Eine Drohne über Jerusalem

von Wolfgang Sréter

„Welcome to East Jerusalem“, sagt Mahmoud Muna, breitet die Arme aus und man sieht seinem Gesicht an, dass er sich wirklich freut, wenn im Moment ausländische Besucher in diesen Teil der Stadt kommen. Zusammen mit seinen Brüdern betreibt er in der Saladhin Road einen Buchladen. Seit Beginn der Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Jugendlichen und der israelischen Armee im Oktober 2015 benötigt er an manchen Tagen von seinem Haus in der Nähe von Silwan für die etwa vier Kilometer Luftlinie bis zu eineinhalb Stunden, um zur Arbeit zu kommen.  Die Zufahrt zur Innenstadt wurde mit sogenannten Roadblocks gesperrt.

Drei massive Betonblöcke auf der einen Straßenseite, drei auf der anderen. Es kann immer nur ein Auto in Schlangenlinien die Stelle passieren. Bis am Morgen 15.000 Menschen durch dieses Nadelöhr durch sind, wird die Geduld der Auto- und Motorradfahrer auf eine harte Probe gestellt. Lakonisch kommentiert er: „Besser, als wenn sie die Straße ganz gesperrt hätten.“ Er meint die israelische Armee und sieht dabei in den Himmel. Seit Tagen schwebt eine Drohne, wie man sie bisher nur aus Gaza kannte, über dem Stadtviertel.

Laut Angaben des „UN-Office for the Coordination of Humanitarian Affairs“ gibt es aktuell dreißig neue Straßensperren, die zwar die Sicherheit auf israelischer Seite nicht erhöhen, den Palästinensern aber das Leben erschweren. Sowohl die Altstadt als auch einzelne Stadtviertel können mit Hilfe von fünfzehn Checkpoints, vierzehn Roadblocks und einem Erdwall innerhalb kurzer Zeit abgeriegelt werden. Die Sperren betreffen etwa 138.000 Menschen, das sind 45 Prozent der palästinensischen Bevölkerung in der Heiligen Stadt. Damit können die Menschen im Ostteil  nicht nur von ihren Arbeitsplätzen, sondern auch von ihren Familien getrennt werden.

Ist unter diesen Bedingungen ein kulturelles Leben in Jerusalem überhaupt noch möglich? Können und wollen die Menschen Abendveranstaltungen besuchen? Haben sie die Muße, sich auf Musik, Literatur oder Film einzulassen? Es geht, auch wenn es nicht einfach ist. Drei kulturelle Institutionen geben ein Beispiel dafür, wie versucht wird, den Hunger der palästinensischen Bevölkerung nach Kultur zu stillen.

Der „Educational Bookshop“ mit seinen zwei Stockwerken, der von Mahmouds Vater 1984 gegründet wurde, würde jeder europäischen Großstadt Ehre machen. Nicht nur wegen der Auswahl an englischen Büchern und Zeitschriften und dem nahezu vollständigen Angebot an Veröffentlichungen, die den israelisch-palästinensischen Konflikt betreffen, sondern auch wegen des eleganten Designs.

Vor dem Laden und im ersten Stock stehen Tische und Stühle, an denen man Kaffee trinken und in Ruhe lesen kann. Im Untergeschoß gibt es einen Raum für Vorträge und Filme. Mahmoud Muna hat in Bristol studiert und spricht ein Englisch, das man auf der Insel als Queen’s English bezeichnen würde. Er holt die ausländischen Bücher selbst bei der israelischen Zollbehörde ab. Gibt es Schwierigkeiten mit israelkritischer Literatur, muss er manchmal mehrere Wochen auf die Freigabe der Pakete warten. Er ist dann auf die Hilfe und Solidarität von Verlegern oder Autoren angewiesen, die sich bei der Besatzungsmacht für die Auslieferung ihrer Produkte einsetzen.

 

Vernetzungen am Checkpoint Qalandia

Mahmoud ist gerade von einem sechswöchigen Aufenthalt aus Deutschland zurückgekommen. Er hat dort, zusammen mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus anderen arabischen Staaten, ein Seminar des Goethe Instituts besucht und kulturelle Einrichtungen kennengelernt. Er möchte für Ostjerusalem und die Westbank eine App entwickeln, in der alle kulturellen Aktivitäten mit Ort, Zeit und Inhalt abgerufen werden können. „Damit wollen wir genau das erreichen, was uns die Besatzungsmacht verwehren will: Vernetzung!“ Das Projekt wurde, vor allen anderen, die eingereicht wurden, für die finanzielle Unterstützung ausgesucht. Wenn man Mahmoud in seiner ruhigen und bestimmten Art reden hört, bezweifelt man nicht, dass die App im nächsten Frühjahr funktionsfähig sein wird.

