Zwischen Verzweiflung und Prophetie: Meron Benvenistis illusionslose Bilanz

Die Leitung des in aller Welt wegen ihrer jahrelangen Versuche um die israelisch-palästinensische Verständigung geschätzte „Israel/Palestine Center for Research and Information“ unter Leitung von Riman Barakat und Dan Goldenblatt schrieb im April 2012: „The international community needs to come to terms with a reality of a permanent occupation regime which the Israeli government is willing to maintain indefinitely.“

Wer Meron Benvenisti auf Tagungen oder in persönlichen Begegnungen erlebt hat, mochte den Eindruck tiefer Verletzungen gewinnen. Der 1934 in Jerusalem geborene Sohn David Benvenistis, der mit seinem dreibändigen Werk „Das Land kennen“ („Yediat Haaretz“) eine ganze Generation junger Juden in der britischen Mandatszeit beeinflusst hatte, wobei er kaum zwei oder drei Seiten der arabischen Bevölkerung widmete, verstand sich auf einen „Mechanismus der Indoktrination“, der in jedes jüdische Kind die Ideologie des Zionismus einpflanzte, erinnerte sich sein Sohn in seinem Buch „Sacred Landscape“ (2000). 

Im Gespräch mit Ari Shavit[2] gibt er nun zu erkennen, dass sein als vulkanisch-eruptiv beschriebenes Temperament in nicht geringen Teilen auf die väterliche Methode zurückzuführen sei, ihn zu einem „Eckstein dieses Landes“ zu erziehen. Ergänzt worden ist die politische Emanzipation vom Vater durch weitere Veröffentlichungen wie „Intimate Enemies: Jews and Arabs in a Shared Land“ (1995) und „City of Stone. The Hidden History of Jerusalem“ (1996); hinzu kamen zwei Titel, die nur in hebräischer Sprache vorliegen. In ihnen, schrieb der Kolumnist der „New York Times“ Thomas L. Friedman in einem Vorwort, zeige sich der Autor als „eine Oase des Wissens in den intellektuellen Wüsten des Nahen Ostens – Wüsten, in denen Scharlatane und Ideologen, Agitatoren und heilige Männer, ohne von Fakten, der Geschichte oder Statistiken berührt zu sein, sich regelmäßig äußern und das Göttliche beschwören“.

[2]   Ari Shavit: Jerusalem-born thinker Meron Benvenisti has a message for Israelis: Stop whining, in „Haaretz“ 11.10.2012. Die längere Fassung des Gesprächs mit Shavit in hebräischer Sprache ist von der Redaktion unter den Titel „Meron Benvenisti: Hier wird es keine zwei Staaten geben” in „Haaretz” 04.10.2012 gestellt worden. 

Seit seinem „West Bank Data Project“ in den 1980er Jahren räumt Benvenisti gründlich mit zwei psychosozialen und politischen Mythen auf, die nicht nur von jüdischen Israelis und arabischen Palästinensern gepflegt werden, sondern denen auch die öffentliche Meinung im Westen frönt: Die eine vergleicht die Besatzungspolitik mit der Apartheid in Südafrika:

„Der Vergleich mit Südafrika ist von Grund auf falsch, schlicht und gefährlich. Dort gab es etwas, was hier nicht existiert: biologischer Rassismus. Die Weißen dort machten nur 17 Prozent aus, die Schwarzen 83 Prozent. Doch andererseits teilten die Weißen und die Schwarzen die Religion, lebten nebeneinander, und die Schwarzen wurden nicht vertrieben. Deshalb akzeptiere ich nicht die Behauptung, dass Israel ein Apartheid-Staat sei. Denn selbst was in den [palästinensischen] Gebieten geschieht, ist nicht genau Apartheid. Doch was sich entwickelt, ist nicht weniger schwerwiegend. Es ist eine Herrennation-Demokratie; auf Deutsch eine ‚Herrenvolk-Demokratie‘. Wir leben in einem Land wie in einer vollblütigen Demokratie, haben aber eine Gruppe von Dienern – die Araber –, auf die wir die Demokratie nicht anwenden. Das Ergebnis ist eine Situation der extremen Ungleichheit.“

