen, deren Besatzung unter schweren Verlusten den Rückzug antrat. Am 27. September unterzeichneten Hussein, Arafat und Ägyptens Gamal Abdel Nasser das „Cairo Agreement“ mit dem Ziel einer sofortigen Waffenruhe. Die PLO-Führung mit Teilen ihrer bewaffneten Gefolgschaft übersiedelte in den Libanon, um nun dort einen Staat im Staate aufzubauen. Am 28. November töteten vier Mitglieder des „Schwarzen September“ den jordanischen Premier Wasfi Al-Tall in Kairo. Zwischen dem 12. und 17. Juli 1971 schließlich vertrieben jordanische Einheiten die letzten „Fedayeen“-Einheiten aus dem Gebiet um Jerash.

Israels Verteidigungsminister Moshe Dayan und hochrangige Politiker, unter ihnen Shimon Peres – er bezeichnete Hussein einmal als „Amateur-König“ –, hatten sich damals dafür ausgesprochen, der PLO beim Sturz der Haschemiten zu helfen, doch Ministerpräsidentin Golda Meir, Außenminister Abba Eban und Generalstabschef Yitzhak Rabin setzten sich mit ihren Einwänden durch. Die Geschichtsschreibung ist sich einig darin, dass die Drohung mit dem Einsatz des Militärs dem König den Thron rettete.

 

Die Aktualität der Geschichte

44 Jahre später, am 03. Februar 2015, wurden bei Amman zwei irakische Djihadisten, darunter eine Frau, gehenkt. Die Hinrichtung wurde als Vergeltung für die Verbrennung eines Kampfpiloten bei lebendigem Leibe durch Terroristen des „Islamischen Staates“ angezeigt. Der 26 Jahre alte Jordanier aus einem prominenten Beduinen-Stamm war am 24. Dezember 2014 bei einem Luftangriff im Norden Syriens abgeschossen worden, oder seine Maschine musste aufgrund eines Triebwerkschadens landen. Verhandlungen über einen Gefangenenaustausch blieben ebenso erfolglos wie im Falle zweier japanischer Geiseln, die geköpft wurden.

Ebenfalls am 03. Februar unterzeichneten John Kerry und sein jordanischer Amtskollege Nasser Judeh als Ausdruck „der strategischen Beziehungen und der Partnerschaft“ ein „Beistandsmemorandum“, um „den vielfältigen Gefahren und Herausforderungen zu begegnen“, denen sich die Monarchie gegenübersehe.

Das Land steht inmitten einer tiefen Strukturkrise. Bei heftigen Protesten wurde die Abhängigkeit von den USA thematisiert, gleichzeitig verwahrten sich Demonstranten gegen die Beteiligung an den Operationen gegen die Islamisten. Das Königreich ächzt unter der Last der über 800.000 Flüchtlinge aus Syrien und weiteren 700.000 Arbeitsmigranten; ihre Integration überfordert den Staat. Eine Bevölkerungszählung lässt auf sich warten. Der politische Arm der Moslembrüder, die „Islamische Aktionsfront“ mit ihrem großen Anhang in der palästinensischen Bevölkerungsmehrheit, fügt sich nur mit Murren dem vom Palast dirigierten autoritären Regierungsstil. Von Pressefreiheit keine Spur. Die Wahlrechtsform bevorzugt nach wie vor die beduinische Bevölkerung; nicht zufällig hat sich König Abdullah II. vor dem Abbruch seiner Gespräche in Washington mit einer Kefiyeh und dem Appell zur nationalen Einheit an seine treuesten Anhänger gewandt.

Bei Jordaniens israelischem Nachbarn werden sich die Diskussionen seit den frühen 1970er Jahren wiederholen, doch nicht zugunsten der damaligen „jordanischen Option“ – „Jordanien ist Palästina!“ –, sondern mit dem Ziel des Ausbaus der Sperranlagen entlang des Jordans und als Abschreckung, die vor Interventionen jenseits des Flusses nicht zurückschreckt. Der sunnitische Terror hat Benjamin Netanjahu und seiner Wiederwahl am 17. März eine steile Vorlage geliefert. Den Haschemiten wird es um der eigenen Stabilität willen recht sein. Schließlich waren sie am 15. Mai 1923, aus dem heute saudischen Hedjas kommend, von den Briten als Fremdherrschaft in Transjordanien implantiert worden – parallel zum Völkerbundmandat zugunsten einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk.

Angesichts der fortwährenden Bedrohungsszenarien haben Vorstellungen von einem palästinensischen Staat keine Chance. Die internationale Diplomatie, der für das dramatische Spannungsdreieck Irak/Syrien/Libanon eine politische Gesamtstrategie fehlt, wird auch auf die jüngste Zuspitzung keine überzeugenden Antworten finden. Ja, die USA und die Bundesrepublik, letztere im 50. Jahr des ersten Botschafteraustauschs, dürften unter Verweis auf die traditionelle Partnerschaft nicht lange nach der politischen Logik der Stärkung des israelischen Militärs fragen.

Nach einem Bericht von CNN hat Israel Drohnen an die Grenze Jordaniens zu Syrien entsandt, um Amman im Falle von Angriffen der Terrormilizen des „Islamischen Staates“ zu helfen. Der israelisch-palästinensische Konflikt fand auf der Münchner Sicherheitskonferenz am Wochenende keine spezielle Aufmerksamkeit. Quatars Außenminister Khalid Mohamed Al-Attiyah verteidigte die Unterstützung der „Hamas“, während Israels Sicherheitsminister Yuval Steinitz viele Gespräche am Rande der Tagung führte.