Was ich wirklich gesagt habe

von Amira Hass

Erschienen am 19. Dezember 2015 in „Haaretz“. Der Beitrag ist eine Antwort auf Berichte, die die Autorin fälschlich zitierten. Übersetzung aus dem Hebräischen von Judith Bernstein.

„Ich muss Sie warnen. Amira Hass ist Zionistin“, schrieb vor zwei Monaten eine pro-palästinensische Aktivistin in Südafrika über mich. Als sie den Raum verließ, waren ihre Augen schon zornig, weil ich in meinem Gespräch mit ihr und ihren Kollegen etwas jenseits des Üblichen gesagt hatte. Zum Beispiel hatte ich mich nicht zugunsten der magischen Einstaatlösung ausgesprochen oder die Kriege gegen Gaza als Völkermord definiert.

Ich habe auch den Aktivisten gesagt, dass es nicht reiche, die kolonialen Wurzeln Israels zu analysieren. Der historische Kontext müsse auch die Mordindustrie der Nazis und die Tatsache einschließen, dass die meisten Länder sich weigerten, eine große Zahl jüdischer Flüchtlinge aufzunehmen.

Was die Zuhörer offensichtlich am meisten ärgerte, war mein Wagnis zu argumentieren, dass der Einsatz von Waffen die palästinensische Sache heute nicht fördere. Nicht nur wegen meiner israelischen Identität war ich gegenüber der Verehrung für den bewaffneten Kampf und der Kriege kritisch. Sondern ich machte aus einer feministischen und sozialistischen Weltanschauung deutlich, dass ich die tödliche Mimikry von Männern verachte (ob unter Soldaten oder zwischen Palästinensern und Soldaten), darüber zu wetteifern, wer „den größeren“ habe. Der der Israelis ist größer. Ihre Schlagkraft der destruktiven Vergeltung ist größer, so dass andere Mittel für den Kampf gefunden werden müssen. Außerdem gibt es die revolutionäre Verantwortung, die weitere Vernichtung und Zerstörung zu verhindern und nicht nur die menschlichen Bedürfnisse der Unterdrückten nach Vergeltung zu verstehen.

Ich erzähle auch jedem Publikum, was es nicht hören will. Ich erzähle Zionisten, wie überraschend es sei, dass die Zahl der palästinensischen Gewaltakte im Vergleich zur systematischen und erniedrigenden Gewalt, die israelische Institutionen gegen sie anwenden, gering ist. Auf einer pro-palästinensischen Konferenz vor ungefähr zwei Jahren in den Niederlanden habe ich gesagt, dass die jüdische Bindung an das Heilige Land nicht ignoriert werden dürfe. Doch hier trafen mich wieder zornige Blicke, als ob ich nie gegen die Enteignung und die Vertreibung von Palästinensern geschrieben hätte.

Bei Begegnungen mit Angehörigen der zionistisch-sozialistischen Jugend in Südafrika habe ich gesagt, dass sie nicht nach Israel auswandern sollten. Da sie wie die anderen Weißen von den alten Privilegien kriminellen Ausmaßes in Südafrika profitieren, sollten sie in ihrem Land bleiben und offen die Verbrechen der Apartheid bändigen. Das volle Bewusstsein, weitere Privilegien. nämlich der Auswanderung nach Israel, zu nutzen, würde auf die Wahl hinauslaufen, an anderen Verbrechen beteiligt zu sein.

Ähnliches habe ich auf einem Podium gesagt, wo ich vergangene Woche auf der Konferenz von Haaretz in New York moderiert habe, die dem Kampf um die Gleichberechtigung galt. Die Zuhörer waren meistens liberale Zionisten. Die Vertreter der Medien machten klar, dass Haaretz ein zionistisches Blatt sei und dass ihre Gegnerschaft gegen die Besatzung auf zionistischen Prinzipien gründe. Ich empfand es als angemessen, mich von dieser Ansicht zu distanzieren.

