Aus dem Buch Josua lernen

von Reiner Bernstein  

Wie politisch naiv darf ein westlicher Außenminister sein? Nachdem John Kerry am 24. Oktober in Amman die Installierung von Videokameras auf dem Jerusalemer Tempelberg als „game changer“ gelobt hatte, dauerte es keine 48 Stunden, bis Israels Premier den Entzug des Residenzrechts für viele tausend unerwünschte Palästinenser im Ostteil der Stadt ins Gespräch brachte.

Alles, was auf dem Tempelberg geschieht, steht unter dem Vorbehalt der israelischen Souveränität. Von einer Preisgabe der Altstadt als notwendigem Teil einer Zweistaatenregelung war und ist keine Rede. Wenn an der Bescheinigung Peter Altmeyers etwas dran wäre, dass Israel und die Türkei – welch bittere Ironie in diesen Tagen! – die einzigen Demokratien im Nahen Osten seien, dann hätte Benjamin Netanjahu als Chef des Außenministeriums seine dortige Stellvertreterin Tsipi Hotevely sofort entlassen müssen, als sie von der israelischen Flagge auf dem Tempelberg „träumte“.

Seine jetzige Zusage, dass nur Muslime auf dem Gelände des Noblen Schreins beten dürfen, wird dem Druck von Extremisten aus den eigenen Reihen nicht standhalten. Der Ministerpräsident muss keine politischen Konsequenzen seitens seiner internationalen Partner fürchten. Denn er hat sehr wohl die sich systemisch auswachsende Schwäche Washingtons in der Region und den drohenden Konkurs der gesamten europäischen Idee im Zeichen der gewaltigen Fluchtwellen im Auge.

Vor dem Auswärtigen und Sicherheitsausschuss der Knesset hat Netanjahu gerade eben klargestellt, er wolle keinen „binationalen Staat“, so dass Israel zwecks Kontrolle des gesamten Territoriums „auf ewig mit dem Schwert leben“ werde. Lasst jede Hoffnung zugunsten des Friedens dahinfahren, lautet in Übersetzung die Botschaft an die westliche Diplomatie.

Als wir im Frühjahr auf den Golanhöhen mit einem Angehörigen der dort stationierten internationalen Schutztruppe ins Gespräch kamen, resümierte er seine Erfahrungen mit dem Hinweis, dass er in der Bibel gerade das Buch Josua lese.

 Wie eigentlich würde Berlin reagieren, wenn angesichts der endgültigen Implosion zwischen Mittelmeer und Jordan Tausende Palästinenser und verzweifelte Israelis die Flucht nach Europa antreten? Was bliebe dann von der Zusicherung übrig, dass die Existenz Israels Teil der deutschen Staatsräson sei?