Der zweite Mythos & tickende Bomben

Der andere Mythos lebt von der Option zweier souveräner Staaten in Palästina, die für Benvenisti keine realistische Option mehr ist. Daraus zieht er die Schlussfolgerung, dass der jüdische Nationalstaat Israel als System nicht überleben könne, weil er implodieren werde. Die „guten Israelis“ würden letztlich die Spannung zwischen ihren liberalen Werten und der Brutalität der Realität, in deren Mitte sie leben, nicht aushalten und gehen. Das geschehe bereits. Es bedürfe des Übergangs in einen Paradigmenwechsel, weil das ganze Land eine geographische, physische und psychologische Einheit sei, die sich nicht teilen lasse. Mithin habe sich das beschworene Recht auf nationale Selbstbestimmung erledigt. Ehud Baraks „Villa im Dschungel“ funktioniere nicht, „wie Sie und Ihre Freunde in Tel Aviv meinen“.

Davon müsste Benvenisti allerdings noch die Mehrheit der israelischen Bevölkerung überzeugen, so Shavit. Die Vorsitzende der Arbeitspartei Shelly Yachimovich hat für diese Herkulesaufgabe einen ersten Vorgeschmack geliefert, als sie zu Netanjahus Bemühen, Israel nicht länger als Besatzungsmacht in den palästinensischen Gebieten zu bezeichnen, mit der Bemerkung beruhigte, zwischen Rechts und Links gebe es dazu keinen Streit.  

Unberührt von tiefen religiösen Gefühlen – wenn auch mit massiver ultraorthodoxer Unterstützung aus dem antizionistischen Lager gewählt – hatte Benjamin Netanjahu 1996 nach seinem Amtsantritt eine unlösliche Verbindung zwischen der jüdischen Präsenz in Hebron und dem Leben in Israel hergestellt: „Die Forderung, Hebron aufzugeben, kommt der Forderung gleich, den Zionismus aufzugeben und zu bestimmen, dass wir hier nichts zu suchen haben.“ Hatten Rabin und Peres eine säkulare Koalition säkularer Staaten im Auge, um dem islamischen Fundamentalismus Einhalt zu gebieten, wurde zu Netanjahus Zeiten die Befürchtung laut, dass die Zwei-Staaten-Lösung möglicherweise auf eine verfassungskonforme Trennung zwischen orthodoxen und säkularen Israelis hinausläuft, wenn das westliche Demokratie-Modell gegen das Gesetz Gottes ausgetauscht werde – eine Entwicklung, die selbst von wohlmeinenden Anhängern der These von der Zentralität Israels für die Juden in aller Welt als „halachischer Terrorismus der Ultra-Orthodoxie“ scharf kritisiert wurde. Wir brauchen keine auswärtigen Feinde mehr, weil wir hausgemachte tickende Bomben haben, so Yaacov Neeman, damals Netanjahus Finanzminister und heute sein Justizminister.

Nachdem damals Siedler in Hebron dann mit ihrem Selbstmord gedroht hatten, sollten ihre drei Enklaven in der Stadt aufgelöst werden, ist eine politische Entscheidung noch unwahrscheinlicher geworden, auf die Westbank zu verzichten. Da sich herausstellte, dass 65 Prozent der arabisch-moslemischen Bevölkerung religiös sind, hätte sich eine Dreiteilung Israels angeboten. Als Arafat offiziell den Titel „First Lord of Canaan“ annahm und die Tageszeitung „Al-Quds“ ganzseitige Berichte über das „kanaanitisch-palästinensische Volk“ veröffentlichte, war auch hier der Griff in die ferne Geschichte vorgenommen.

Zwischen Benvenisti und Nusseibeh

Ist das theoretische Konstrukt der Zwei-Staaten-Lösung „eine Lüge“, so ist für Benvenisti die „Gleichheit in Ehren“ die Alternative. Hierbei ist er sich zwar mit Sari Nusseibeh einig, der in seinem Buch „What isa Palestinian State Worth“ (2011) vor den „Fallen eines palästinensischen Staates“ und vor der „absoluten Notwendigkeit, einen separaten oder sogenannten unabhängigen Staat“ zu haben, gewarnt hat, aber vorschlug, „dass Israel offiziell die besetzten Gebiete annektiert und dass die Palästinenser im erweiterten Israel ihre Zustimmung geben, dass der Staat jüdisch bleibt und ihnen im Gegenzug volle bürgerliche, nicht jedoch politische Staatsbürgerrechte zuerkennt. Auf diese Weise wäre der Staat jüdisch, doch das Land wäre vollständig binational…“