Der Zionismus predigt die Auswanderung der Juden in der Diaspora nach Israel. Jeder liberale Jude, dem es in der Diaspora gutgeht, muss wissen, dass Israel, ohne dass er einwandert, ihm Rechte garantiert, die Palästinensern, die oder deren Eltern im Land geboren sind, vorenthalten werden. Die Juden der Diaspora haben das Recht, Israel zu besuchen, die israelische Staatsbürgerschaft zu erwerben, auf beiden Seiten der Grünen Linie zur Westbank vor 1967 zu leben und zu arbeiten, einen Israeli zu heiraten, zwischen Israel und den USA hin- und herzureisen. Dabei verlieren sie nicht ihre Rechte in beiden Ländern.

Alles, was Israel den Juden der Diaspora einräumt, verweigert es den Palästinensern. Die Mehrheit der Palästinenser, die im Ausland lebt, hat nicht einmal das Recht, das Land ihrer Mütter und Großmütter zu besuchen (ihre wirklichen, nicht jene imaginären vor vielen tausend Jahren). Jene, denen der Besuch erlaubt wird, sind Einschränkungen unterworfen: Einige können die Westbank nicht verlassen, andere dürfen die Westbank nicht betreten, die meisten dürfen nicht in den Gazastreifen.

Israel hindert sie nicht nur daran, in ihr Land zurückzukehren. Es hindert sie auch daran, sich in den Enklaven der Westbank niederzulassen. Palästinenser, die schon geflohen sind oder versuchen, dem Albtraum des syrischen Abschlachtens zu entkommen, können nicht einmal von der rationalsten Option träumen: im Land ihrer Herkunft Zuflucht zu finden.

Es gilt die Regel, dass Palästinenser im Gazastreifen nicht ins Ausland, nach Israel oder in die Westbank fahren dürfen. Sie werden daran gehindert, in der Westbank zu leben, und Palästinenser in der Westbank werden daran gehindert, in 60 Prozent ihres Territoriums [der Zone C, die gemäß der Osloer Interimsvereinbarung von 1995 unter vollständiger israelischer Kontrolle steht] zu wohnen. Juden aus Brooklyn oder Tel Aviv können sich morgen in der jüdischen Siedlung Ofra niederlassen. Bewohner des palästinensischen Dorfes Silwad, dessen Boden für Ofra gestohlen wurde, haben nicht das Recht, sich in Jaffa niederzulassen oder eine Kolonie außerhalb Jerusalems aufzubauen.

Menschen, die in Jerusalem geboren wurden, werden aus dem Land vertrieben und verlieren ihren Residenzstatus, wenn sie es wagen, in den USA zu heiraten und zu arbeiten. Nebenbei gesagt, werden sie auch von Israel daran gehindert, in Kafr Qassem oder in Beersheva – also in Israel – zu leben. Es ist ihnen nur gestattet, in den Ghettos zu wohnen, die wir für sie in der vereinigten Stadt [Jerusalem] geschaffen haben.

Israel nutzt die jüdische Einwanderung, die Enteignung und die Vertreibung als Ausflucht. Auswanderer nach Israel werden zu bewussten Kollaborateuren mit der extrem wachsenden Apartheid-Politik. Apartheid wird als Verbrechen bezeichnet. Wir, die wir in diesem Land geboren wurden, werden gegen unseren Willen zur Kollaboration gezwungen. Was uns allein bleibt, ist der Einsatz unserer Sonderrechte, das Privilegienregime zu bekämpfen und, soweit möglich, das Ausmaß unserer Kollaboration mit der Enteignung zu reduzieren. Wir sind nicht die einzigen. Israel ist nicht das einzige böse Regime auf der Welt, das Rechte für einige Gruppen schafft und es anderen vorenthält. Doch Israel ist unsere Heimat.

Als Michael Warschawski ("Mikado"). Gründer des "Alternative Information Centre" in Jerusalem, 2012 den Menschenrechtspreis des französischen Premiers erhielt und der palästinensische Botschafter ihm bei einem anschließenden Gala-Essen im Namen des palästinensischen Volkes dankte, unterbrach ihn Warschawski mit dem Hinweis, die Palästinenser seien alt genug, um zu wissen, was sie zu tun hätten. Er tue, was zu tun sei, für seine Enkel Idan und Daria. Er wolle nicht, dass sie eines Tages zu Flüchtlingen würden. Denn es sei ihre Landschaft, ihr Duft und ihre Sprache.