Geschichte und Tragik

von Reiner Bernstein  

Die „Zwischenstationen“ mit Sari Nusseibeh und Avraham Burg unter der Moderation von Hanno Loewy am 28. November 2015 im Jüdischen Museum Hohenems (Vorarlberg) sollten als Lehrstunde für divergierende Narrative im Gedächtnis bleiben. Während der Professor für politische Philosophie und frühere Präsident der „Al-Quds University“ aus der Geschichte des arabischen Volkes in Palästina schöpfte, breitete der Publizist nach seiner Karriere als Vorsitzender der „Jewish Agency“ und Präsident der Knesset das Füllhorn seiner politischen Ideen aus.

Die Differenz war der Abstand zwischen der bodenständigen Präsenz im Lande und den ins Existentielle hineinreichenden Suchbewegungen. Sie ließ die Frage aufkommen, wer am längeren Hebel sitzt: jene Protagonisten, die allen Fehlschlägen zum Trotz an der Logik zweier Staaten oder eines föderativen Systems zwischen Mittelmeer und Jordan festhalten, oder auf die Vergänglichkeit von Geschichte verweisen.

Sari Nusseibeh, aus einer der vier urbanen Notablenfamilien neben den Husseinis, den Nashashibis und den Khalidis stammend, ließ es sich nicht nehmen, den Stammbaum seines Namens bis auf die Zeit des Propheten Mohammed zurückzuführen und so Arafat oder Abbas weit hinter sich zu lassen. Insofern präsentierte er sich als Mann des langen historischen Atems, der für sein Volk die Zukunft mit oder ohne einen eigenen Staat abwarten kann, ja der – wie in seiner Buchanfrage „Ein Staat für Palästina?“ ausgeführt  – auf die Dringlichkeit politischer Mitwirkungsrechte für den Fall zu verzichten bereit ist, wenn Israel die palästinensischen Gebiete förmlich annektieren sollte.

 

 Stammbaum oder Einwanderung  

Avraham Burg hingegen begründete das jüdische Dasein im Lande mit der jahrhundertealten Sehnsucht und ihren Liedern, die in seinem Elternhaus am Shabbat und bei Mahlzeiten selbstverständlich waren. Am Beispiel seiner Urgroßeltern mütterlicherseits, seit vielen Generationen in Hebron zur religiösen Minderheit gehörend, unterstrich er deren Rettung durch eine angesehene arabische Familie während der Unruhen im Sommer 1929. Dass sein Gesprächspartner die Juden in der gemeinsamen Geburtsstadt Jerusalem erst nach 1967 wahrgenommen hatte, löste bei Burg „eine gewisse Irritation“ aus.

Dabei hatte Martin Buber in den 1920er Jahren vor einem Zionismus der „unreflektierten Selbstverständlichkeit“ im Verhältnis zur arabischen Bevölkerung gewarnt. Da sie in der israelischen Politik kein Gehör gefunden hat, blieb Burg nichts anderes übrig, als auf „Rechte, Rechte, Rechte“ für alle Bewohner in Palästina zu pochen – was bei manchen Zuhörern die Beobachtung gefördert haben dürfte, wie sich Nusseibeh, der Politik und ihren mathematisch anmutenden Formeln überdrüssig, bequem im Sessel zurücklehnte. Hinzu kam das Bekenntnis Burgs in ausdrücklicher Anlehnung an Hannah Arendt, er könne kein ganzes Volk, sondern nur seine Freunde lieben.

Wie selten zuvor stand der „Pragmatismus“ des allgemeinen Politikbetriebs den Lektionen in Hohenems disparat gegenüber: Er bildet die internationale Diplomatie ab, die Katastrophe in Palästina laufen zu lassen und sich aufs Krisenmanagement zu beschränken. Dass auch diese Alternative versagt, hat John Kerry gerade einmal mehr in Jerusalem und in Ramallah erlebt. Denn in Israel werden auswärtige Hilfsangebote als Nötigung empfunden, während die Autonomiebehörde im strategischen Chaos versinkt.