Mit Nusseibehs Vorschlag hätte die bereits existente binationale Struktur zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan den verfassungsrechtlichen Segen erhalten. Die politische Doppeldeutigkeit wäre durch eine handfeste Asymmetrie ersetzt – mit Weiterungen auf zentrale Konfliktfelder wie Jerusalem und der Anspruch der palästinensischen Flüchtlinge auf Rückkehr. Der Introspektion in die bedenklichen Metamorphosen des Zionismus würde es nicht bedürfen, und der „Friedensprozess“, dem das Verständnis einer zeitlich begrenzten Besetzung palästinensischer Territorien zugrunde liegt, wäre endgültig ad absurdum geführt, von den eingegrabenen Gefühlen der Feindschaft – von der Zementierung der ökonomischen und sozialpolitischen Gräben zu schweigen. Das Votum zugunsten politischer Gerechtigkeit und Fairness, in der Geschichte regelmäßig uneingelöst, hätte der Dauerhaftigkeit des Status quo Platz gemacht.

Für Benvenisti ist der Zionismus zwar nicht in Sünde, aber mit Illusionen geboren und nach dem System von Teilen und Herrschen nach 1948 seit dem Junikrieg 1967 auf die palästinensischen Gebiete übertragen worden. Nicht Yossi Beilin, sondern diejenigen hätten den Prozess bestimmt, die in den Osloer Vereinbarungen, die angeblich unumkehrbar waren, eine Gelegenheit sahen, die Besatzung indirekt und angenehm fortzuführen:

„Jahrelang haben wir gegen die Araber gebaut. Wie legten das Hula-Tal [in Nordgaliläa] trocken, wir zerstörten Jerusalem und rissen Judäa und Samaria auseinander. Aber danach haben die Araber gegen uns zu bauen begonnen. Sie sind nicht besser als wir. Sie vergewaltigten die Erde, und jetzt ist die Erde vergewaltigt. Aber ich weiß, dass am Ende die Erde uns auslachen wird, denn wir können nicht ohne sie sein, und sie kann nicht ohne uns sein.“

In der Ära der Regierung Yitzhak Rabins wurden zwischen 1992 und 1995 in der Westbank 1.400 weitere Wohneinheiten gebaut, die jüdische Bevölkerung wuchs dort von 105.000 auf 145.000.  

„Der letzte Zionist“

Aufgrund seines naturalistischen Verständnisses vom Boden als Heimat betont Benvenisti, dass er – ohne im Besitz einer zweiten Staatsbürgerschaft wie andere, denen er Verachtung entgegenbringen dürfte – seine Sachen nicht packen und gehen werde, und verwahrt sich vehement gegen jene, die ihn aus dem zionistischen Lager vertreiben wollen:

„Ich bin einer der Gründer dieses Ortes, Ich komme von der zionistischen Mayflower. Ich werde niemandem erlauben, mich als einen Nicht-Zionisten zu behandeln.“

Obwohl er es ablehnt, politische Lösungen vorzuschlagen – dies sei nicht sein Beruf –, kommt Benvenisti nicht umhin, die Zukunft mit einem interessanten Vorschlag anzusprechen: So wie die Juden nach Judäa und Samaria zurückgekehrt seien, solle den palästinensischen Flüchtlingen die Rückkehr in ihre einstigen Wohnorte im heutigen Israel gewährt sein. Dort seien 140 Dörfer in Naturreservate und Nationalparks umgewandelt worden. Er sei weder David Grossman, der wie ein Captain Cook das Leben der Bewohner von Ferne beschreibe[3], noch Zeev Sternhell, der auf einen „Deus ex machina“ mit Namen Barack Obama warte und Israel zum Frieden zwinge.

Manchmal habe er, Benvenisti, das Gefühl, der letzte Zionist zu sein. Denn trotz der unmöglichen Verhaltensweisen seiner Landsleute sei die Schaffung einer jüdisch-israelischen nationalen Gemeinschaft höchst lebendig, schließt der Autor in einer Anwandlung von Selbstversöhnlichkeit. Aus tiefer theologischer Überzeugung heraus haben streng orthodoxe Siedler wie Rabbiner Menachem Froman (1945 – 2013) aus Tekoa – ironischerweise wohnt offiziell hier auch Avigdor Lieberman – die Auffassung vertreten, dass das Heilige Land nur Gott gehöre, und zwar Juden wie Muslimen zu gleichen Teilen. Alles sei eine Angelegenheit des Vertrauens, hat Froman exklusive zionistische Narrative, die zum festen Bestand der Erziehungs- und Bildungsarbeit gehören, zurückgewiesen. Die vor Jahren im Gesetz verankerten Referenden für den Fall von Rückzügen aus der Westbank (technisch annektiert) und von den Golanhöhen (rechtsförmig annektiert) müssen längst nicht mehr bemüht werden.  

