Judah L. Magnes: Israels Herausforderung

von Reiner Bernstein

Am 06. Dezember 2015 erhielt Bundespräsident Joachim Gauck die Ehrendoktorwürde der Hebräischen Universität in Jerusalem und erinnerte an das intellektuelle, wissenschaftliche und kulturelle Vermächtnis, das Martin Buber, Albert Einstein und Richard Koebner, Namensgeber des Instituts für deutsche Geschichte an der Universität unter Leitung von Moshe Zimmermann, für die deutsch-jüdisch-israelische Geschichte hinterlassen haben. Da Gauck den ersten Kanzler und späteren Präsidenten der Universität Judah L. Magnes nicht erwähnte, soll hier an ihn erinnert werden.

Magnes, am 05. Juli 1877 in San Francisco als erster Sohn jüdischer Einwanderer aus der Nähe von Lodz geboren – der Name „Magnes“ ging auf den Besuch seines Großvaters in Schweden zurück – und am 27. Oktober 1948 in New York gestorben, galt als „ein Prophet in Israel“ und als ein „herausragender moralischer Führer“ seines Volkes in den Erinnerungen Georg Landauers (1895 - 1954) mit einer "bezaubernden Rednergabe" ausgestattet.

Da seine Mutter größten Wert auf die deutsche Sprache gelegt hatte, fiel es ihm nicht schwer, auf zionistischen Kongressen Übersetzungsdienste zu leisten und nach dem Studium an der Berliner "Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" an der Universität in Heidelberg im Fach Philosophie zu promovieren. Seit Oktober 1922 in Jerusalem lebend, war er für seinen Biographen Norman Bentwich, damals Generalstaatsanwalt der britischen Mandatsregierung, in seiner Jugend ein „Held der jüdischen Jugend in Amerika“ gewesen, wurde aber aufgrund seiner politischen Überzeugungen „unter der [jüdischen] Jugend in Palästina zum Feind seines Volkes“.

Magnes glaubte an die Ewigkeit des jüdischen Volkes auch ohne Palästina: „Für mich erscheint Palästina als der Eckstein oder die Krone, das Herz, das Zentrum oder wie immer wir es bezeichnen mögen. Unser Volk wird ohne Palästina weiterleben und weiter seine Kultur entwickeln. Mit Palästina wird das Volk besser leben und seine Kultur mit mehr Hoffnung und mit mehr Wirkung entwickeln.“

Von der britischen Balfour-Deklaration vom November 1917 setzte sich Magnes dadurch ab, dass „wir Juden für uns nichts mehr wollen, als was wir jedem anderen bereit sind zu geben“. Er favorisierte den „synthetischen Zionismus“ seines spirituellen Vorbilds Achad Ha’am („Einer aus dem Volke“, Pseudonym für Asher Zvi Ginsberg, 1856 bis 1927), die jüdische Tradition mit der modernen Kultur in Einklang zu bringen – „die Welt durch das Judentum und das Judentum durch die Welt zu sehen“. Wie auch andere bedrückte ihn leenslang die Gleichgültigkeit der Mehrheit der amerikanischen Juden gegenüber dem Zionismus. 

In seiner Ansprache am 18. November 1924 auf dem gekauften Gelände des Skopus kleidete Magnes seine politischen Überzeugungen in folgende Worte:

„Sie [meine Damen und Herren], wissen auch, dass wir meiner Meinung nach keine Wege des Friedens und der Verständigung [mit der arabischen Bevölkerung Palästinas] finden können, wenn der einzige Weg zur Schaffung des jüdischen Nationalheims auf den Bajonetten irgendeines Reiches stattfindet; dann ist unser ganzes Unternehmen nichts wert. Es ist besser, dass sich das ewige Volk, das so viele mächtige Reiche überlebt hat, in Geduld übt, plant und wartet. Es gehört zu den großen zivilisatorischen Aufgaben, vor denen das jüdische Volk steht, dass es das Verheißene Land nicht auf dem Wege Josuas zu betreten bemüht ist, sondern dadurch, dass es Frieden und Kultur, harte Arbeit und Opfer bringt und nichts absichtlich tut, was vor dem Gewissen der Welt nicht zu rechtfertigen ist.“

Wenig später stand Magnes gemeinsam mit Martin Buber (1878 – 1965), Akiva Ernst Simon (1898 – 1988), Hans Kohn (1891 – 1971), Hugo Bergmann (1883 - 1973), Georg Landauer (1877 – 1948), Arthur Ruppin (1876 – 1943), Gershom Scholem (1897 – 1982) und dem Chefredakteur der „Jüdischen Rundschau“ in Berlin Robert Weltsch (1891 – 1982) an der Spitze des „Friedensbundes (Brit Shalom)“. Als er 1929, am 12. Jahrestag der "Balfour-Deklaration", in seiner Ansprache offene persönliche Beziehungen und gegenseitiges Vertrauen zwischen Juden und Arabern einforderte, schlugen ihm wütende Proteste entgegen.