Der Buchhändler ist auf dem Sprung nach Ramallah. Er möchte die Hamlet-Aufführung des Londoner „Globe Theatre“ nicht versäumen. Die Vorstellung war innerhalb kurzer Zeit ausverkauft. Alle 836 Plätze des „Cultural Palace“ werden besetzt sein, dazu sämtliche Treppen und Gänge und die Zuschauer werden mit ihren Handys fotografieren, um die Einzigartigkeit dieses Abends festzuhalten. Er freut sich auf das Shakespeare-Englisch, das er lange nicht gehört hat. Wie er in der Nacht zurückkommt, weiß er noch nicht. Er wird sich auf einer Facebook-Seite über die Situation am Checkpoint Qalandia informieren. In Geduld erprobte Palästinenser posten dort regelmäßig Fotos und Wartezeiten für andere, die den Checkpoint benützen müssen.

Auch Alia Rayyan muss über diesen Checkpoint, der Ramallah von Jerusalem trennt, allerdings täglich. Es kostet sie Nerven und wertvolle Lebenszeit. Sie ist die Direktorin des „Palestinian Art Court“, Al Hoash in der Zahra Road, keine fünfhundert Meter entfernt vom „Educational Bookshop“. Die Galerie befindet sich in einem dieser alten palästinensischen Häuser mit ihren meterdicken Wänden aus hellem quadratischem Sandstein.

Alia Rayyan hat in Hamburg internationale Politik mit Schwerpunkt Nahost, Soziologie und Kunstgeschichte studiert und war in Berlin, Beirut, Dubai und Amman tätig. Als Kulturmanagerin organisierte sie den deutsch-arabischen Schriftstelleraustausch „West-östlicher Diwan“. 2013 hat sie die Galerie übernommen und betreibt ihre Arbeit nicht nur mit wertvoller Erfahrung, sondern auch mit Herzblut. Al Hoash bietet neben den Ausstellungen kulturelle Führungen in der Altstadt von Jerusalem an – eine interessante Variante zu all den christlichen und politischen Veranstaltungen. Da man im Moment nicht sicher sein kann, ob die Altstadt jederzeit frei zugänglich ist, weicht man auf Ostjerusalem aus. Auch dort gibt es noch genügend Galerien, Musikinstitute und Theaterorte zu besichtigen. In perfektem Deutsch betont die junge Mutter: „Man muss allerdings dazu sagen, noch. Denn die historische Bedeutung Jerusalems für die palästinensische Gesellschaft“, fährt sie fort, „ist in den letzten Jahren der stockenden Friedensverhandlungen zu einem Symbol einer verlorenen Illusion mutiert. Längst befinden sich die Palästinenser in Jerusalem auf einsamem Posten, das hauptstädtische Kultur- und Geschäftsleben findet in Ramallah statt.“ Ost-Jerusalem wird zu einer leblosen Kulisse, die – abgeschnitten vom palästinensischen Hinterland – wie eine Marionette in einem schlechten Theaterstück an seidenen Fäden hängt.

Während der letzten „Qalandia International“, einer Kunstbiennale an verschiedenen Orten Palästinas, hat Alia Rayyan Kunst aus Gaza gezeigt. Befragt, wie man denn Kunstwerke aus dem hermetisch von Israel abgeriegelten Gazastreifen nach Jerusalem bringen könne, lächelt sie und meint: „Ganz einfach, mit FedEx. Eine Partnerfirma bringt die Waren aus Gaza-Stadt bis an den israelischen Checkpoint Eres. Dort werden sie von FedEx übernommen und nach Ramallah gebracht.“ Da es allerdings nicht erlaubt ist, Kunstwerke von Ramallah nach Jerusalem zu bringen, hat die Direktorin die Bilder und Fotografien in ihrem eigenen Auto transportiert, abgedeckt mit Tüchern. „Wie Sie sehen, liegt das Problem nicht in Gaza, sondern am Übergang von Ramallah nach Jerusalem.“ Auch jetzt wieder plant sie eine Kunstauktion, diesmal zugunsten der vergessenen Kinder von Gaza.

In der aktuellen Ausstellung des palästinensischen Künstlers Bashir Makhoul sieht man zunächst nur Schachteln, wie man sie in einem Papiergroßhandel erwerben kann. Schnell wird klar, dass es sich bei den großformatigen Bildern und Drucken um die Darstellung von Flüchtlingsunterkünften handelt, ineinander und übereinander geschachtelt, mit winzigen Fenstern, zugigen Türen, halbwegs intakt, aber auch von Geschossen durchsiebt. Es gibt keine Menschen. Diese Behausungen können verlassen sein oder die Bewohner haben sich in ihren provisorischen Unterkünften vor Angriffen und Überfällen versteckt.

 

Kunst und Kultur als kreative Wege der Stärkung  

In einem Aufsatz, dem sie den Titel „Am Scheideweg“ gegeben hat, führt Alia aus: „Politisch gesehen gibt es drei unterschiedliche Lebensbereiche für Palästinenser. Zum einen den der Palästinenser, die in den Zonen der Westbank leben, dann den der Palästinenser, die noch in Jerusalem und damit unter israelischer Besatzung stehen, und den der Palästinenser im abgeriegelten Gazastreifen.“ Alia Rayyan ist der Meinung, auch unter diesen Krisenbedingungen können Kunst und Kultur sehr wohl kreative Wege öffnen, um gesellschaftliche Entwicklungen zu unterstützen. Nach diesen Maximen hat sie ihr anspruchsvolles Programm ausgerichtet, das auch von der Europäischen Union unterstützt wird.

