Achad Ha'am: Zwei nationale Rechte

von Reiner Bernstein

Ahad_Haam.jpg

Asher Zvi Ginzberg (geboren 1856 in Odessa, gestorben 1927 in Palästina) ist als Kulturzionist, als agnostischer Rabbi, als schärfster Denker einer nationaljüdischen Renaissance und als inoffizieller Vater der israelischen Zivilreligion bezeichnet worden. Seit 1889 wollte er nach Überwindung seines Lampenfiebers „nicht etwa als einer der Schriftstellerzunft, sondern als ‚Achad Ha’am‘, als Einer aus dem Volk“, auftreten. Zu seinen Anhängern gehörten Judah L. Magnes (1877 – 1948), Martin Buber (1878 – 1965) und Akiva Ernst Simon (1899 – 1988).

Im Jahr 1881 brach Achad Ha’am zu seiner ersten Reise nach Palästina auf. In seiner Aufsatzsammlung „Am Scheidewege“ ahnte er für den jungen Zionismus „zahlreiche und schwierige Hindernisse“ voraus, denn zur „Konzentration des Volkes“ würden nicht nur „ein gesunder Körper, sondern auch ein gesunder Geist“ gehören. „Wir im Ausland“, so sein Fazit auf der Rückreise nach Odessa,

 „pflegen zu glauben, das Palästina heute ein fast ganz wüstes, unbebautes Ödland ist, und jeder, der dort Grund und Boden kaufen will, dies nach Herzenswunsch tun kann. Dem ist aber nicht so.“   

Die Araber vor allem in den Städten würden „unsere Tätigkeit im Lande“ sehr wohl durchschauen, ließen sich aber nichts anmerken, „weil sie in unserem Tun vorläufig keine Gefahr für ihre Zukunft sehen“, urteilte er gleichsam prophetisch. Im April 1895 – also noch vor dem Erscheinen von Theodor Herzls „Judenstaat“ – zitierte er zwecks Unterscheidung zwischen der „Judennot“ (der Rettung vor Verfolgung) und der „Judentumsnot“ (dem Sieg der Moderne über den religiösen Traditionalismus) „ein(en) hervorragende(n) Mann“, wonach „die Befreiung unseres Geistes unserer nationalen Befreiung vorangehen“ müsse. Deshalb bedrückte ihn die "gedankliche Leere" Herzls.

 

Kritik an der Balfour-Erklärung – wie Magnes

Die Balfour-Deklaration vom November 1917 hatte sich für die „Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ ausgesprochen. Damit war der Vorschlag der zionistischen Delegation mit Chaim Weizmann (1854 – 1952) an der Spitze obsolet, das Land zur „Wiedererrichtung Palästinas als nationale Heimstätte des jüdischen Volkes“ freizugeben.

 Für Achad Ha‘am war das Recht des jüdischen Volkes auf Rückkehr und auf die Niederlassung „im Lande der Väter“ unzweifelhaft. „Aber“, fügte er 1920 hinzu,

 „dieses historische Recht hebt nicht das Recht der übrigen Landesbewohner auf, die sich auf das reale Recht des Wohnsitzes und der Arbeit im Lande seit Generationen berufen können. Auch für sie ist dieses Land ihr gegenwärtiges nationales Heim, und auch sie haben das Recht, ihre nationalen Kräfte nach dem Maße ihres Könnens zu entwickeln. Diese Lage macht also Palästina zu einem gemeinsamen Ort für verschiedene Völker, von denen jedes sich bemüht, dort sein nationales Heim zu errichten.“

London habe es wohlweislich vermieden, „das Recht der gegenwärtigen Einwohner aufzuheben und das jüdische Volk zum Alleinherrscher zu machen“. Diese Äußerung war schon deshalb bemerkenswert, weil drei Wochen zuvor, am 01. Mai, bei Demonstrationen in Jaffa 47 Juden und 48 Araber getötet worden waren.

Als sich David Ben-Gurion 1933 mit dem juristischen Berater der Mandatsregierung Mussa Alami (1897 – 1984) traf, wurde ihm eines klar: Alami zog es vor, „dass das Land sogar noch hundert Jahre arm und wüst bleibt, bis wir Araber aus eigener Kraft imstande sein werden, es zur Blüte zu bringen und zu entwickeln“. Ben-Gurion reagierte mit dem Gefühl, Alami habe „als arabischer Patriot das Recht zu dieser Äußerung“.