Judith Bernstein: Mein Jerusalem

Ich bin in Jerusalem geboren und verbringe jedes Jahr mehr als einen Monat in Israel und in Palästina. Immer wieder bin ich darüber erstaunt, wie wenig die jüdischen Israelis ihre seit 1980 „vereinigte Stadt“ kennen.

Jerusalem mit seinen fast 900.000 Einwohnern ist geteilter denn je. Im Osten der Stadt leben rund 75 Prozent der Palästinenser unterhalb der Armutsgrenze, nur neun Prozent des Kommunalhaushalts kommen 37 Prozent der Bevölkerung zugute. Durch Neubauten, die ihnen vorbehalten sind, stehen sieben jüdische Siedler zehn Palästinensern gegenüber.

 Viele Beobachter im In- und Ausland warnen davor, dass durch jüdische Ansprüche auf dem Tempelberg, dem moslemischen Noblen Heiligtum, eine dritte „Intifada“ ausbrechen könnte. Israelische Politiker wissen seit langem, welche Gefahren von einem politisch gefärbten religiösen Messianismus ausgehen. Von Moshe Dayan deshalb stammt der Satz: „Wozu brauche ich diesen Vatikan?“ Nach dem Junikrieg 1967 sorgte der Verteidigungsminister dafür, dass der „Haram Al-Sharif“ der moslemischen Stiftung, dem „Waqf“, übergeben wurde.

Jerusalem spielt die zentrale Rolle im Konflikt zwischen beiden Völkern. Hier bündeln sich alle Facetten. Ohne eine Lösung hier gibt es keinen Frieden im gesamten Land. Nur wenn die Palästinenser dieselben politischen und sozialen Rechte erhalten, ist die friedliche Koexistenz vorstellbar.