Markus Bugnyar, der im österreichischen Burgenland aufwuchs, muss sich seinen Etat für Kultur selbst erwirtschaften. Es war ihm sicher nicht in die Wiege gelegt, einmal im Herzen der Jerusalemer Altstadt, direkt an der Via Dolorosa, eine „Austrian Hospice Academy“ aufzubauen, die sich die systematische Illustration des Kultursektors in Palästina“ zur Aufgabe gestellt hat. Der jetzige Leiter des Österreichischen Hospizes versucht mit Konzerten, Ausstellungen, Lesungen und Vorträgen „die Zivilgesellschaft im Heiligen Land zu stärken“.

Künstlerisches Schaffen betrachtet er als deutliche Absage an jede Form der Gewalt. Der Künstler wird für ihn zu einem Zeichen der Hoffnung auf eine friedvolle Entwicklung aller gesellschaftlichen Bereiche. Dass in diesem Zusammenhang die Ausstellung der österreichischen Fotografin Andrea Krogmann „Gaza – between the wars“ als deutliche Mahnung gesehen werden muss, versteht sich von selbst. Es sind erschütternde Bilder von Menschen, denen nichts mehr geblieben ist, nicht einmal mehr die Hoffnung. Die Ministerin für Bildung und Frauen Gabriele Heinisch-Hosek hat bei ihrem Besuch die tragende Rolle des Hospizes für Frieden und Verständigung hervorgehoben. Dafür wurde Markus Bugnyar vor kurzem vom österreichischen Staat ausgezeichnet. Diese Auszeichnung bestärkt den katholischen Theologen in seiner Arbeit und gibt ihm die Möglichkeit, in den eleganten Räumen des Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert Kunst und Kultur nicht nur für die Bewohner der Altstadt, sondern auch für Besucher aus dem Ausland darzubieten.

Eine aktuelle Untersuchung der Aix Gruppe (Aix: Economics and Politics in the Israeli Palestinian Conflict Editors: Arie Arnon Saeb Bamya, March 2015), die aus israelischen, palästinensischen und internationalen Wissenschaftlern zusammengesetzt und an der Université Paul Cézanne-Aix-Marseille angesiedelt ist, zeigt, wie notwendig jegliche Unterstützung von außen ist. Keines der Szenarien, die in dem Buch „Economics and Politics in the Israeli Palestinian Conflict“ aufgezeigt wird, beinhaltet eine positive Zukunft für die Palästinenser. Die israelische Stadtverwaltung stellt keinen Etat für Kunst und Kultur im Ostteil der Stadt zur Verfügung.

Karim Nashashibi schreibt in seinem Aufsatz „Palestine – Israel Relations: Alternative Visions for the Future“ (ebda): „Ostjerusalem, das der Mittelpunkt der palästinensischen Ökonomie und Kultur war, wurde von der Westbank und Gaza völlig abgeschnitten.“ Eine reale Alternative kann auch er unter den jetzigen Bedingungen nicht aufzeigen. Das arabische Jerusalem wird tatsächlich von Tag zu Tag weniger. Während israelische Bewohner mit allen Bürgerrechten ausgestattet sind, wird den arabischen Mitbürgern nur eine sogenannte residency, ein Aufenthaltsrecht zugestanden, auch wenn sie seit Generationen in Jerusalem wohnen. Seit 2001 sind 9.000 solcher Aufenthaltsgenehmigungen von der Besatzungsmacht entzogen worden. Um die Ecke von Mahmoud Munas Haus sind israelische Siedler eingezogen. Sie haben die weiß-blaue israelische Fahne auf dem Dach gehisst. Sie ist weithin sichtbar und Mahmoud weiß sehr wohl, dass diese Fahnen zunehmen werden. Genauso wie sie in der Altstadt und auf dem Ölberg seit Jahren zugenommen haben.

„Wenn uns die Israelis weg haben wollen, dann müssen sie uns schon umbringen“, sagt er. Und fügt trotz allem optimistisch hinzu: „Das aber wird die Welt nicht zulassen.“ Man kann nur hoffen, dass der hochgebildete und weitgereiste Buchhändler Mahmoud Muna, der seit Wochen mit dem Brummen der Drohne leben muss, mit seiner Auffassung über die Welt Recht behält und sein Kulturprogramm weiterhin fortsetzen kann.

___________________________________________________________________________

Wolfgang Sréter lebt als freier Autor und Fotograf in München. Seit 2008 hat er den Nahen Osten regelmäßig bereist und veröffentlichte vor kurzem den Bildband „Übe das Leben jetzt – Art and Culture in Palestine“. Seine Ausstellung „Übe das Leben jetzt – Kunst und Kultur in Palästina“ wird am 28. Januar 2016 um 18 Uhr im Gasteig inMünchen eröffnet.