Georg Landauers "Prüfstein"

von Reiner Bernstein

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„Das Kardinalproblem des Zionismus und des jüdischen Nationalheims, sein Prüfstein, war von Anfang an und er ist es bis auf den heutigen Tag geblieben: die Gestaltung des Verhältnisses zur arabischen Einwohnerschaft des Landes und zur arabischen Umwelt überhaupt.“ Doch die „Ideologie der Macht“ habe die zionistische Bewegung immer nachhaltiger in ihren Bann gezogen, „bis sie sie schließlich – von einer unbedeutenden Minderheit abgesehen – gänzlich erobert“ habe.

Die Sätze stammen von Max Kreutzberger (1900 - 1978), dem Leiter des „Leo Baeck Institute“ in New York, in „Erinnerung an Georg Landauer, den geistigen und politischen Führer, den unvergesslichen Lehrer und Freund“. Robert Weltsch (1891 – 1982), langjähriger Chefredakteur der zionistischen „Jüdischen Rundschau" in Berlin und nach seiner Emigration Leiter des „Leo Baeck Institute", in London, fügte hinzu, dass es die „Bewährung des Mannes“ sei, „den geschichtlichen Kräften standzuhalten und Rettungsmaßnahmen in konstruktive Bahnen zu lenken“.

Georg Landauer wurde 1895 in Köln geboren und starb überraschend 1954 in New York. Er hatte sich im Kaiserreich freiwillig zum Militärdienst gemeldet und danach Rechtswissenschaft und Volkswirtschaft mit dem Abschluss der Promotion studiert. Ihm ging es nicht darum, zu den Ländern der jüdischen Zerstreuung ein weiteres hinzuzufügen. 1934 ließ er sich endgültig in Palästina nieder. „Wir haben es unterlassen“, zu betonen, klagte er auf dem 12. Zionistenkongress im September 1921 in Karlsbad, „dass wir keine Herrschaft über die Araber anstreben, sondern dass wir mit ihnen zusammen als gleichberechtigte Völker in Palästina leben wollen. Wir konnten gar nicht genug alle Zeitungen füllen mit dem Gefasel von der ‚jüdischen Mehrheit‘ im Lande…“  

Da der größte Idealismus bei leeren Kassen keinen Bestand gehabt hätte, kümmerte sich Landauer in Verhandlungen mit Nazi-Deutschland um die Mitnahme privater Vermögensanteile und als Gegenwert zum beschränkten Devisenverkehr um Warenlieferungen – gegen erbitterte jüdische Widerstände in den USA mit ihrer Forderung nach einem vollständigen Boykott Deutschlands.

Waren bis 1933 nur 2.000 Juden nach Palästina ausgewandert, so stieg ihre Zahl bis 1939 um weitere 65.000 an, darunter 5.000 Kinder und Jugendliche. Auf dem Zionistenkongress im Sommer 1935 in Luzern würdigte sein Präsident Chaim Weizmann (1874 – 1952) den „Ernst“ und den „Eifer fast alle(r) deutschen Einwanderer, an erster Stelle (der) Jugend, sich nicht nur in die Wirtschaft, sondern auch in das Geistesleben des jüdischen Palästinas einzuordnen“. Diesem Bemühen stand freilich die allgemein geringe Wertschätzung gegenüber, die Tom Segev in seinem Buch „Die siebte Million“ belegt hat.

Noch einen Monat vor der Staatsgründung Israels verlangte Landauer für die jüdisch-arabische Verständigung und die Zusammenarbeit ein „Programm des Kompromisses und nicht der Niederwerfung". Durchgesetzt hat sich der Aufruf „Build more, talk less“ David Ben-Gurions, dem Vorsitzenden der „Jewish Agency for Palestine“.

In seiner Würdigung des 1933 am Strand von Tel Aviv ermordeten Chaim Arlosoroff (geb. 1899), eines bedeutenden Repräsentanten der zionistischen Arbeiterbewegung in Palästina, machte Landauer auf "die seltsame Tatsache" aufmerksam, "dass das Westjudentum eine stärkere Beziehung zur Lehre des Ostjuden Achad Ha'am (1856 - 1927) von der Bedeutung der Wiederaufrichtung eines Zentrums jüdischer nationaler Kultur und das Ostjudentum eine leidenschaftlichere Beziehung zur Judenstaatslehre des Westjuden Theodor Herzl (1860 - 1904) gewinnen hat". Dieser Unterschied schlage sich auch im Vollzug politischer Probleme nieder.      

Wie damals der „herrschende Zionismus“ Ben-Gurions die moralischen Elemente des Aufbauwerks ignorierte, so findet der „oppositionelle Zionismus“ von heute, zerklüftet in viele Gruppen, keinen gemeinsamen Nenner.