„Der Tod des Friedens“?

Wer in die erste Amtszeit Benjamin Netanjahus zwischen 1996 und 1999 zurückblickt, als der Premier von James Baker zur „persona non grata“ im State Department erklärt würde, erinnert sich entweder, dass er Mitte Dezember 1997 bis Mai 1999 keine neuen Siedlungen genehmigen oder ihrer Erweiterung zustimmte, oder an das vom damaligen Chef des Inlandsgeheimdienstes Amy Ayalon überlieferte Bekenntnis aus dem Amt des Ministerpräsidenten, dass der Siedlungstätigkeit höchste Entwicklungspriorität eingeräumt werden solle, und Bill Clinton auf die Frage, ob die Siedlungen ein Hindernis für den Frieden darstellen würden, mit „absolut“ beantwortete.

Bewusst verweigerte Netanjahu die Zustimmung zu Oslo, und bei der Großdemonstration gegen die Interimsvereinbarung wenige Tage vor dem Anschlag auf Yitzhak Rabin am 04. November 1995 stand er in Jerusalem mit auf dem Podium in der ersten Reihe. Damals wurde prophezeit, dass seine Ermordung normativen Charakter annehmen und zum Zeugnis auf „unserem Marsch in die Selbstzerstörung“ werde. Sterbe mit seinem Tod das Vermächtnis des Friedens? fragte eine Zeitschrift.  

Wenn es stimmt, dass Juden auf den Zutritt zum einstigen Tempelberg, zu den Patriarchen-Gräbern in Hebron und anderen ihnen heiligen Plätzen in der Westbank wie das Rachel-Grab bei Bethlehem, in Bet El und auf den Tempelberg in Jerusalem nicht verzichten können, und wenn es stimmt, dass Palästinenser ebenso wenig den „Haram Al-Sharif“ – das „Noble Heiligtum“ –, die Geburtskirche Bethlehem und die Kirche der Verkündigung in Nazareth sowie den Zugang zum Mittelmeer aufgeben können, sind die verfassungsrechtlichen Alternativen begrenzt.

Kritik an den „Einstaatlern“

An die Adresse der „Einstaatler“ gerichtet, hat Benvenisti bemerkt: Warum sollen ausgerechnet im Nahen Osten die jüdischen und die palästinensischen Fanatiker unter einem Dach leben wollen, wenn sogar in Spanien, in Kanada und in Belgien die binationalen Strukturen zusammenbrechen? Er glaube nicht „an die Möglichkeit, in einem Staat gemäß dem Prinzip ‚one person – one vote‘ zu leben. Denn die Mehrheit wird dies nutzen, die Machtzentren zu besetzen und die andere Seite zu unterdrücken. Wir brauchen eine Struktur, die weder ein jüdischer noch ein palästinensischer Nationalstaat ist, sondern einen Rahmen, in dem beide Völker weiter streiten werden – aber auf der Grundlage der Gleichheit. Eine Gründung, auf der ich ihre Geschichte anerkenne und sie die meine anerkennen mit dem Versuch, eine vernünftige Balance zwischen den beiden herzustellen.“

Es bleiben föderative Arrangements oder konföderative Abschlüsse, wobei letztere ohne die Einbeziehung Jordaniens mit seiner palästinensischen Bevölkerungsmehrheit nicht vorstellbar sind.

[2]   Ari Shavit: Jerusalem-born thinker Meron Benvenisti has a message for Israelis: Stop whining, in „Haaretz“ 11.10.2012. Die längere Fassung des Gesprächs mit Shavit in hebräischer Sprache ist von der Redaktion unter den Titel „Meron Benvenisti: Hier wird es keine zwei Staaten geben” in „Haaretz” 04.10.2012 gestellt worden.

[3]   Benvenisti bezog sich auf Grossmans Buch „Der gelbe Wind. Die israelisch-palästinensische Tragödie“ (München 1988).