Es ist Netanyahu, der Israel ruiniert hat

von Avirama Golan, "Haaretz" 22. Oktober 2015. Übertragung aus dem Hebräischen von Judith Bernstein

Man muss keine Historiker bemühen, um den Abscheu zu entkräften, den Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Vorabend seines Treffens mit Bundeskanzlerin Angela Merkel auf uns goss. Auch Bilder und Zeugnisse von Babi Yar und Zitate aus dem Eichmann-Prozess muss man nicht aus der Tasche ziehen. Ich bitte euch, mit all dem Kummer, der Demütigung und dem Gefühl, man hätte Euch in ein Hemd von Verrückten gesteckt, schade.

Sogar zu sagen, er würde hetzen, ist überflüssig. Er? Agitator? Gegen die Araber im Allgemeinen und Palästinensern im Besonderen und nebenbei  gegen die arabischen Bürger Israels? Auch über die vulgäre Ignoranz, die „der Sohn eines Historikers" zeigt, gibt es keine Notwendigkeit, sich aufzuregen. Netanyahu hat sich noch nie für Fakten interessiert. Beschwörungen von Halbwahrheiten, um die Geister und Dämonen zu wecken – darin ist er stark.

Wie in allen Fällen, wo er angeblich versehentlich ertappt wurde, hat er auch diesmal sich weder verwirrt noch sich geirrt gezeigt. Denn je schlimmer und komplizierert die Lage wird, die seine Unfähigkeit zeigt, desto besser kann er mit Worten jonglieren. Zwar ist die Ausdrucksweise Netanyahus im Hebräischen wie auch im Englischen primitiv und arm, aber das ist genau das richtige Sprachniveau der Propaganda.

Es stimmt: Diesmal hat sich Netanyahu selbst übertroffen. Die Beschuldigung der Palästinenser, für die Nazi-Todesfabrik verantwortlich zu sein, gleicht in ihrer Genialität vielleicht nur den „Protokollen der Weisen von Zion". Bekanntlich sind auch sie auf der Grundlage von Fragmenten aus Fakten und Zitaten entstanden, die man kaum entkräften kann. Dennoch genossen sie enorme Zustimmung, und zwar vor allem bei denen, die diesen Unsinn von Anfang an geglaubt haben.

Aber diese verrückten Aussagen des Ministerpräsidenten, basierend auf entstellten Informationen, die seriöse Forschungen, Dokumentationen und  Beweise widerlegen, sind kein Zufall. Selbst das verlockende Geschenk an diejenigen, die die „Endlösung“ leugnen (ich würde mich über einen Artikel mit dem Titel „Die Tötung der Juden Europas als Teil der palästinensisch-zionistischen Konflikts" nicht wundern), wird Netanyahu nicht sein Lebenswerk verderben: die Auflösung des Zionismus und die Spaltung des jüdischen Volkes.

Wenn es um Geschichte geht, wird diese ihn sicherlich als den Anführer der nationalen Auflösung krönen. 1996 übernahm Netanyahu eine fast kaputte und ängstliche Gesellschaft, die aber immer noch auf staatlichen Füßen stand und über einen nicht geringen sozialen Zusammenhalt verfügte. In einem nicht-kontinuierlichen Zeitraum von 20 Jahren hat er sie vollkommen zerstört. Die Kombination von radikalem Neoliberalismus und dem Anschluss an radikale messianisch-nationalistische Kräfte und antidemokratische Elemente aus dem In- und Ausland führte zu einer Umgestaltung des Staates Israel in eine Sammlung zerbrechender, verstreuter und separatistischer Gemeinden, eingeschlossen in einer Insel aus paranoider Existenzangst, und zu einer Spaltung des jüdischen Volkes in der Diaspora als Ergebnis des Zerfalls.

Die Eskalation in den letzten Wochen ist nichts anderes als ein Quantensprung in dieser Realität, die Netanyahu und seine Regierungsfreunde mit voller Wucht fördern. Die Erlaubnis, eine Waffe zu tragen und den Befehl zu schießen, um zu töten, das groteske Bild des Erziehungsministers (!), der eine Schusswaffe trägt, die Panik der bezahlten Schutzkräfte und die pornografische Beschäftigung mit den Terrorereignissen – sie alle sind das zerstörende, aber selbstverständliche Ergebnis eines aggressiven Partikularismus des Staates und seine Übergabe an einem gewalttätigen Rassismus.

Netanyahus Israels ist nicht länger ein souveräner Staat, sondern eine gebrechliche, verzweifelte jüdische Zersplitterung, die von Milizen beherrscht wird, die Rache gegen seine wechselnden Feinde, die „Goyim", nimmt, mal an Polen, mal an Arabern, je nach Ort und Zeit. Je mehr dieser Prozess sich beschleunigt, desto stärker wird die Sehnsucht nach einem starken Führer, der Ordnung in dieses Chaos bringt, das mit Blut getränkt ist. Es gibt keine Notwendigkeit, die Geschichte zu zitieren. Es reicht zu verstehen, dass dies kein Zufall ist. Es ist die Methode.